Jülich: Transformation der Tagebaue in Energiespeicher

Jülich: Transformation der Tagebaue in Energiespeicher

„Es gibt genügend entwickelte Technik für unterschiedliche Energiespeicher, mit denen eine Versorgungssicherheit mit Erneuerbaren Energien aufgebaut werden kann.“

So lautete das Fazit von Professor Rolf Schwermer aus Essen, der als Experte für Speichermöglichkeiten Erneuerbarer Energien beim Infoabend „Das Rheinische Braunkohlerevier im Treibhaus“ des globalkritischen Netzwerks „Attac“ Inde-Rur im kleinen Saal des Kulturbanhofs referierte.

Der Experte stellte diverse Stromspeicher, präziser gesagt Energieumwandler vor, denn: „Elektrischen Strom kann man über Netze quer durch die Republik leiten, aber nicht speichern“. Beispiele waren die Redox-Flow-Speicheranlage mit unterirdischem Salzkavernen-Lager der EWE oder die Untertage-Pumpspeicher der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop. Schwermers Favorit ist ein Schwerkraft-Energiespeicher mit automatisierter Eisenbahn Technik“ (SEET) von „Ares“, wie er in der Wüste von Nevada mit automatisiert fahrenden Eisenbahnzügen, die mit schweren Betongewichten ausgestattet sind, erfolgreich getestet wurde — Trump verhinderte den Bau.

In Zeiten mit Strom-Überproduktion lässt man die Züge die bergige Landschaft erklimmen, „wenn man die Energie wieder braucht, lässt man sie langsam wieder runterfahren“. Als konkrete Zukunftsperspektive für die Region präsentierte er „den Braunkohle-Tagebau als Energiespeicher in naher Zukunft“, als finanzierbare, technisch machbare und wirtschaftlich attraktive Möglichkeit ohne schädliche Einflüsse auf die Umwelt mit zukunftssicheren Arbeitsplätzen. Als erste Entwicklungsschritte dieser Vision nannte er die Gründung von demokratisch angelegten Energiespeicher-Genossenschaften, die ein verkleinertes SEET-Modell mit Teststrecke zur Erprobung bauen.

Dass sich schnell etwas regen muss, hatten einleitend zwei Mitstreiter von „Attac“ auf den Punkt gebracht: „Die Braunkohle-Tagebaue und -Kraftwerke sind als größte CO2-Quelle Europas einer der krassesten Tatorte der Klimakrise“, betonte Moderatorin Marita Boslar. Alexis Passadakis zeigte die Diskrepanz zwischen dem Paris-Abkommen 2015 mit freiwilliger Selbstverpflichtung und der steigenden Emissionsdynamik auf. Bei ungebremstem Treibhausausstoß erwärme sich das Klima bis 2100 um 4,2 Grad. „Menschliches Überleben wird dann ziemlich unmöglich. New York versinkt im Meer, es gibt Ernteeinbußen von 30 bis 40 Prozent, Südeuropa wird zur Wüste. Wir steuern auf eine Dystopie zu“, betonte Passadakis und unterstrich die Klimaungerechtigkeit. 90 Konzerne weltweit seien mit ihren strategischen Entscheidungen verantwortlich für 63 Prozent aller CO2-Emissionen, darunter zwei deutsche, RWE und die Rurkohle AG.

Er nannte unter anderem Angela Merkel und Sigmar Gabriel als „Akteure, die die Klimapolitik befeuern“, etwa durch die Entkernung des Erneuerbaren Energiengesetzes, Atom-Rückstellungen, unzureichende Sicherung der Braunkohle-Rückstellungen“ oder den Dieselskandal. Lösungen sieht Passadakis in einer „sozial-ökologischen Transformation“, verbunden mit dem Kohleausstieg bis 2025, einer Energiedemokratie, kostenlosem Personennahverkehr (ÖPNV) und einem sozialen Terrain in Form von Arbeitszeitverkürzung. „System change, not climate change“ ist seine Devise.

Gutes Leben für die Vielen

„Kohleausstieg ist Handarbeit“ war in weißen Buchstaben mit entsprechender Symbolik auf dem grünen T-Shirt des Referenten Daniel Hofinger aus der Aktivistengruppe „Ende Gelände“ zu lesen. Die Gruppe leistet aktiven Widerstand, um „ein gutes Leben für die Vielen zu erstreiten“, und zwar mit „zugespitzten Aktionsformen durch massenhaften zivilen Ungehorsam“, etwa gegen das „Hausrecht“ von RWE. Große Veränderungen in der Politik wie die Aufhebung der Rassentrennung oder das Frauenwahlrecht seien immer erkämpft worden von „Menschen, die einen Schritt weitergegangen sind“.

Hofinger zeigte Bilder von Tausenden von Menschen, die in weißen Maleranzügen und blauen Staubmasken demonstrierten oder die Hambachbahn mit ihren Körpern blockierten.

Seine Antwort auf die Frage aus dem Publikum, warum sich die Initiative ausschließlich dem Braunkohleproblem widmet: „Wir müssen fokussieren und beschäftigen uns mit dem größten Emittenten direkt vor der Haustüre“. Das Leitwort laute: „Global denken — lokal handeln“.

Ein Mitarbeiter von RWE saß im Publikum und sorgte für Zündstoff in der Diskussion. Auf seine Frage, die auf die sogenannte „Dunkelflaute“ nach gleichzeitigem Atom- und Braunkohleausstieg abzielte, antwortete Passadakis: „Das ist keine Frage der technischen, sondern der politischen Machbarkeit“.

(ptj)
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