Traditionsreiche Rödinger Apotheke schließt nach 190 Jahren

In Rödingen : Adler-Apotheke schließt nach 190 Jahren

Ein schlichtes, bedrucktes DIN-A4-Blatt mit der gelb unterlegten Überschrift „Schließung unserer Apotheke“ weist auf das Ende der 190-jährigen Apothekengeschichte Rödingens hin. „Liebe Patienten, wir möchten Sie darauf hinweisen, dass unsere Apotheke am Samstag, 30. März 2019, für immer schließt.“

„Melden Sie sich bitte bei uns, wenn Sie noch Quittungen beziehungsweise Auszüge für Zuzahlungen benötigen. Wir bedanken uns vielmals für Ihre jahrelange, sogar jahrzehntelange Treue und Verbundenheit.“

Apothekerin Doris Wirth geht nach 42 Jahren „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ in ihren wohlverdienten Ruhestand. Wieso schließt dann aber die Apotheke für immer? „Ein Nachfolger müsste ganz andere Auflagen baulicher Art erfüllen, die man in diesem denkmalgeschützten Haus nicht hätte erfüllen können“, fasst die scheidende Inhaberin zusammen. Familie Wirth hat das Haus vor rund zwölf Jahren gekauft und wohnt weiterhin dort. Das Gebäude bleibt unverändert: „Die Apotheke bleibt unser kleines privates Museum“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Medikamente kommen raus.“

Die gute Nachricht: Aus dem insgesamt achtköpfigen Apothekenteam, das aus zwei Apothekerinnen, fünf Pharmazeutisch-technischen Assistentinnen (PTA) und einer Apothekenhelferin besteht, ist fortan „niemand arbeitslos“.

Der rührige Rödinger „Historetten“-Verein widmete sich der langen, bedeutungsvollen Geschichte der Rödinger Adler-Apotheke mit einer eigenen Ausgabe seiner „Zeitschrift für Geschichte und Geschichten“ und einer Themenwoche in Facebook mit der Überschrift „Aus lebendiger Geschichte wird ‚Es war einmal‘.“

Seinen Recherchen nach erteilte König Friedrich Wilhelm III. 1829 dem aus Mersch stammenden Conrad Struff die Konzession, eine Apotheke in Rödingen zu eröffnen. Weil bereits lange Zeit ein Arzt in Rödingen ansässig war und die nächste Apotheke in Jülich nachts wegen der geschlossenen Tore der Stadtmauer nicht zu erreichen war, lag die Eröffnung nahe. Zunächst wurde sie aber in einem Haus in der einstigen Judengasse, heute Klosterstraße, untergebracht. 1838 verlegte Struff die Apotheke in sein neu gebautes Haus in der Agricolastraße am Rödinger Ortsrand, wo sie sich nunmehr 181 Jahre lang befand.

Obwohl er an keinerlei Auflagen gebunden war, verpflichtete sich Struff, jährlich für zwölf Thaler Arzneien an die Armen der Gemeinde abzugeben und auf weitere 25 Prozent Rabatt zu gewähren. 1901 kaufte der gebürtige Kölner Joseph Jüsten die Apotheke samt Konzession. Zur Auflage eines preußischen Apothekers gehörte damals eine tägliche Notbereitschaft von 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr.

Man durfte sich nur eine Stunde Fußmarsch vom Haus entfernen, war also ans Haus gefesselt. Jüsten erlangte weit über die Ortsgrenzen hinaus große Anerkennung, weil er in seiner Zeit vieles aus eigener Herstellung entwickelte. Darunter sein legendäres Allheilmittel „Chinabitter“ – das die „Rödinger Historetten“ immer noch vorrätig haben – der Gallen- und Lebertee und viele Salben für Mensch und Tier.

Die Rohstoffe für seine Arzneien bezog Jüsten aus China und Indien. Er verstarb 1944 kurz vor Kriegsende als ältester, praktizierender Apotheker im Alter von 96 Jahren. Sohn Felix Jüsten eröffnete die Apotheke wieder in den alten Räumen, nachdem sie durch Kriegsschäden am Haus kurzzeitig ins Dorf verlegt worden war. Doris Wirth übernahm die Adler-Apotheke vor 42 Jahren von der Familie Jüsten-Blanke.

(ptj)
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