„Terror“: Die Theaterzuschauer In Overbach sprechen Recht

Weitere Aufführung am Sonntag : „Terror“: Die Theaterzuschauer in Overbach sprechen Recht

Der Besuch einer Theateraufführung am Gymnasium Haus Overbach wird am Sonntag für die Zuschauer nicht nur zur jener intellektuellen Bereicherung beitragen, die von der Darstellung eines literarischen Werks zu erwarten ist.

Vielmehr fordert das anspruchsvolle Projekt der Theater-AG – Ferdinand von Schirachs Werk „Terror“ – jeden einzelnen Zeugen des Bühnengeschehens zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung und eindeutigen Beurteilung des Gesehenen auf.

Den Zuschauern allein wird die Bürde des Gewissens auferlegt, moralische, doch in der heutigen Realität existentielle Fragen zu beantworten und somit die ungeheuerliche Macht verliehen, über das fiktive Schicksal eines Menschen zu entscheiden.

Spätestens im Herbst 2016 war der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach in aller Munde. Die ARD ließ dessen als Gerichtsverhandlung konzipiertes Kammerstück hochkarätig besetzt verfilmen und erreichte durch die Ausstrahlung Traumquoten, inklusive anschließender landesweiter Abstimmung des Fernsehvolkes über Schuld oder Unschuld des Angeklagten. Der zuvor bereits zum Bestsellerautor aufgestiegene Strafverteidiger landete einen Erfolgshit, der auf dutzenden Theaterbühnen bundesweit aufgeführt wurde. Am kommenden Sonntag steigt die schuleigene Aula des Gymnasiums Haus Overbach in diesen Kreis auf.

Der junge Kampfjetpilot und Major der Bundeswehr, Lars Koch, steht vor Gericht, angeklagt wegen 164-fachen Mordes. Am Steuerknüppel eines Abfangjägers sah er sich mit einem unlösbaren Dilemma konfrontiert – der Abwägung von Leben gegen Leben. Eine von Terroristen gekaperte vollbesetzte Lufthansamaschine mit Kurs auf die mit 70.000 Besuchern gefüllte Münchener Allianz-Arena stellt genau jenes Schreckensszenario dar, das der Bundesgesetzgeber 2005 unter den Eindrücken der Anschläge des 11. September 2001 in den USA vor Augen hatte. Er ließ den § 14 Absatz 3 LuftSiG in Kraft treten, der unter gewissen Umständen ein von den Terroristen als Waffe missbrauchtes Passagierflugzeug von Staats wegen zum Abschuss freigab. Ein Jahr später wurde dieser Gesetzestext vom Bundesverfassungsgericht in einem Urteil für unvereinbar mit der deutschen Verfassung und für nichtig erklärt. Zur Frage der eventuellen Strafbarkeit eines wie hier handelnden Staatsbediensteten machte das höchste deutsche Gericht ausdrücklich keine Angaben. Major Koch entschied sich zum Abschuss der Maschine und wählte damit das im Stück oft zitierte kleinere Übel.

Für die Justiz bleibt Übel jedoch Übel, und für den auf der Anklagebank sitzenden Piloten stehen 164 unschuldige Opfer zu Buche. Staatsanwaltschaft und Verteidigung bringen dem Auditorium im naturgemäß dialoglastigen Justizdrama die Pro und Contra Argumente für die Strafbarkeit des Piloten näher, um die Zuschauer auf die folgende Abstimmung inhaltlich vorzubereiten. Aufgeworfene rechtliche und moralische Fragen bieten viel Raum für spannende Diskussionen. Was die Rechtsfragen angeht, so muss der geneigte Zuschauer bei seiner persönlichen Entscheidungsfindung allerdings nicht allzu viel Tiefgang befürchten, bleiben ihm doch nur die beiden Alternativen Freispruch oder Schuldspruch zur Wahl.

Der Logik des Stückes folgend hieße das nur lebenslange Freiheitsstrafe. Schließlich wurde Major Koch des Mordes durch gemeingefährliche Mittel angeklagt und nicht des Totschlags, was zumindest denkbar wäre und Spielraum für Strafmilderung zugelassen hätte. Auch die im Strafrecht äußerst wichtige Unterscheidung vom rechtswidrigen und schuldhaften Handeln wird im Stück nicht differenziert behandelt. Rechtswidrig war der nicht befohlene Abschuss der Passagiermaschine durch den Major sicherlich, denn die Tötung Unschuldiger kann nicht im Einklang mit der Rechtsordnung stehen. Bleibt die Frage nach der persönlichen Vorwerfbarkeit des Piloten in jenem Moment, da er sich entschloss, die Rakete abzufeuern. Dieser sprachlichen und sachlichen Auseinandersetzung entzieht sich die junge Theatergruppe gekonnt, indem sie die Stimmzettel zuvor mit den Aufschriften „Freispruch“ und „Verurteilung“ versah, anstatt wie im TV „schuldig“ und „unschuldig“ zu verwenden. 

Textsicher und emotionsgeladen 

Die beiden Lehrer sowie die sechs mit großen und kleineren Rollen ausgestatteten Schüler verstanden es, die Charaktere der Protagonisten mit Leben zu füllen. Unter der strengen Hand des Richters (Lukas Schultz-Balluff) gelang es dem mit großartigem Improvisationstalent gesegneten Englisch- und Religionslehrer Detlev Ernstes, einen ob der diffizilen moralischen Fragestellung verunsicherten, als Zeugen geladenen Vorgesetzten Major Kochs darzustellen. Letzterer wiederum, mit militärischer Schneidigkeit gespielt von Philipp Langen, erschien als tragischer Held, der sich zu Unrecht angeklagt versteht.

Ebenfalls erinnerungswürdig sind die imposant vorgetragenen Schlussplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung – von Henning Achenbach als Staatsanwalt und Lea Kehren als Rechtsanwältin spürbar mit Emotionen erfüllt. Nicht zu vergessen ist die Darbietung von Leah Biermann, deren Figur als Nebenklägerin den emotionalen Kern des Dramas einnimmt. Ihre Darstellung einer Witwe, die ihren Mann beim Flugzeugabsturz verlor, gehört zu den zahlreichen schauspielerischen Höhepunkten. Unter der Leitung von Henning Achenbach führt die Overbacher Theater -AG mit dem statischen, schauspielerisch anspruchsvollen Bühnendrama von Ferdinand von Schirach ihre Zuschauer gekonnt auf ein Terrain des intimen moralischen Zwiegesprächs, dessen Ergebnis mit dem Einwurf eines roten oder grünen Stimmzettel besiegelt wird.

Die jungen Darsteller, die in diesem Jahr ihre Reifeprüfung ablegen werden, haben die Schauspielprüfung vor rund 300 Lehrern und Mitschülern aus der Oberstufe bereits erfolgreich bestanden. In ihren Vorbereitungen wurden sie von Pater Dominik Nguyen und vom Rektor des Klosters Haus Overbach, Pater Josef Költringer, unterstützt. Der Religionslehrer beglückwünschte das Ensemble zu der gelungenen Vorstellung und richtete vor der Verkündung des Urteils einige kritische Worte an die Form des Stücks. Es hätte etwas Gefährliches an sich, es sei nicht vernünftig ein ganzes Volk ohne jegliche Differenzierung zu Richtern zu erklären.

Doch wie werden die Zuschauer am 27. Januar bei der öffentlichen Theatervorführung in der Aula des Haus Overbachs entscheiden, wenn es heißt „Terror – Ihr Urteil?“

Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr (Einlass 18:30 Uhr. Eintritt: Erwachsene- 4 Euro, Schüler- 3,50 Euro).

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