Stadtbücherei Jülich will mit neuem Konzept zum Wohlfühlort werden

Leseraum der Zukunft : Die Bücherei als besonderer Wohlfühlort

W-Lan-Nutzung, Kaffee, Playstation – für die Stadtbibliothek soll ein neues Konzept her. Das Stichwort lautet: Aufenthaltsqualität.

Wenn Birgit Kasberg in ihrer Stadtbücherei am Hexenturm steht, weiß sie, dass sie vieles ändern muss. So wie beispielsweise auch Tageszeitungen lernen müssen, mit einem geänderten Leseverhalten umzugehen, trifft das auch auf Einrichtungen zu, die gebündelt Medien zur Verfügung stellen. Als Leiterin der Jülicher Stadtbücherei hat Kasberg mit ihrem Team ein Konzept erarbeitet, wie sie den Leseort für die Zukunft aufstellen möchte.

Dazu muss man sich vom traditionellen Bild einer Bücherei trennen. Durchnummerierte Bücher, Rücken neben Rücken, in vollgestopften Regalen soll es bald nicht mehr geben und gibt es so auch schon jetzt nicht mehr. Auch die Zeiten, in denen sich Büchereien über die Höhe des Bestands an Medien definiert haben, werden dann vorbei sein. Kasberg will mit Aktualität punkten und hat dafür ganz simple Beispiele: „Wenn sich in Jülich ein neuer Trendsport-Verein gründet, dann muss ich dazu die passenden Bücher haben, damit die zu mir kommen. Da helfen mir zehn Jahre alte Makramee-Bücher nicht weiter.“

Das ist nicht unbedingt eine neue Erkenntnis, weil das in Jülich in vielen Bereichen schon praktiziert wird. Bestes Beispiel: In Abi-Zeiten ist das Haus voll mit Schülern, die von 10 bis 16 Uhr in der Bücherei lernen, weil die passende Sekundärliteratur zu den aktuellen Abi-Themen angeboten wird. „Dafür muss man vorausschauend planen und sich die Abi-Themen der nächsten Jahre anschauen“, erklärt Kasberg.

Ihre Kernsätze: „Wir sind kein Archiv, sondern leben von der Aktualität. Wir müssen uns an den Bedürfnissen der Leser orientieren.“ All das folgt der Idee, die Stadtbücherei in Jülich möglichst zu einer Art Wohlfühlraum zu gestalten. Den „dritten Ort“ nennt Kasberg das, kurz den wichtigsten Ort nach Zuhause und Arbeitsstelle. Von Aufenthaltsqualität spricht sie in diesem Zusammenhang. Man soll sich in der Bücherei gerne aufhalten, zum Beispiel um freies Wlan zu nutzen, einen Kaffee zu trinken, weil sich der Strickkreis dort trifft, man in Ruhe dort arbeiten kann, Kinder die Playstation ausprobieren können... diese Liste könnte Kasberg beliebig fortsetzen und macht es an einem ganz anderen Beispiel konkreter: „Wenn der Vater sein Kind zum Sommerleseclub bringt und in der Zwischenzeit hier zum Beispiel gemütlich die Golf-Zeitung lesen kann, ist die Chance größer, dass er künftig aus eigenem Antrieb zu uns kommt.“

In vielen Bereichen bietet das Jülicher Büchereiteam schon jetzt den entsprechenden Service an. Es gibt Lesungen für Kinder und Erwachsene, fachgerechte Führungen per App für Schüler, die thematisch an die Bedürfnisse der Schulen angepasst werden können, es gibt Räume zum Lesen und Arbeiten. Was es bisher nicht gab: ein Konzept, wie man all das weiterentwickelt und so fortführt, dass die Bücherei für die kommenden Jahre als eine Art soziales Zentrum und Ort von Bildung und Kultur aufgestellt ist. Und: Es gibt die Zustimmung des Stadtrates, dieses Konzept umzusetzen.

Das war zunächst gar nicht so selbstverständlich, immerhin war es die Politik selbst, die zu Zeiten des Haushaltssicherungskonzepts vor genau zwei Jahren eine ganz andere Entwicklung der Stadtbücherei vorgegeben hatte: der Zuschussbedarf sollte um 50 Prozent gesenkt werden. Das sorgte für einen Aufschrei bei den Bürgern, zumal man übersehen hatte, dass von den rund 300.000 Euro Zuschuss im Jahr nur etwas mehr als zehn Prozent überhaupt beeinflussbar waren. Dennoch ist es dem Büchereiteam gelungen, den Zuschuss seit 2015 um 20.000 Euro zu senken.

Geholfen hat bei der Diskussion, dass Kasberg die Zahlen transparent gemacht hat. Nach zwei Jahren Diskussion hat Kasberg nicht nur den Fortbestand gesichert, sondern auch Wege aufgezeigt, wie die Bücherei konkret modernisiert werden kann. Und das im Idealfall auch mit einem großzügigeren Raumangebot: Ziehen Archiv und Stadtmuseum endgültig in die Realschule um, dürfte die Stadtbücherei bei der Frage, wer diese Räume künftig nutzen darf, ein entscheidendes Wörtchen mitreden können.

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