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Der 16. November 1944 in Düren und Jülich: Untergang von apokalyptischem Ausmaß

Der 16. November 1944 in Düren und Jülich : Untergang von apokalyptischem Ausmaß

Zwischen Bombardierung, Befreiung und Wiederaufbau: Das Ausmaß der Zerstörung durch die Angriffe der Alliierten am 16. November 1944 war gewaltig. Historiker aus Düren und Jülich erzählen in einem Gespräch, welche Spuren geblieben sind und welche Lehren wir aus der Geschichte ziehen.

9300 Tonnen Bomben prasselten heute vor 75 Jahren am 16. November 1944 innerhalb von 20 Minuten auf Düren und Jülich nieder – es waren die schwersten alliierten Luftangriffe in so einem begrenzten Gebiet im Zweiten Weltkrieg.

Im Gespräch mit dem Dürener Historiker Dr. Horst Wallraff und dem Jülicher Historiker Guido von Büren beleuchten wir die damaligen Geschehnisse, gehen der Frage nach, welche Wunden geblieben sind und warum wir uns lange so schwer damit getan haben, die Stunde Null als Befreiung zu verstehen.

Nach dem Ausrufen des „Totalen Krieges“ folgte am 16. November 1944 die totale Zerstörung von Düren und Jülich. Wie haben die Menschen das damals erlebt?

Dr. Horst Wallraff: Zwischen Goebbels‘ Sportpalast-Proklamation vom „Totalen Krieg“ am 18. Februar 1943 und dem Dürener 16. November liegen anderthalb Jahre, in denen die Angst durch die immer mehr und auch treffsicherer werdenden alliierten Bombenangriffe immer mehr zugenommen hat. Obwohl – oder gerade weil – in den Wochen unmittelbar nach der Sportpalastrede in Düren und Jülich der „Totale Krieg“ auch auf lokaler Ebene proklamiert wurde, fürchteten viele Zeitgenossen, dass die Alliierten dies als Herausforderung deuten würde – was wohl auch der Fall gewesen ist. Die bittere Ironie liegt darin, dass Goebbels eben nicht den „totalen“ Luftkrieg beschwören wollte, sondern „nur“ zu weiterem Konsumverzicht hatte aufrufen wollen.

Guido von Büren: Am 16. November 1944 herrschte in Jülich schon kein normaler Alltag mehr. Die Mehrheit der Bevölkerung hatte nach den massiven Luftangriffen Anfang Oktober 1944 und dem Näherrücken der US-amerikanischen Bodentruppen die Stadt bereits verlassen. Insoweit haben nur wenige Menschen das Ereignis selbst miterlebt. In den später dokumentierten Beschreibungen wird häufig das apokalyptische Ausmaß des Bombardements betont. So war denn auch der größte Schock für die nach dem 8. Mai 1945 in die Stadt zurückkehrenden Jülicher, dass sie sich in ihrer einst vertrauten Umgebung kaum mehr orientieren konnten.

Das bedeutet aber auch, dass nicht die von Ihnen beschriebene Apokalypse selbst sich in das Gedächtnis der Menschen eingeprägt hat, sondern eher der Schock über das Ausmaß der Zerstörung. War das in Düren auch so?

Wallraff: Es ist kaum möglich nachzuvollziehen, was sich in Menschen abspielt, deren Heimat im wahrsten Wortsinne‚ aus der Welt geschafft (gebombt)‘ wird. Und es ist natürlich je nach Alter, Status und vor allem Charakter ein vollkommen anderes Erleben, das ein solch‘ ultimatives Ereignis auslöst. Um dennoch zu versuchen, das zu konkretisieren: Ich erinnere mich an einen Zeitzeugen, der zum Zeitpunkt des Angriffs sieben Jahre alt gewesen ist und das Inferno von Gürzenich aus mit seinem Zwillingsbruder mitbekam: Die Kinder hätten sich, so der durchaus glaubhafte Zeitzeuge, darüber amüsiert, dass sie auf dem Wiesenstück auf- und ab hüpften, weil die Detonationen die Erde in einem solchen Ausmaße erschütterten! Dass in der Regel aber erst nach Jahren oder nie heilende Traumata die Folge für viele Menschen gewesen sind, versteht sich wohl von selbst.

Dr. Horst Wallraff. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Am 21. Oktober 1944 wurde Aachen befreit, am 16. November 1944 Jülich und Düren in Schutt und Asche gelegt. Wenn Sie von einem Trauma sprechen: War den Menschen klar, wie sinnlos dieser Krieg und das Leid waren und man selbst dafür verantwortlich war?

Wallraff: Wenn man in Rechnung stellt, dass der Kriegsausbruch am 1. September 1939 beim Großteil der Bevölkerung eher verhalten denn begeistert aufgenommen worden ist und Ereignisse wie die ‚Reichskristallnacht‘ im November 1938 viele Menschen mindestens irritiert haben, lag von Beginn des Krieges an ein Schatten über den Menschen, trotz der ‚Blitzkrieg‘-Erfolge 1940/41. Und wenn man dann noch bedenkt, dass es in den Jahren vor dem Inferno vom 16. November 1944 schon 50 (fünfzig!) Luftangriffe auf Düren gegeben hatte, war die hauptsächliche Hoffnung wohl die, dass der Kelch an Düren irgendwie vorbeigehen würde. Dass man indes die Verantwortung bei sich selbst gesucht hat, dürfte die große Ausnahme von der Regel gewesen sein.

Von Büren: Das wird auch in Jülich nicht anders gewesen sein. Es ist sehr schwer, aus der zeitlichen Distanz heraus abgesicherte Aussagen treffen zu können, werden doch hier mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen angesprochen. Hier fehlt uns schlichtweg das entsprechende Datenmaterial. Befragungen im Hinblick auf die Erstellung von statistisch abgesicherten Meinungsbildern hat es in dieser Form nicht gegeben. In der heimatkundlichen Literatur hat aber bis weit in die 1980er hinein und mitunter darüber hinaus das Bild von der aufopferungsvollen Verteidigung der Heimat im Vordergrund gestanden. Das Narrativ, Jülich sei wegen seines ehemaligen Festungsstatus‘ in solch großem Maße zerstört worden, gehört mit zu den Entlastungsstrategien, die von der eigenen Verstrickung in die Verbrechen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems ablenken sollte.

Guido von Büren. Foto: Jansen/Horrig

In der von Ihnen organisierten Podiumsveranstaltung am 19. November in Düren zu den Geschehnissen am 16. November wollen Sie sich mit dem schwierigen Spannungsverhältnis zwischen Bombenkrieg und Befreiung auseinandersetzen. Warum tun wir uns bis heute so schwer, den Jahrestag der Zerstörung gleichzeitig als Tag der Befreiung zu verstehen?

Von Büren: Der 16. November 1944 war nicht der Tag der Befreiung der beiden Städte Düren und Jülich von der nationalsozialistischen Diktatur. Dies geschah erst am 23. bzw. 24. Februar 1945, wobei dies dann mit dem Einmarsch der US-amerikanischen Soldaten lediglich eine symbolische Befreiung war, lebte doch zu diesem Zeitpunkt kein Dürener und kein Jülicher mehr vor Ort. Der erinnerungskulturelle Wendepunkt liegt im Jahr 1985, als Bundespräsident Richard von Weizäcker in seiner denkwürdigen Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs vom Tag der Befreiung sprach. Diese Sichtweise fand nicht nur Zustimmung – ganz im Gegenteil: Als der damals stellvertretende Vorsitzende des Jülicher Geschichtsvereins bei einer Ausstellungseröffnung 1984 zu Recht davon sprach, dass auch Jülich Teil des NS-Systems war, wurde er dafür sehr stark angefeindet. Und noch 1994 stand beim Gedenken an den 16. November das Ereignis selbst im Vordergrund, nicht seine Kontextualisierung.

Wallraff: Das trifft exakt den Punkt. Die Frage – nicht die Antwort! –, ob die durch die apokalyptische Bombardierung erreichte „Befreiung“ als eine solche bezeichnet werden kann, sickerte erst im Laufe von Jahrzehnten ins bundesrepublikanische Bewusstsein. Als ich Anfang der 1990er Jahre mit meinen Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus in den beiden (damaligen) Kreisen Düren und Jülich begann, gab es durchaus noch Bemühungen, eine solche Aufarbeitung zu konterkarieren. Schon der Gedanke an ein solches ‚Forschungsverbot’ wäre heute undenkbar.

Der Blick von der Dürener Marienkirche aufs Zentrum der Stadt. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Düren

Dafür ist heute anderes wieder denkbar: Rechtsextremes Gedankengut ist wieder in allen Gesellschaftsschichten angekommen, Gewalt gegen Menschen, von denen man glaubt, dass sie in irgendeiner Form anders sind, nimmt in erschreckendem Maße zu, Hass verbreitet sich im Alltag rasant. Dabei wissen wir, wohin Hass und Gewalt führen können. Wollen wir nicht aus der Geschichte lernen?

Wallraff: Der Mensch will oft mehr als er kann. Geschichtliche Grundmuster wiederholen sich, geschichtliche Abläufe und der jeweils herrschende Zeitgeist nicht. Vielleicht liegen die Gefahren heute dort, wo man es bei all‘ den Lehren aus der Geschichte niemals vermuten würde.

Von Büren: Wenn uns die Beschäftigung mit Geschichte etwas lehrt, ist es, dass man aus ihr nicht lernt. Lange Zeit hat man das Diktum „Nie wieder Krieg!“ aus den Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs abgeleitet. Da dürfen wir aber heute nicht stehen bleiben. Es darf in Deutschland nie wieder ein politisches System etabliert werden, das einen solchen tiefgreifenden Zivilisationsbruch ermöglicht.

Wenn wir nochmal zurückblicken: Dem Trauma der Zerstörung folgte der Wiederaufbau. Dem Dürener wird nachgesagt, dass er sich im 50er-Jahre-Ambiente nicht sonderlich wohl fühlt und das alte Düren bis heute vermisst, vom Jülicher heißt es, er würde an der verbliebenen Historie hängen und sei wenig offen für Veränderungen. Sind das Wunden, die uns bis heute unbewusst verfolgen?

Wallraff: Auch wenn es immer divergierende Meinungen in puncto Wohlbefinden gibt, wage ich, was Düren angeht, zu sagen: Definitiv!

Von Büren: Das durchdachte Wiederaufbaukonzept, das Professor René von Schöfer für Jülich entwickelt hat, führte zu einem in der Gestaltung weitgehend geschlossenen Erscheinungsbild innerhalb des Bereichs der nahezu vollständig zerstörten Altstadt. Es ist aber kein Geheimnis wenn man konstatiert, dass der Jülicher damit bis heute fremdelt, wenngleich er grundsätzlich mit dem Wiederaufbau nicht unzufrieden ist. Bestimmte Probleme sind ja auch eher struktureller Natur und haben nur wenig mit den Entscheidungen unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu tun.