Von Stommeln nach Nideggen/Jülich: Die Geschichte des Christinastifts

Die Geschichte des Christinastifts : Der mystische Kult um Christina von Stommeln

Von Stommeln über Nideggen nach Jülich: Die Gebeine der Christina von Stommeln werden auch aus machtpolitischen Gründen zweimal umgebettet. Im 16.Jahrhundert entsteht ein Kult um die umstrittene Mystikerin.

Was Karl der Große für Aachen ist, das ist Christina von Stommeln für Jülich und Nideggen. Und eben Stommeln. Die Seliggesprochene war keine Feldherrin und steht nicht im Ruf, die Mutter Europas zu sein. Aber wie Karl in Aachen ist sie eine Ortsheilige, sie darf dem katholischen Glauben nach an den Orten verehrt werden, an denen sie gelebt hat, beerdigt war oder ist. Aber sonst nirgends. Also nur in Jülich, Nideggen und Stommeln.

Auf allen anderen Ebenen hinkt der Vergleich mit Karl. Ein bisschen könnte man die Christina mit Anna vergleichen, der Großmutter Jesu, deren Haupt seit 1501 in Düren verehrt wird. Auch hier gibt es grundlegende Unterschiede, schließlich ist Anna eine überall im katholischen Glauben verehrte Heilige. Aber in puncto weltlichem Machtanspruch steht das, was mit den sterblichen Überresten Christinas im 14. und im 16. Jahrhundert geschehen ist, der Geschichte des Dürener Annahauptes nicht viel nach.

Die Gründe, warum die Gebeine Christinas 1342 nach Nideggen und 1592 nach Jülich verlegt wurden, sind schnell erklärt: Eine heilige Person oder eine, die es werden könnte, wertet den Ort der Grablege auf. Das dürften auch die Jülicher Grafen und Herzöge so gesehen haben, die die zweimalige Umbettung veranlasst haben.

Die rekonstruierte Büste der Christina von Stommeln. Foto: Museum Zitadelle

Natürlich hat der Glauben eine Rolle gespielt. Christina (1242 – 1312) war eine sogenannte Mystikerin, von der die Menschen damals glaubten, dass sie unmittelbaren Kontakt zu Gott habe. Sie gilt als die erste Frau des Abendlandes, die die Stigmata, also die Wundmale Jesu, gezeigt und die Gottes-Erscheinungen gehabt haben soll. „In ihrem Heimatort Stommeln hat sich früh eine Verehrung herausgebildet“, sagt der Jülicher Historiker Guido von Büren. Bereits 1327 wurde ein Stift gegründet, das sich für die Heiligsprechung der Christina einsetzte. Heute würde man sagen, dass ein solches Stift das Management der Heiligenverehrung vor Ort regelt. Die Stiftsherren mussten keine geweihten Priester sein, sie lebten in einem Haus neben der Kirche, beide gehörten zum Stift. Für das Seelenheil und das Andenken der Stiftsgründer-Familie galt es als zuträglich, eine Heilige oder eben eine Heilige in Wartestellung in den eigenen Reihen zu haben. Entstand dann noch ein Wallfahrtskult, wurde das Stift für die Familie auch zu einem Wirtschaftsfaktor.

Eine Burg gegen den Erzbischof

„Man kann jetzt spekulieren, dass Graf Wilhelm V. damals schon im Hintergrund die Fäden zur Stiftsgründung 1327 gezogen hat. Gesichert ist das nicht“, beschreibt von Büren. Sicher ist, dass der Jülicher 1342 als Herzog Wilhelm I. dafür sorgte, dass das Stift von Stommeln nach Nideggen verlegt wurde, da, wo die Jülicher eine Höhenburg als Festung gegen den Kölner Erzbischof errichtet hatten. Nideggen war lange Zeit bevorzugte Residenz der Grafen und Herzöge.

Noch heute gibt es in Nideggen das Seniorenheim Christinenstift, das in der Namenstradition der Christina steht. Im Winter 1444/45 gründet Herzog Gerhard II. den Hubertusorden als Erinnerung an eine gewonnene Schlacht am Hubertustag, das Nideggener Christinastift wird zum Sitz. Über familiäre Verästelungen der Jülicher wird der Orden zum höchsten Orden im Königreich Bayern.

Trotzdem verliert Nideggen aus Sicht der Jülicher Herzöge im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Im Krieg um das Herzogtum Geldern zwischen Herzog Wilhelm V. (1516 – 1592) mit Kaiser Karl V. wird die Burg 1543 teilweise zerstört. Wilhelm V. baut anschließend Jülich als Zentrum seiner Macht aus und veranlasst den Bau der Zitadelle. „1550 holt er sich die Erlaubnis des Papstes ein, das Stift von Nideggen nach Jülich zu verlagern. Die Nideggener Stiftsherren haben sich dagegen natürlich gewehrt“, berichtet von Büren. Vergebens, 1569 erfolgt der Umzug nach Jülich. Die Kirche St. Maria Himmelfahrt – die heutige Propstei – wird zur Stiftskirche. Der Bereich der heutigen Stiftsherrenstraße, der Friedhof – heute der Kirchplatz – und die Kirche selbst werden zum Immunitätsbereich und damit zum Hoheitsgebiet des Stiftes.

Eine historische Ansicht Nideggens mit mit der Burg oben und dem Christinenstift unten rechts. Foto: Museum Zitadelle

Bis zur Umbettung der Gebeine der Christina nach Jülich sollten aber noch einmal fast 30 Jahre vergehen, der Widerstand der Nideggener Stiftsherren halber und weil die Kirche zur Grablege mehrerer Adelshäuser geworden war, wegen der Nähe zu Christinas Gebeinen. „Daraufhin wurde in Jülich eine Christina-Oktav initiiert, die auch eine gewisse Strahlkraft erreicht hat“, sagt von Büren. Die war erloschen mit der französischen Besatzung des Rheinlandes. 1802 fand die Säkularisation statt, aus der Jülicher Stiftskirche wurde eine normale Pfarrkirche. „Zwar hat es danach Kräfte gegeben, die Christina wieder stärker in den Mittelpunkt rücken wollten. Aber das passte der Kirche nicht wegen der düsteren Mystik. Ihre Visionen und die Stigmata galten damals als grenzwertig“, beschreibt von Büren den Fortgang.

1908 wird Christina von Strommeln doch noch selig gesprochen. Ihre Verehrung bleibt bis heute auf drei Städte beschränkt. Ihr Grab befindet sich seit ihrer Umbettung 1592 in Jülich – heute in einer kleinen Seitenkapelle rechts des Eingangs.

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