Trotz Erfolg auf Bundesebene: Grünen tun sich schwer an der Basis

Trotz Erfolg auf Bundesebene : Die Grünen tun sich schwer an der Basis

Bundesweit erleben die Grünen einen Höhenflug, in Orten wie Inden fehlen dagegen die Mitglieder. Wie passt das zusammen?

Die magische Zahl fällt eher bescheiden aus. Sieben. „Wir sind sieben aktive Mitglieder bei den Grünen in Inden“, sagt Hella Rehfisch und hat sich selbst schon mitgezählt. Hella Rehfisch ist ein politisches Urgestein der Grünen. Im Oktober werden es 25 Jahre, die sie dann im Indener Gemeinderat sitzt, sie ist seit vielen Jahren Fraktionsvorsitzende, hat bei den letzten Kommunalwahlen gar den Wahlkreis in Frenz direkt gewonnen und wurde zur Ortsbürgermeisterin gewählt, mit dem stolzen Ergebnis von 39,13 Prozent. Für eine Politikerin der Grünen.

Zurück in die 2. Reihe

Das war 2014. Fünf Jahre später setzen die Grünen bundesweit zu Höhenflügen an. Zumindest, was die Umfragen betrifft. Die SPD haben die Grünen überflügelt, und dass ein möglicher Kanzlerkandidat Robert Habeck Chancen hätte, eine Mehrheit zu finden, ist nicht mehr so unwahrscheinlich. Mit Hella Rehfisch hat das erst mal nichts zu tun. Sie mag sich über den Umfragehöhenflug freuen, sie treibt aber etwas ganz anderes um: die Kommunalwahl im Herbst 2020. „Ich möchte nach 25 Jahren in die zweite Reihe zurücktreten“, sagt Rehfisch. Das Problem: Wer dann für die 1. Reihe in Frage kommt, ist vollkommen offen. Bei nur sieben aktiven Mitgliedern im gesamten Gemeindeverband kein Wunder.

Gezielt angesprochen

Aber wie kann es sein, dass die Grünen von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilen, in Umfragen die SPD abhängen und gleichauf mit der CDU liegen, sich die Grünen in Inden aber schwer tun, neue Mitglieder zu finden? „Wir veröffentlichen regelmäßig Infoblätter, halten einmal im Monat eine offene Bürgersprechstunde ab, haben Leute direkt angesprochen und sind auch gezielt auf jüngere Leute zugegangen“, zählt Rehfisch auf, was ihre Partei alles unternommen hat.

In ihrer Not hat sie sogar eine nicht ganz ernst gemeinte „Stellenausschreibung“ aufgegeben. „Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir engagierte Bürger/innen. Wir sind eine kleine, aber schlagkräftige Fraktion. Wir bieten spannende und interessante Aufgaben in allen Bereichen der Politik in unserer Gemeinde“, hieß es da. Zwei Anrufe gab es, eine Person wollte wissen, wie viel Geld es denn für diesen spannenden, aber eigentlich ja ehrenamtlichen Job gibt, berichtet Hella Rehfisch. „Von den sieben aktiven Mitgliedern sind sechs im kommenden Jahr über 65 Jahre alt“, sagt Rehfisch. Der zweite Anrufer war 85.

Von Inden nach Berlin. Oliver Krischer ist Dürener Bundestagsabgeordneter für die Grünen. Er ist verkehrspolitischer Sprecher seiner Partei, ist oft in der Tagesschau zu sehen. Krischer, der lange Jahre selbst kommunalpolitisch aktiv war, kennt die Probleme an der Basis. „Wir gewinnen natürlich auch neue Mitglieder, aber die kommen nicht zu uns, weil sie sich zielgerichtet in der Kommunalpolitik engagieren wollen. Gerade Jugendliche wollen sich eher punktuell für ein bestimmtes Projekt engagieren, oder für Themen wie Klimaschutz“, sagt Krischer.

Und in der Tat haben die Grünen im Kreis Düren bei den Mitgliederzahlen Zuwachsraten, von denen andere Parteien inzwischen nur noch träumen können. Von Juni 2018 bis Juni 2019 gab es einen Zuwachs um 23 Prozent, allerdings auf einen vergleichsweise geringen Niveau – von 202 auf 252 Mitglieder. Den größten Zuwachs gab es demnach im Ortsverband Düren, in dem die Mitgliederzahl innerhalb eines Jahres von 43 auf 64 anstieg. Krischer glaubt, dass es bei vielen Menschen vielleicht auch ein falsches Bild von der Kommunalpolitik gäbe: viele lange Sitzungen, Parteienstreit, geringe Gestaltungsmöglichkeiten.

Krischer ist zuversichtlich, dass auch Menschen, die sich eher punktuell engagieren wollen, erkennen, dass die Aktion vor dem Schlachthof in Düren oder am Tagebau Hambach „keine erschöpfende Antwort ist“. Aber ist das von Oliver Krischer gezeichnete Bild wirklich so falsch?

Zurück nach Inden. Für jemanden, der 25 Jahre lang Politik mitgestaltet hat, ist die Antwort natürlich klar. „Gerade in der Kommunalpolitik kann ich viel gestalten. Hier spielen die Menschen die 1. Rolle“, sagt Hella Rehfisch. Auch sie macht die Erfahrung, dass Bürger sich lieber konkret engagieren wollen. Ihr Paradebeispiel: die Frenzer Dorfgemeinschaft. „Da engagieren sich viele Bürger, weil es sehr konkret um eine Bank, einen Parkplatz oder das nächste Konzert geht. Bei Politik denken die Menschen eher an streiten, diskutieren, Kompromisse.“ Und liegen damit zumindest beim Stichwort Streit in Inden noch nicht mal so falsch.

Hella Rehfisch räumt ein, dass die permanenten Auseinandersetzungen zwischen Politik und Bürgermeister in den letzten Jahren sie auch zermürben. „Ich hatte noch nie eine Rechtsschutzversicherung. In dieser Zeit habe ich sie gebraucht“, sagt sie und spielt auf eine Anzeige gegen sie persönlich an. „Der Bürgermeister hat uns den Fehdehandschuh hingeworfen. Das ist längst ein Kampf und hat nichts mehr mit Kompromisssuche zu tun.“ Die Frage, ob das Menschen abschrecke, sich in Inden kommunalpoltisch zu engagieren, würde Hella Rehfisch kaum verneinen.

Früh in Lokalpolitik einbinden

Auch bei den Grünen in Düren deutet sich ein Umbruch an. Der Ortsverband mit den höchsten Zuwachsraten versucht frühzeitig, Mitglieder in die Ratsarbeit einzubinden. Fraktionsvorsitzende Verena Schloemer: „Wir verzeichnen eine Menge neuer Mitglieder, die sich auch in der Kommunalpolitik engagieren wollen. Das können sie beispielsweise als Sachkundige Bürger in den Ausschüssen. Einige Ratsmitglieder haben sich aus den Ausschüssen zurückgezogen, damit sich andere einarbeiten können.“

Vielleicht ist es da ein Vorteil, dass die Grünen in der Ampel-Koalition ein gewichtiges Wort mitreden und Politik mitgestalten können. „Natürlich macht das mehr Spaß, als in der Opposition zu sein“, sagt Schloemer. Aber, es fordert die Bereitschaft zum Kompromiss: „Politik bedeutet, miteinander reden und einen guten Konsens zu finden“, sagt Schloemer und erlebt zunehmend, dass die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, schwindet. „Dann hat man allerdings Politik nicht richtig verstanden“, sagt sie.

Wie bei der Mengenlehre

Das sieht auch Hella Rehfisch so. Politik erinnert sie an die Mengenlehre: Es sei die Suche nach dem größt möglichen gemeinsamen Nenner. „Gegen alles zu sein hilft in der Kommunalpolitik nicht weiter“, sagt sie und hofft, bis zur Kommunalwahl doch noch neue Mitstreiter in Inden zu finden. Am zuversichtlichsten ist da Oliver Krischer: „Bisher galt in Inden immer ‚die Hella macht das ja’. Wenn jetzt deutlich wird, dass es vielleicht bald keine Hella mehr gibt, wird sich jemand finden, der die Verantwortung übernimmt“, ist er überzeugt.

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