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Jülich: Sendeanlage auf der Merscher Höhe für Führung geöffnet

Jülich : Sendeanlage auf der Merscher Höhe für Führung geöffnet

Auto-Scheibenwischer, die von Geisterhand eingeschaltet werden, Stimmen aus dem Lautsprecher — das sind Geschichten aus der jüngeren Jülicher Vergangenheit, die viele „Muttkrate“ kennen. Und welcher Jülicher erinnert sich nicht an die Sendemasten der Deutschen Welle auf der Merscher Höhe — einst weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt, heute aus dem Landschaftsbild verschwunden.

Auf eine Spurensuche in die jüngere Jülicher Historie begaben sich auf Einladung des SPD-Ortsvereins Jülich mit seiner Vorsitzenden Katja Böcking rund 30 Teilnehmer einer Führung über das ehemalige Betriebsgelände der Sendeanlage. Es war eine fast einmalige Gelegenheit, die Anlagen zu erkunden. Denn es ist für die Öffentlichkeit unzugänglich. „Das ist ja fast ein Ehemaligentreffen“, schmunzelte Martin Jungmann von der Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) Jülich — Eigentümerin des Geländes.

Unter den Besuchern befanden sich etliche langjährige Mitarbeiter der Sendeanlage, darunter mit Diplom-Ingenieur Günter Hirte auch der ehemalige Stationsleiter. Er steuerte viele technische Details und Anekdoten bei.

„Manches hier sieht aus, als ob die Leute hier gerade den Stift fallen gelassen haben und eben erst gegangen sind“, erläuterte Martin Jungmann den Zustand der Sendeanlage. Als die SEG 2012 das Gelände von einem Schrotthändler aus dem Ruhrgebiet gekauft hatte, fand man in den Büroräumen noch „Personalakten und sonstige persönliche Dinge der Mitarbeiter“, so Jungmann.

Der Vorbesitzer hatte alles aus Metall verschrottet. Außer die Elektroleitungen — daran machten sich Kupferdiebe zu schaffen. Von der ursprünglich noch intakten Installation ist nichts mehr übrig geblieben. Überall im Keller liegen Kabelreste herum, eine Beleuchtung ist nicht mehr möglich. „Als wir das Flüchtlingscamp hier oben eingerichtet haben, musste eine komplett neue Stromzuleitung gelegt werden. Hier war nichts mehr zu reparieren“, sagte Jungmann.

Grundsätzlich seien die Gebäude allesamt in einem hervorragenden baulichen Zustand. Die SEG hat daher nicht vor, abzureißen. Erst recht nicht das gläserne Gebäude im Innenhof, in dem sich noch ein originaler Sender aus dem Jahre 1956 befindet. „Das ist unser ‚Museum‘“, sagte Jungmann. Man habe zwar darüber nachgedacht, das technische Inventar eventuell „näher an die Stadt zu bringen“, doch konkrete Pläne gebe es dafür nicht. Wenn das geplante Gewerbegebiet Merscher Höhe inklusive „Brainergy Park“ entsteht, sollen die verbliebenen Bauten als Lager- und Büroflächen vermietet oder verkauft werden. Eine andere Nutzung — zum Beispiel als Ersatz für die Stadthalle, wie von der Besuchergruppe angeregt, schloss er aus.

Zu hoch wären die notwendigen Investitionen in Brandschutz und energetische Sanierung. Ein Gebäude ist bis auf weiteres an die Bezirksregierung verpachtet — falls ein erneuter Betrieb eines Flüchtlingscamps erforderlich wird. Sie überwacht das Gelände heute.

Gigantischer Stromverbrauch

Mit großem Staunen betrachtete die Besuchergruppe die verbliebenen technischen Einrichtungen wie den Leitstand. Hier ist noch eine alte Weltkarte zu finden „mit Jülich im Mittelpunkt der Welt“, wie Günter Hirte schmunzelnd erklärte. Denn dargestellt ist tatsächlich die Erreichbarkeit der verschiedenen Länder von Jülich aus mit der Kurzwelle. Die Sendemasten waren aus diesem Grund in Y-Form aufgebaut, um in alle Regionen der Erde ausstrahlen zu können. „Über 115 Grad erreichten wir Nahost, über 295 Grad die USA“, erläuterte Hirte anhand eines alten Diagramms im Leitstand. Der Strombedarf der Sendeanlage war gigantisch. Zwei voneinander unabhängige Leitungen brachten jeweils 35.000 Volt auf die Merscher Höhe. „Wir hatten zwar auch ein Notstromaggregat, aber das hätte den Sendebetrieb nicht aufrecht erhalten können“, so Hirte. Dieses diente lediglich der Versorgung der Gebäude.

Günter Hirte, der Nachrichtentechnik studiert hat, kam 1973 nach Jülich und musste dort auch eine Dienstwohnung beziehen. „Bei Störungen mussten wir kurzfristig in der Sendeanlage sein können.“ Und manche Störung konnten selbst die Experten nicht sofort aufklären. Einmal bekamen sie einen Anruf von der Flugsicherung, dass ihr Signal von Jülich aus gestört würde. Aber bei Überprüfung der Sender ließ sich nichts dergleichen erkennen.

Bis die Techniker nach einem zweiten Anruf der Flugsicherung dahinter kamen, dass an der Rückseite des Senders ein Schlitz war, der das Signal wie eine Antenne verstärkte. Hirte erinnerte auch daran, dass 1996 von Jülich aus die ersten digitalen Testaussendungen stattfanden, die später zum internationalen DRM-Standard führten (Digital Radio Mondiale). „Aber das hat sich nicht durchgesetzt“, so Hirte. Sein ehemaliger Kollege Willi Offergeld hatte andere Erinnerungen an die Zeit auf der Merscher Höhe: „Ich weiß noch, dass hier damals ein Film mit Barbara Auer gedreht wurde — irgendwas mit einem Erdbeben“. An den Filmtitel aus den 80er Jahren erinnert er sich nicht mehr, wohl aber daran, dass zwei Kollegen spontan als Statisten eingesetzt wurden.

„Sehr wartungsintensiv“

Beeindruckend fand Karl-Heinz Hommelsheim die Führung, der sich freute, „als echter Muttkrat von 74 Jahren“ dieses ehemalige Wahrzeichen von Jülich einmal von innen betrachten zu können. Dass eine Anzahl von gerade einmal 40 Mitarbeitern — später waren es nur noch 20 — auf dem riesigen Gelände mit seinen weitläufigen Gebäuden tätig waren, konnte er kaum glauben. Doch die Gebäude dienten vor allem der Lagerung der Ersatzteile für die Sender und Masten. „Die alten Sender waren sehr wartungsintensiv“, so Günter Hirte.

Zum Abschluss gab Martin Jungmann noch einige Details für die Zukunft der Merscher Höhe Preis: Die „Y-Äste“ Richtung Mersch und Broich bleiben erst einmal „Sondergebiet“ und sollen mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet werden. „Auch wenn das nicht mehr ganz so lukrativ ist, wie es einmal war. Aber wir wollen die Fläche in Wert setzen“, so Jungmann. Das Areal der ehemaligen Sendeanlage umfasst insgesamt eine Fläche von ca. 41 Hektar. Diese Fläche gehört komplett der SEG Jülich bzw. der Entwicklungsgesellschaft Campus Merscher Höhe. Für das Gewerbegebiet mit insgesamt 52 Hektar Gesamtfläche hat die SEG mittlerweile fast 50 Hektar verhandlungsmäßig sichern können, davon entfallen ca. 21 Hektar auf alte Flächen der Sendeanlage. Diese Flächen werden planungsrechtlich in Gewerbeflächen umgewandelt, so dass der „Campus Merscher Höhe“ voraussichtlich im kommenden Jahr Wirklichkeit werden kann.