Strukturwandel: Kreislandwirt fordert intelligente Flächenentwicklung

Strukturwandel : Dunkle Wolken über der Jülicher Börde

Wie soll das eigentlich funktionieren beim Strukturwandel, wenn Kommunen für Gewerbe- und Baugebiete in Anspruch nehmen, die bisher landwirtschaftlich genutzt werden? Kreislandwirt Erich Gussen fordert eine intelligente Flächenentwicklung ein.

Fragt man Erich Gussen nach der Bedeutung der Jülicher Börde, sagt er Sätze wie diese: „Wir haben eine Verantwortung für die besten Böden in der Börde. Wir müssen sie erhalten, um hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren.“ Oder: „Die Köln-Aachener Bucht ist das ‚Food Valley’. Wir erzielen hier mit gleichem Aufwand fünffach höhere Erträge als in anderen Regionen. Das hat auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun.“ Gussen, der für die Jülicher CDU im Stadtrat sitzt, ist Vizepräsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes. Als Landwirt und Kommunalpolitiker treibt ihn mit Blick auf den bevorstehenden Strukturwandel eine Sorge um: der stetig zunehmende Verlust von bisher landwirtschaftlichen Flächen in der Jülicher Börde.

Goldgräberstimmung

Von einer „Goldgräberstimmung bei den Kommunen“ spricht Gussen, bei der es darum gehe, möglichst schnell Gewerbegebiete zu entwickeln, um so möglichst viele Fördermittel zu erhalten. Parallel überbieten sich die Städte und Gemeinden gleichzeitig bei der Erschließung neuer Baugebiete. Das Problem: Die Flächen, die man entwickeln will, sind in der Regel bisher landwirtschaftlich genutzt. Ein weiteres Problem: Für jede Fläche die versiegelt wird, muss ein Ausgleich geschaffen werden – im Zweifel auf einer weiteren landwirtschaftlichen Fläche.

Genau hier setzt Gussen mit seinem Forderungskatalog an die Politik an. Er wünscht sich zum einen eine „intelligente Entwicklung von Flächen“. Sein Musterbeispiel: der von Jülich, Niederzier und Titz gemeinsam entwickelte Brainergy-Park. Anstatt an unterschiedlichen Stellen in die Landschaft einzugreifen, wird eine Fläche gemeinsam entwickelt, die zudem auf der Merscher Höhe das ehemalige Areal der Deutschen Welle reaktiviert.

„Es gibt enorme Flächenpotenziale, die jetzt schon brach liegen, und die genutzt werden könnten“, sagt Gussen. Industrieflächen, an die man sich meist nicht herantraue, weil man Altlasten befürchte. Und er benennt praktische Beispiele: die zum Teil leerstehenden Halle des ehemaligen Philips-Werkes in Aldenhoven oder von Walki Wisa in Jülich. Gussen geht aber noch einen Schritt weiter, wohlwissend, dass er sich damit unbeliebt machen könnte: „Weil wir wissen, dass mit dem Strukturwandel Arbeitsplätze wegfallen werden, wollen wir zusätzliche Jobs schaffen. Dabei können wir aufgrund des Facharbeitermangels jetzt schon viele Stellen gar nicht mehr besetzen“, argumentiert er. Hätte man also Zeit, zum Beispiel im Prozess des Strukturwandels auch Flächen der noch genutzten Kraftwerke und Betriebshöfe von RWE Power neu zu entwickeln? Gussen bejaht diese Frage.

Der Vorsitzende der Kreisbauernschaft setzt aber noch an anderen Punkten an, um den Druck auf die landwirtschaftlichen Flächen möglichst zu verringern. Weil für jede Fläche, die versiegelt wird, eine andere Fläche ökologisch aufgewertet werden muss, kann Gussen sich vorstellen, dass diese Aufwertung auch als Geldleistung abgegolten werden kann. Dieses Geld könnte man dann nutzen, um Maßnahmen in bereits bestehenden Naturschutzgebieten zu finanzieren, anstatt weitere Flächen der landwirtschaftlichen Nutzung zu entziehen. Konkret helfen könnte auch, wenn bereits erfolgte Ausgleichsmaßnahmen für den Hambacher Forst nun der Region zugerechnet würden, wenn der Forst erhalten bliebe.

Und: Man müsse einzelne Ausgleichsregelungen auf ihre Sinnhaftigkeit überprüfen. „Es kann doch nicht sein, dass ich bei einem Windrad, das nur eine kleine Fläche in Anspruch nimmt, für einen hohen Ausgleich sorgen muss, weil man ins Landschaftsbild eingreift“, betont er. Forderungen, die für ihn ganz unabhängig vom Strukturwandel Sinn ergeben würden. Der beschleunige nur, was ohnehin komme: „Die Ballungszentren können keine Menschen mehr aufnehmen. Das müssen wir leisten.“ Das erhöht den Druck schon zur Genüge.

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