Jülich: Vom Streber zum Schlusslicht

Jülich: Vom Streber zum Schlusslicht

Die Auswahl des Theaterstücks fiel dem Literaturkurs IV des Gymnasiums Zitadelle nicht leicht. Nachdem die Komödie „Schule der Diktatoren“ von Erich Kästner sich als unpassend erwiesen hatte, schwenkte der Kurs unter Leitung von Pedro Obiera noch einmal auf ein moderneres Stück um.

Zur Aufführung kam das Problemstück „Das Flaschenkind“ von Jutta Rehpenning, mit kurzweiligen erweiterten Arrangements durch den Literaturkurs. „Das Stück soll und will nicht den Spaß am Alkohol verderben. Wir haben deshalb harte Schnitte eingebaut, die den oft schmalen Grad zwischen der positiven und der zerstörerischen Kraft des Stoffs mit unterschiedlichen theatralischen Mitteln spürbar werden lassen“, betonten die Macher.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Spagat zwischen der folgenschweren Ernsthaftigkeit der Thematik und der augenzwinkernden Betrachtungsweise des stimmungsmachenden Kulturgutes gelang. Obiera, der sich nach Hitchcock-Manier stets in einer kleinen Nebenrolle in das Stück seines Kurses einbringt, drückte es als bunter Fetenclown so aus: „Alkohol ist der größte Feind der Menschheit. Aber liebet eure Feinde.“

Protagonisten des Stücks sind der verhöhnte Klassenprimus Tim (Marius Reuter) und der coole Klassenneuling Chris (Sebastian Muth), der sogleich von Mädchen umschwärmt wird. Tim gewinnt Chris durch teure Whiskeygaben zum Freund.

Sehr schön wird der Unterschied zwischen den Partygirls und -boys dargestellt, die zumeist mit kleinen Bierflaschen in der Hand feiern, und den beiden zweifelhaften Helden, denen es nicht schnell und nicht hart genug zugeht. „In letzter Zeit bin ich ein richtiger Weiberheld geworden“, stellt Tim zufrieden fest und entwickelt sich zügig vom „Streber zum Schlusslicht“.

Dass das Problem Alkohol nicht vom sozialen Status abhängt, wird in kleinen Szenen in der jeweiligen familiären Situation nachgezeichnet: Chris stammt aus einer wohlhabenden und ehrgeizigen Familie, Tim aus dem bildungsfernen Milieu. Der auf einer Party recht harmlos beginnende destruktive Kreislauf nimmt Fahrt auf und endet für Chris auf der Intensivstation und für Tim alleingelassen in der Halluzination. Schnell distanzieren sich die Klassenkameraden von ihrem coolen Vorbild Chris, Tims Vater verlässt seinen Sohn.

Die obligatorische Belehrung zum Thema Alkohol erfolgt in wenigen Sätzen durch eine Ärztin (Jasmin Karaca) auf Einladung der Lehrerin (Jana Küven) vor versammelter Klasse. Nachdenklicher stimmte Tims nüchterner Erlebnisbericht, der zu Beginn und am Ende der Aufführung eingespielt wurde.

Das Stück wird in chronologischer Rückwärtsbetrachtung erzählt. In der ersten Szene landen Außerirdische (Lukas Kienzler und Alexander Marso) im Theater und analysieren das „harte Los mancher junger Leute im 21. Jahrhundert“. Sie besitzen ein kaum zu identifizierendes Instrument, mit dessen Hilfe sie handelnde Personen zur besseren Beobachtung einfrieren können — ein Detail, das dem Publikum besonders gefiel. Toll waren auch Chris‘ hingebungsvoller Tanz mit einer überdimensional großen Sektflasche oder die nicht minder engagierte Einlage eines besenkehrenden Außerirdischen mit akrobatischen Momenten zu einem Soundmix Rap.

Begeisterter Applaus der Zuschauer in der voll besetzten Stadthalle belohnte das überzeugende Spiel der Akteure.

(ptj)