Jülich: Spaziergang durch die Idealstadtanlage Jülich

Jülich : Spaziergang durch die Idealstadtanlage Jülich

Die nach dem zweiten Weltkrieg wiederaufgebaute Jülicher Innenstadt als „herausragendes stadtbaugeschichtliches und kulturhistorisches Dokument“ war Kern der Stadtführung von Dr. Rüdiger Urban, Vorsitzender im Förderverein Festung Zitadelle“, veranstaltet in Kooperation mit der VHS. An seiner vierten Führung nahmen zwölf Personen teil, laut Urban ein Rekord.

Was genau steht unter dem Schutz der Denkmalbereichssatzung? „Das heutige Erscheinungsbild der historisch geprägten Jülicher Innenstadt“, die nach dem Krieg auf einem fast unverändert übernommenen Stadtgrundriss aus der Renaissance aufgebaut wurde. „Die Stilelemente der Renaissance wurden in die Gebäude integriert.

Ein reales Denkmal kann man nicht wiederaufbauen.“ Das betonte Urban am metallenen Stadtgrundrissmodell der pasqualinischen Altstadt mit fünfeckiger Festungsanlage am stadtseitigen Zitadelleneingang. Obwohl der Exkursionsleiter „nicht bei den alten Römern anfangen wollte“, informierte er über den „Erblasser“ Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg, seinen verlorenen Krieg gegen Karl V. um das Herzogtum Geldern und seinen Kniefall von Venlo.

Schmuckstück Ostfassade

Als fortan Angehöriger der „höchsten Ebenen des Hauses Habsburg“, benötigte der Herzog eine Residenz, einen militärischen Stützpunkt und einen Verwaltungssitz. „Das schuf ihm Alessandro Pasqualini an strategisch exponierter Stelle.“ Zum Start der als „reine Stadtführung“ geplanten, gut zweieinhalbstündigen Tour spazierte die Gruppe über die Pasqualinibrücke, um militärische Gesichtspunkte inklusive der Flutung durch Rurwasser aufzugreifen. Sie besichtigte den einstigen südlichen Ehrenhof der Zitadelle und verweilte am Schmuckstück Ostfassade des herzoglichen Schlosses im Stil der italienischen Hochrenaissance und seinen architektonischen Form- und Stilelementen. Wiederholt wurde die Vermutung laut, Pasqualini sei Schüler Raffaels oder Bramantes gewesen.

„Was ist eine Idealstadtanlage?“, lautete Urbans rhetorische Frage, als die Tour nach etwa einer Stunde in die Stadt führte. Die aus der Antike stammende Idee meine die „Regelhaftigkeit und Sinnebene der Gesellschaftsstruktur“. Damit verband der Historiker ein Zitat des Architekten René von Schöfer, der mit einer Vielzahl von Wiederaufbauprojekten nach herzöglicher Bauordnung eine wichtige Rolle in Jülich spielte: „Ein Stadtgrundriss ist nicht nur eine zweckgebundene Folge von Verkehrsräumen oder eine nur praktische Befriedigung des Wohnbedarfs. Er ist vielmehr ein wesentlicher Bestandteil eines Lebensraumes als Kunstform, die verpflichtet.“

(Keine) Chance als Weltkulturerbe

Die Besuchergruppe machte Halt am ehemaligen Kölntor, ging „quasi über die Brücke“ zur Sichtachse Kölnstraße und weiter zum Marktplatz, der „immer Zentrum war“, und zwar vom Kirchplatz getrennt. „Hätte Jülich heute noch einen Teil der Wälle und einen Teil der Stadtfestung, hätte die Stadt als Weltkulturerbe eine Chance gehabt.“ Dieser Satz Urbans machte nachdenklich. Unterwegs nahm die Gruppe diverse Gebäude in Augenschein, darunter die gelungene Renovierung der ehemaligen Adler-Apotheke (jetzt Fielmann) durch die Familie Berchem im Sinne der Denkmalbereichssatzung. „Ein Gebäude, wie von Schöfer es sich vorgestellt hat“, unterstrich Urban.

Wichtige Gestaltungsmerkmale seien die Lochfassade mit rechteckigen Fensteröffnungen und Satteldach und die Betonung der ersten Etage als „Piano mobile“, also der am besten ausgestattete Etage. Während die Besuchergruppe praktisch „auf der Römermauer stand“, begutachtete sie schräg gegenüber das einstige „Hotel Kratz“ (Stadthotel), das mit seinem risalitartigen, dreiachsigen Eingangsbereich als Prototyp für den historisch orientierten Wiederaufbau gilt, und das Haus Röttgen. Obwohl „die Pfeiler durch die vorgezogenen Schaufenster gar nicht mehr zu sehen sind, müsste es auch unter Denkmalschutz stehen“, ist Urbans Meinung.

Länger verweilte die Gruppe auch bei der fast sternförmigen Bodenplatte, die anlässlich des 500. Geburtstags Pasqualinis ins historische Pflaster des quadratischen Marktplatzes eingelassenen worden war. „Wenn Sie wollen, ist das hier das Zentrum von Jülich“, resümierte Urban.

Von dort betrachteten die Geschichtsinteressierten die Gebäude rund um den Marktplatz, von denen das Alte Rathaus und die Häuser an der Westseite unter Denkmalschutz stehen. Auf Anfrage einer Teilnehmerin fasste Urban die Unterschiede im Denkmalschutz zusammen, bevor sich die Gruppe abschließend auf den Weg zum Aachener Tor machte: „Die Denkmalbereichssatzung ist der Ensembleschutz. Der Denkmalpflegeplan definiert die touristische Weiterentwicklung des Denkmals.“ Letzterer soll nun als Unterpunkt des bereits mit Politik und Verwaltung beschlossenen Integrierten Handlungskonzeptes behandelt werden.

(ptj)
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