Rödingen: Tag der jüdischen Kultur: Erzählend zum Verständnis

Rödingen : Tag der jüdischen Kultur: Erzählend zum Verständnis

„All das, was ich dir erzählt habe, ist so wahr, wie ich dich sehe und du mich siehst.“ Diese Worte sprach die sonst so temperamentvolle und mitreißende Erzählkünstlerin Christiane Willms mit leiser, beschwörender Stimme. Im wallenden roten Samtmantel über weißer Leinenkleidung erzählte sie am „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ zum Thema „Storytelling“ im LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen jüdische Geschichten und chassidische Legenden, untermalt mit Tanz und Gesang.

Etwa „Als Schlemihl nach Warschau ging“ aus der Reihe „Die Narren von Chelm“, die in etwa den deutschen Schildbürgern entsprechen. Willms erzählte sie aus dem Blickwinkel eines Kindes, das mit der Großmutter Perlen zu Ketten auffädelt, während es ihren Geschichten lauscht.

Ein zweites Beispiel jüdischer Fabulierkunst sind die Streiche des gewitzten „Hershele Ostropoler“, ein jiddischer Till Eulenspiegel aus dem 18. Jahrhundert. Er versprach zum Beispiel den Leuten, sie „zum halben Preis nach Jeschew zu bringen“, sie konnten dem Angebot nicht widerstehen. In stetiger Erwartung, eine Pferdekutsche würde hinter der nächsten Ecke auf sie warten, legten sie schließlich den ganzen Weg zu Fuß zurück. Auf ihre Beschwerde hin wunderte sich Hershele: „Ich habe nichts von einer Kutsche erzählt. Ich habe nur gesagt, ich bringe euch zum halben Preis.“

Ihre Geschichten für Kinder und Erwachsene ließ die Erzählkünstlerin stets mit einer „Niggun“ (Melodie) ausklingen. Das ist ein mystisch-musikalisches Gebet der Chassidim, die davon überzeugt sind, Gott müsse aus einem Gefühl großer Freude verehrt werden.

Erlebnisse und Geschichten „von einem der auszog“, hatte auch Franz-Josef Knöchel zu erzählen. Er ist verantwortlicher Redakteur des digitalen LVR-Informationssystems über das „landschaftliche kulturelle Erbe“ (KuLaDig). Mit Unterstützung von Praktikanten hat er bereits über 200 jüdischen Gemeinden im Rheinland dokumentiert, fotografiert und digitalisiert.

Diese hatte Historikerin und Judaistin Ursula Reuter in Fleißarbeit für den „Geschichtlichen Atlas der Rheinlande“ bearbeitet. Knöchel besucht jüdische Friedhöfe, den Kopf mit einer Kippa bedeckt, und Standorte ehemaliger Synagogen, fotografiert, befragt Friedhofsgärtner, Spaziergänger oder Fahrradfahrer. „Weil er keine Grundlagenforschung betreiben kann“, ist seine Arbeit auf Friedhöfe bezogen leichter als bei zerstörten Synagogen. Hier sind Gedenktafeln, die andeutungsweise aufzeigen, wie die Synagoge ausgesehen hat, Modelle oder Fotos lokaler Geschichtsvereine hilfreich.

Der Redakteur hat die Erfahrung gemacht, dass die Nachbarschaft wegen vermehrter Grabschändung öfter ein Auge auf den Friedhof wirft oder Menschen jedweder Kultur oder Religion symbolisch Steine auf die Gräber legen, was im Judentum anstelle von Blumen üblich ist. Objektschutz ist nötig

Ferner sei der Objektschutz von Synagogen heute nötig. So wird die Synagoge in Essen rund um die Uhr bewacht, der jüdische Teil des Parkfriedhofs in Ruttrop ist mit Stacheldraht und Kameras gesichert.

Zu Knöchels schönsten Erlebnissen zählt sein Gespräch mit Yitzhak Mendel, dem mit 32 Jahren jüngsten Rabbiner Deutschlands in Krefeld oder sein spontan entstandenes Gespräch mit einem 92-jährigen Zeitzeugen, der mindestens einen Angehörigen jedes Bestatteten in Euskirchen persönlich kannte.

Fragen aus dem Publikum bezogen sich auf den Ewigkeitscharakter jüdischer Friedhöfe und dem damit verbundenen Widerspruch einer Neubebauung.

Zwei Führungen durch die Synagoge und die Ausstellung, verbunden mit der Familien-, Religions- und Baugeschichte von 1781 bis heute nahm das Publikum gerne an.

(ptj)