Stadtführung und Buchvostellung

Joseph-Kuhl-Gesellschaft : Geschichte in Alt-Kaster „atmen“

„Ein kleiner Besuch in Kaster lohnt in jedem Fall“, sagte Vorsitzender Professor Günter Bers. Anlass war die Jahreshauptversammlung mit Buchvorstellung der Joseph-Kuhl-Gesellschaft im denkmalgeschützten Daniels-Hof in Alt-Kaster.

Grund für den Wert des Besuches ist nicht nur die Tatsache, dass eine der kleinsten historischen Altstädte Deutschlands mit seiner gut erhaltenen Stadtbefestigung, die im Übrigen erst im frühen 15. Jahrhundert belegt ist, ihre mittelalterlich anmutende urbane Struktur bewahrt hat. Vielmehr wohnt dort eines der aktivsten Mitglieder der Gesellschaft, Josef Vogt, und zwar amüsanterweise im denkmalgeschützten Vogthaus (Amtshaus).

Ferner bietet der Eröffnungsaufsatz des aktuellen Jahrbuchs aus der Feder von Lutz Jansen interessante neue Aspekte über die Geschichte des Jülicher Landes, und solcherlei Forschungen hat sich die Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben.

Wie in eben jenem Aufsatz in Band XXXI/2018 der „Neuen Beiträge zur Jülicher Geschichte“ zu lesen ist, ist eine Wasserburg am Erftübergang der Straße von Jülich nach Neuss Keimzelle der mittelalterlichen Siedlung. Sie kreuzte sich südwestlich des Ortes mit der Fernhandelsstraße von Köln nach Roermond.

Über mindestens drei Generationen, zwischen 1148 und 1190, wird ein Edelherrengeschlecht „de Castre“ erwähnt.

Um 1265 gelangte der Besitz auf noch unbekanntem Weg an Graf Wilhelm IV von Jülich, der dort einen Stützpunkt an der im 13. Jahrhundert mit dem Erzbistum Köln heftig umstrittenen Erftlinie etablieren konnte. 1314 ist erstmalig Brückenzoll über der Erft belegt.

Die heute traurige Burgruine des ehemaligen Schlosses der Grafen von Jülich am Ende der Kirchstraße „muss ein prachtvolles Schloss gewesen sein, ein Palazzo, vergleichbar mit dem Nideggener Schloss“, betonte Bers. Und genau dieser repräsentative Wohnsitz, der 1348 Witwensitz der Jülicher Gräfinnen und 1360 Residenz der Herzöge wurde, ist für die Historiker „das Wichtige“, nicht die Burgsiedlung.

Bers wünscht sich, die „Archäologen würden die Burgruine mal ausgraben“. Zweimal wurde Kaster zerstört, im Geldrischen Erbfolgekrieg 1542 von den Truppen Kaiser Karls V. und 1648. „Danach wurde es nur noch ein kleines Landstädtchen ohne große Bedeutung“, der wirtschaftliche Aufschwung blieb ihm verwehrt.

1956 sollte der historische Ort „der Braunkohle zum Opfer fallen“. Der Kölner Regierungspräsident Dr. Wilhelm Warsch verhinderte in letzter Minute die geplante Devastierung der Siedlung für den Tagebau Frimmersdorf-Süd.

Aus dem Kreis der Witwen der Jülicher Grafen und Herzöge hob Bers Maria von Geldern hervor, Ehefrau und spätere Witwe des Jülicher Herzogs Rainald. Berühmt sind sowohl ihr Gebetbuch „in jülich/kölscher Mundart“, das als eines der Hauptwerke der niederländischen Buchmalerei gilt und aufwändig restauriert wurde.„Einziges materielles Überbleibsel“ von ihr ist ein Messgewand aus ihrem Hochzeitskleid.

„Ich denke, Kaster wird uns weiter beschäftigen, hier sind noch nicht alle Fakten geklärt“, resümierte Bers.

Der Jahreshauptversammlung ging eine Stadtführung mit Josef Vogt voraus. Bestandteile des Rundgangs waren das Agatha-Tor, die Alte Schule und die Alte Mühle, diverse Wohnhäuser und Gutshöfe aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, darunter die Hofanlage „von Meer“ inklusive einer Kreuzigungsgruppe aus der Renaissance.

Ein Muss war die Besichtigung der Kirche St. Georg, einem spätbarocken Gotteshaus mit sparsamen barocken Elementen und zwei Reliquienschreinen. Das Vogthaus ist ein schmucker zweistöckiger geschlemmter Backsteinbau mit den typischen Konstruktionen aus der Barockzeit, etwa der aufwändigen „Kölner Decke“.

Gerne öffnete Vogt der Besuchergruppe seine Haustüre. Ein interessantes Detail am Rande ist die Tatsache, dass dem andächtigen Beter bestimmter Gebete vor der Kreuzigungsgruppe noch heute ein Ablass gewährt wird, „zehn Jahre weniger im Fegefeuer“, wie Vogt es augenzwinkernd ausdrückte.

Die Joseph-Kuhl-Gesellschaft hat im laufenden Jahr 435 Druckseiten mit neuen Erkenntnissen publiziert. Für 2019 stehen unter anderem Veröffentlichungen über Aldenhoven und Sittard im Plan, dort werden anlässlich dieser Publikationen auch die nächsten Jahreshauptversammlungen stattfinden.

(ptj)