„Romeo & Julia 4.0“: Toll inszeniert, vielschichtig aufgearbeitet

„Romeo & Julia 4.0“ : Toll inszeniert, vielschichtig aufgearbeitet

„Romeo & Julia 4.0 – lass doch einfach mal ‘n neues Stück schreiben“ war Titel der toll inszenierten und thematisch vielschichtigen Aufführung im voll besetzten Saal des KuBa. Von einer Schlüsselszene des Originals inspiriert, schrieben zwei Literaturkurse Q1 unter Leitung von Jana Peltzer und Ugur Ekener das Stück gänzlich selbst.

Meist handelte es sich in den vielen Jahren der Theaterfestivals des Gymnasiums Zitadelle um Adaptionen der Originalstücke. In der Einführungsszene sprach Julia Capulet (Lola Walmrath) aus Shakespeares Tragödie im rosa Kleidchen und Blumenkranz zu den Zuschauern. Im Hintergrund waren die Stimmen der Kursleiter als ihre gräflichen Eltern zu hören, die sie zur Hochzeit drängten. Im Zwiespalt ihrer Gefühle sagte Julia: „Stolz kann ich nie auf das sein, was ich hasse. Ich flehe euch auf Knien an, gnädiger Vater….“

Dann wechselte sie aus der lyrisch reichen Sprache Shakespeares in die heutige: „Mein Schicksal kennen Sie ja bereits“. Vier weitere Protagonisten stellten in der Folge Ansätze und Konzepte ihrer Lebenssituationen dar, in der Julias Problematik im differenzierten Blickwinkel aktuell bleibt. Wie die junge Liebende im 16. Jahrhundert wurden die Hauptdarsteller des modernen Theaterstücks von Familie und Umwelt beeinflusst, sogar bedrängt, diese und jene Rolle zu spielen, bis sie in echte Konflikte gerieten.

Gemeinsam mit dem Publikum begleitete Julia die Protagonisten, zumeist im Hintergrund des gewollt minimalistischen Bühnenbildes, und resümierte nach den großen Handlungssträngen das Essentielle. Erstes Beispiel waren die jungen Lesben Emilia (Saskia Mülheims) und Maggie (Esther Minarski). Erstere erfuhr in ihrer sozial und wirtschaftlich aufstrebenden Familie deutlich weniger Anerkennung als ihr angepasste Schwester und sollte ferner mit Alexander (Jan Pahl), Sohn des väterlichen Geschäftspartners, verkuppelt werden.

Maggie hingegen fühlte sich von ihrer Familie unterstützt. Akzeptiert wurden die Liebenden auch von ihren Freunden im Jugendtreff. Hin- und hergerissen entschied sich Emilia schließlich für ihre Liebe. In diesem Zusammenhang wünschte sich die moderierende Julia, so wäre es auch bei ihr „gelaufen“. Lukas (Dominik Hartung) war Protagonist der nächsten Szenen. Als Sohn von Nazi-Eltern waren auch seine Freunde (Luca Heinrich Johnen, Marc Fischer und Luca Friedewald) Nazis.

Als die Flüchtlinge Aicha (Anna-Lena Maintz) und deren Bruder Mohammed (Emin Colak) von der motivierten Direktorin (Vivien Czerwionka) in der Schule eingeführt wurden, war Lukas‘ Zerrissenheit deutlich spürbar. Er verliebte sich in Aischa, die ihrerseits von ihrem Bruder in Schach gehalten wurde, und stand zu ihr, bezahlte allerdings seine Solidarität mit dem Leben. Erwähnenswert sind hier die vielen Szenen der Handlung, von der Busfahrt über den Schulunterricht bis hin zum Schulsport.

Ben (Philipp Vollrath) aus einer Pfarrersfamilie hatte sich für die Soldatenlaufbahn entschieden, seine Eltern waren entsetzt. Trotzdem entschied er sich für diese Laufbahn, sah im Front-Einsatz allerdings die Befürchtungen seiner Eltern teilweise bestätigt. Als Soldatenfreundin Ellie (Helena El Kholy) erschossen wurde, spitzte sich die Situation dramatisch zu. Als Ben auf Befehl des Offiziers (Christian Becker) schließlich ihren Mörder erschießen sollte, richtete er seine Pistole aufs Publikum und rannte davon.

Die letzte thematische Umsetzung des Themas war eine aufwändige, und gleichzeitig augenzwinkernde Umsetzung der RTL-Fernsehshow „Der Bachelor“. Auf Drängen seiner Mutter (Lena Stolletz) sollte Sebastian (Guilio D‘Orsaneo) dort seine Liebe finden. Hier hatte er die Qual der Wahl zwischen der veganen Hambacher-Forst-Besetzerin Inge (Alexandra Lieven), der schüchternen Sarah (Ida Krüger), und den eitlen und in der medialen und der Mode-Welt ansässigen Schönheiten Tracy (Melissa Demirtas) und Vanessa Belcour (Clara Grothe).

Von allen Seiten bedrängt, übergab Sebastian schließlich keiner Kandidatin die Rose und flüchtete backstage. Mit Folgerungen wie „Auch heute kann es nicht immer ein Happy End geben“ oder „Es gibt keine richtigen Entscheidungen“ kommentierte Julia, die etwa in einer Stylistenszene auch aktiv in der Handlung mitspielte, die Ereignisse. Begeisterter Zwischenapplaus nach jeder Szene und stehende Ovationen am Ende des Theaterstücks belohnten die engagierten Autoren und spielfreudigen Akteure.

(ptj)
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