Jülich: Schirmer-Urenkel in Jülich „auf großem Fuß“

Jülich : Schirmer-Urenkel in Jülich „auf großem Fuß“

Der bekannte Essener Maler und Bildhauer Jörg. W. Schirmer präsentiert gegenwärtig seine Arbeiten in Jülich, der Geburtsstadt seines berühmten Ururgroßvaters und Landschaftsmalers Johannes Wilhelm Schirmer. Mehr als 150 Jahre trennen die beiden Künstler.

Sie sind nicht nur zeitlich ganze Epochen voneinander entfernt, sondern auch hinsichtlich ihrer schöpferischen Aussage, des Stils und der künstlerischen Technik verschieden. Was sie vereint, ist mit den Worten Oskar Wildes ausgedrückt, das „Ziel der Kunst, einfach eine Stimmung zu erzeugen“.

Bei der Ausstellungseröffnung begegneten die einströmenden Besucher schon im Eingangsbereich der „Galerie An der Zitadelle“ einem überdimensionalen, hölzernen, emporgestreckten Fuß. So erlebten sie symbolisch die ersten Merkmale des „Künstlers mit den großen Füßen“, wie Jörg W. Schirmer genannt wird. Perspektive, Symbolik und die Gegensätze bei der Motivauswahl, den benutzten Materialien und der künstlerischen Komposition sind für seine Werke richtungsgebend.

Die im Namen der Galeriebetreiber von Georg Loven begrüßten Gäste, unter anderem der stellvertretende Jülicher Bürgermeister Martin Schulz und Museumsleiter Marcell Perse, wurden von der Kunsthistorikerin Stephanie Decker mit nützlichen Informationen in die Welt des Künstlers eingeführt. Unter dem Motto: „Perspektive? akrobatisch!“ präsentiert Schirmer den Jülicher Kunstliebhabern seine Arbeiten als Malereien, Relief und als Skulpturen in Holz und Bronze.

Obwohl Schirmer den Worten „Kunst ist das, was man nicht begreift“ beipflichtet, die von seinem berühmten Meister und Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie, Markus Lüpertz, stammen, verrät er in einem Interview die Motivation seiner kreativen Schöpfung.

Ameisenperspektive

Das künstlerische Objekt ist bei Schirmer ausschließlich, wie er selbst verdeutlicht, der menschliche Akt. Für den Betrachter besitzt jeder seiner menschlichen Darstellungen auf den ersten Blick vor allem überdimensionale Füße. Doch nicht die Füße stehen im Fokus seiner Arbeiten. „Es ist lediglich der menschliche Körper aus einer Ameisenperspektive dargestellt“, erklärt Schirmer. Für eine Ameise sind die Füße sehr nah, also sehr groß. So erscheint alles, was weiter weg ist, bis hin zum Kopf immer kleiner. Das hat laut Schirmer den Effekt, dass der Mensch viel größer erscheint, als er in Wirklichkeit ist. „Die Perspektive der Ameise wirft viele verschiedene Aspekte auf. Einerseits mehr Schein als Sein, und anderseits will ich auf diese Weise das Humane, das Menschliche, verherrlichen, um zu mahnen, uns wie Menschen zu verhalten.“

Dem Kreativen ist außerdem wichtig, mit „Gegensätzlichkeiten“ zu arbeiten. „Der Fuß ist ein super Symbol dafür. Er ist unser Fundament, gibt uns den statischen Halt und Standhaftigkeit, aber er ist gleichzeitig ein Fortbewegungsorgan und ermöglicht uns eine Veränderung, auch die räumliche.“ Seine Vorliebe für Gegensätzlichkeit spiegelt sich zudem in den gewählten Materialien und der konzeptionellen Umsetzung seiner Werke wider. „Bronze ist alt-ehrwürdig, man kennt sie mit einer dunklen, grünen Patina. Ich kombiniere sie mit leuchtenden, poppigen Farben. So entsteht eine Spannung, die mir und anderen richtig Spaß macht.“

Der zentral in der Galerie exponierte „Akrobat“ ist für Schirmer besonders symbolträchtig. Die mehr als lebensgroße Holzfigur verändert ihre Wirkung abhängig von der Perspektive des Betrachters. „Alle meine Arbeiten richten sich nach der Perspektive“, sagt der bekennende Humanist und „liberal eingestellte“ Künstler. „Die Perspektive ist natürlich auch die Ansicht, die jeder Mensch in seinem Leben vertritt und diese kann ihm auch in manchen Situationen einige Lebensakrobatik abverlangen.“

So finden die Ausstellungsbesucher bis zum 30. Juni den für Schirmer wichtigen „Akrobat“ in verschiedenen Ausführungen vor. Als „Artist“ oder auf einem Kreuz dargestellt spiegelt er neben anderen Skulpturen die eigenen Ansichten des Künstlers. „Die Akrobat-Figur auf dem Kreuz ist nicht als Blasphemie gemeint“, sagt Schirmer, „und ich bin der Meinung, dass die Religion sich verändern muss. Es ist ein akrobatischer Akt, aber sich auf neue Verhältnisse einzustellen, mit den Menschen zu gehen, ist der einzige Weg“. In seiner Überzeugung ist Religion ein Bestandteil der Kunst und Kunst wie eine eigene Religion. „Das Ganze soll hinterfragt werden“, lautet seine künstlerische Aussage.