Jülich: Schüler ermitteln mit dem Erlebnisparcours ihre Stärken

Jülich: Schüler ermitteln mit dem Erlebnisparcours ihre Stärken

Tim und Marvin suchen im engen Labyrinth Orientierung. Wie komme ich am besten zurecht? Allein oder gemeinsam? Schließlich lässt sich Marvin, der eine Blindheit-Simulationsbrille auf der Nase hat, von Tim führen.

„Wir waren außerordentlich neugierig vor sieben Jahren, als wir das Konzept sahen und waren schon beim ersten Mal von der Lebendigkeit begeistert“, sagte Dezernentin Katarina Esser und zeigte sich selbst Feuer und Flamme für das Landesprojekt „Komm auf Tour — meine Stärken, meine Zukunft“. Schon zum siebten Mal in Folge macht es in Jülich für drei Tage Station.

Siebte Klassen

Insgesamt haben fast 4000 Schüler den Erlebnisparcours durchlaufen. Aktuell gingen 550 Teilnehmer der siebten Klassen aus 13 Gesamt-, Haupt-, Real- und Förderschulen aus Jülich, Aldenhoven, Titz, Düren, Linnich, Inden und Langerwehe „auf Tour“. Essers Bilanz: „In den Folgejahren gab es immer wieder Rückmeldungen wie: Ich hatte da mal Stärkepunkte in diesem Parcours. Das war das Tollste, was ich gemacht habe. Da hat mir einer zum ersten Mal gesagt: Das kann ich gut“, zählte die Dezernentin einige späte Reaktionen auf.

Träger des innovativen und interaktiven Projektes zur Berufsorientierung und Lebensplanung sind die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und das NRW-Schulministerium. Schirmherr ist der Bürgermeister, vertreten durch Wolfgang Gunia.

Zunächst gibt das Projekt Impulse. Schüler nehmen Eigen- und Fremdbilder wahr, setzen sich mit realistischen Zukunftsmöglichkeiten auseinander und stärken ihre Kommunikationsfähigkeit über Freundschaft, Sexualität und Verhütung. Gestützt werden sie von 26 zusammengeschlossenen Institutionen, die „keine Eintagsfliege“ sind, sondern ein begleitendes Netzwerk bilden. Besonders wichtig ist zudem die Unterstützung durch die Eltern, deshalb steht in der Mitte des Projektes ein Elternabend auf dem Terminplan.

Konkret sieht der Erlebnisparcours so aus: Die „Reiseleitung Futura“ stimmt die Jugendlichen mit dem Mut machenden Musikvideo „2020“ auf erste Schritte in eine ungewisse Zukunft ein. Ihre „Stärkekarten“ sind unterteilt in folgende Bereiche: Wer arbeitet gerne mit Zahlen, kann mit Geld umgehen? Wer hilft gerne? Wessen Stärke ist Organisation und Verwaltung? Wer hat Spaß am Gestalten? Wer arbeitet gern mit Kraft und Geschick? Wessen Stärke ist der Umgang mit Pflanzen, Tieren, der Natur und Umwelt? Wer redet, berät und verkauft gerne? In vier Gruppen aufgeteilt, reisen die Kids nacheinander zu vier Stationen.

In der Szenerie „sturmfreie Bude“ haben Jugendliche Party gemacht und müssen vor Ankunft der Eltern das Chaos beseitigen. Blumen müssen eingepflanzt, entlaufene Haustiere eingefangen, etwas muss repariert werden. Küchendienst steht an, der Tisch muss kreativ für alle gedeckt, Betten gemacht werden. Jeder bringt seine Alltagskompetenzen ein. Als Kondome entdeckt werden, beginnt unter den neugierigen Jugendlichen eine sehr offene Verhütungsdiskussion. Die „TV-Loveline-Beratung“ wird hinzugeschaltet.

„Eingeschränkte berufliche Perspektiven wirken sich auf das Privatleben aus, etwa durch zu frühe und ungeplante Schwangerschaften“, sagte Susanne Biehler (BZgA). Deshalb „schafft das Projekt Raum für Gespräche zum Themenkreis Liebe, Sexualität und Verhütung“.

Im engen „Labyrinth“ aus hohen Metallwänden sind Wahlaufgaben zu lösen, allein und gemeinsam. Möbel werden geschickt hindurch balanciert, Wege ausgemessen, Periskope gebaut. Im „Zeittunnel“ entscheiden Jugendliche spontan anhand von Bildmaterial aus geschlechteruntypischen Lebens- und Arbeitswelten in Gegenwart und Zukunft über ihre Lebensmodelle: Was kommt für mich im Leben vorher, was hinterher? Was ist möglich? Im Rampenlicht auf der Theaterbühne dürfen sie in einer Kurzszene Rollen- und Perspektivwechsel ausprobieren: Zur Wahl stehen Eifersuchtsdrama, Job-Bewerbung, Verkaufsszene oder Rap-Performance.

Unter dem Lebensmobile an Terminal II wird nachbereitet: „Welche Stärken habt ihr über euch herausgefunden?“, fragte Vera Behrens. „Redestärke“ war oft zu hören, aber auch Natur und Handwerk oder Kreativität. „Ich bin zur Kunst gewechselt, weil man da kreativ sein kann“, lautete eine Antwort. Was ist jetzt zu tun? „Reinschnuppern, zum Beispiel in einem Praktikum, sich mal vorstellen“, wussten einige Schüler bereits und kannten Ansprechpartner. Weil es nun darum geht, den Übergang von den Stärken zur beruflichen Zukunft zu finden, beschäftigten sich Teilnehmer und Betreuer aus örtlichen Beratungsstellen abschließend mit „Stärkeschränken“: So finden sich etwa Gummistiefel und Gartenschlauch, Minitraktor, Heu, Blätter, Obst, Gemüse, Tiere und Blumen in natura oder symbolisch im Stärkeschrank zum Thema „Mein tierisch grüner Daumen“.

Die Wiederholung des Projektes in Jülich im kommenden Jahr ist in trockenen Tüchern.

(ptj)
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