Sieben Jülicher Schulen für ihre Zivilcourage ausgezeichnet

Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz : Sieben Jülicher Schulen für ihre Zivilcourage ausgezeichnet

„Für Jülich war dieses Gedenken (zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms) etwas ganz Besonderes“, betonte Bürgermeister und Kuratoriumsmitglied Axel Fuchs anlässlich der 17. Verleihung des Preises „für Zivilcourage und Solidarität“ in der Schlosskapelle.

Termin für die Preisverleihung durch die „Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz“ ist traditionell der 27. Januar, „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Preisträger war erstmals kein Prominenter, sondern waren sieben Jülicher Schulen, die in vielfältiger Weise, „engagiert, ernsthaft, tiefgründig und nachhaltig“ an dem einem Projekt mit dem Arbeitstitel „Nie wieder“ mitgearbeitet hatten. „Das gab es in Jülich noch nie“, wie Fuchs betonte.

In seiner Eröffnungsrede stellte Vorsitzender Heinrich Spelthahn den „Dreiklang aus Erinnern, Gedenken und Mahnen“ heraus. Herzlich begrüßte der Vorsitzende zwei Jülicher jüdischen Glaubens in deren Abwesenheit, die er als bewusste Anonyme „Frau A.“ und „Herr B.“ nannte. Jülich war nie „judenfrei“, die beiden Jülicher Überlebenden des Holocaust werden noch „mit Erfolg davor geschützt“, als Juden angesehen oder angesprochen zu werden. „Siebzig Jahre nach den Nazis trauen sich Juden in Jülich immer noch nicht und wohl nie mehr, sich zu ihrem Glauben zu bekennen“, unterstrich Spelthahn. „Dazu gehört auch, dass wir immer noch mehr über Juden sprechen als mit ihnen“, sagte der Vorsitzende. 

Holocaust als Prüfstein 

Erhalten „gleichwertigen Sonderpreis“: Die Schüler des „Heilig-Geist-Gymnasiums“ Würselen und ihr Lehrer Timo Ohrndorf bei der Vorstellung des Projekts zur „Villa Buth“. Foto: Silvia Jagodzinska

Er begrüßte die beiden Musiker jüdischen Glaubens aus Maastricht, die die Veranstaltung untermalten, Pianistin Sofia Shapiro-Petrasch und Geiger Rauf Berman. „Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Gefährdungen der Freiheit bleiben dieselben. Deshalb ist es wichtig zu wissen, was gestern war. Deshalb ist es wichtig zu wissen, warum es geschah“, führte Spelthahn weiter aus. Zu einem weiteren Dreiklang, nämlich „Vergessen? Erinnern? Handeln? – der Holocaust als Prüfstein der deutschen Erinnerungskultur“ referierte Vorstandsmitglied Marco Maria Emunds.

Seine Motivation war die Tatsache, dass die Erinnerungskultur „zunehmend in Frage gestellt wird“. Emunds verwarf das Motto Erich Honeckers „Vorwärts immer – rückwärts nimmer“ und befürwortete das Statement des Schriftstellers Elias Canetti: „Vorbei ist nicht vorüber“. Als entscheidende Elemente von Erinnerung nannte er die Dynamik, „immer in Bewegung und veränderbar“, und die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Vergessen, das „unter bestimmten Bedingungen als befreiend empfunden werden kann“, sei aber nicht Hauptgegner der Erinnerung. In den letzten 20 Jahren habe die deutsche Erinnerungskultur kontinuierlich zugenommen. Aber in einer demographischen und damit kulturellen Wende stelle sich die Frage nach der weiteren Entwicklungsfähigkeit der stets dynamischen und veränderbaren Erinnerungskultur. Wie lautet also die Antwort auf die Frage: „Was hat das alles noch mit mir zu tun?“ Aus dem sogenannten „Historikerstreit“ der 1980er Jahre leitete Emunds zwei Ansätze ab: „Die Erinnerung an den Stalinismus darf die Erinnerung an den Holocaust nicht relativieren“ und „Die Erinnerung an den Holocaust darf die Erinnerung an den Stalinismus nicht trivialisieren“.

Er plädierte für das „dialogische Erinnern, in dem verschiedene Erfahrungen und Erinnerungen miteinander verbunden werden“. Für die vierte und fünfte Generation nach dem Holocaust bedeute das: „Nicht zu gedenken, sondern nachdenken und weiterdenken, Konsequenzen ableiten und aktiv werden, Verantwortung erkennen und annehmen“.

Fuchs nahm eine nachhaltige „Ich-Botschaft“ aus der Projektbearbeitung der Sekundarschule zum Anlass, „vor unreflektiertem Herumplappern in den (a)sozialen Medien“ zu warnen. Besagte Botschaft lautet: „Ich informiere mich über Sachverhalte und rede nicht einfach drauf los“. Ferner verwies der Bürgermeister auf die Gefahr, auf eine „Vollkaskogesellschaft, (also) in eine Verstaatlichung des Denkens zuzulaufen“.

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