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Workshop an der Musikschule Jülich: Schauspielerei ist vor allem Handwerk

Workshop an der Musikschule Jülich : Schauspielerei ist vor allem Handwerk

Der Winter-Workshop der Aachener Schauspielschule an der Musikschule Jülich lockte zahlreiche Teilnehmer, die nicht nur prüfen konnten, ob sie Talent haben. Sie wurden auch über möglicherweise falsche Vorstellungen über den Beruf aufgeklärt.

„Es ist für mich wie Magie, ich finde es sehr besonders“, lautete einer der Teilnehmerkommentare bereits nach wenigen Unterrichtsstunden des „HiT“-Workshops. Die Abkürzung steht für „Habe ich Talent?“. Von Besonderheiten war diesmal das in Jülich seit Jahren etablierte Angebot der Aachener Schauspielschule (ASS) auch selbst geprägt.

Dank der Kooperation mit der Musikschule der Stadt Jülich wurden die Anwärter des Schauspielberufs zusätzlich zu den sommerlichen Open-Air-Veranstaltungen im Brückenkopf-Park erstmalig auch im Winter mit der spannenden Frage „Habe ich Talent“ konfrontiert. Ebenfalls zum ersten Mal wurden die Dozenten der Schauspielschule bei der Vorstellung der sechs Unterrichtsfächer Klassisches Schauspiel, Camera-Acting, Sprecherziehung, Tanz, Gesang und Bühnenkampf von den Fachkräften der Musikschule unterstützt.

„Der schöne Austragungsort und die organisatorische Hilfe sind für uns eine enorme Entlastung, speziell auch bei diesem außergewöhnlich hochfrequentierten Workshop. Es ist eine fruchtbare Angelegenheit für beide Seiten“, erklärt Schauspieler, Regisseur und Leiter der ASS, René Blanche. Von wertvollen Synergieeffekten dieser oder ähnlichen Kooperationen im kulturellen Bereich ist auch die Geschäftsstelle der Musikschule überzeugt. „Es ist uns sehr wichtig, unsere Klientel im Visier zu halten“, bekräftigt Susanne Schlüter, „doch die Kooperation eröffnet neue Perspektiven und ermöglicht neben dem musikalischen Kern unserer Tätigkeit, einen Bogen in andere künstlerische Bereiche zu schlagen“. Mehrere Schüler der Musikschule nahmen das aktuelle Workshop- Angebot in Anspruch, und die Nachfrage für die in einer weiteren Zusammenarbeit angedachten, regelmäßigen Jugendschauspielkurse ist bereits groß.

Den Teilnehmern des Workshops einen Einblick in die professionelle Schauspielerei zu verschaffen, gilt als Grundlage des Workshops. An zwei Tagen wird hier ein Querschnitt aus allen Unterrichtsfächern präsentiert. Das eigene Talent und die berufliche Eignung können in sechs zusammenwirkenden Elementen, die den „Alltag“ an der Schauspielschule ausmachen, unter professioneller Leitung erprobt werden.

Die Veranstaltung kann individuell genutzt werden, um die ersten schauspielerischen Erfahrungen zu sammeln und um die womöglich immer wiederkehrende Frage, „eigne ich mich dafür wirklich, oder möchte ich nur gerne Schauspieler werden“, eindeutig zu beantworten. „Schauspiel ist vor allem ein Handwerk, das es zu erlernen gilt“, erklärt René Blanche, „und es hat wenig damit zu tun, ob ich mich als kreativen Menschen begreife“.

Doch aus einem beherrschten Handwerk könne durchaus eine Kreativität entstehen. In diesem Zusammenhang wird an der ASS ungern vom Talent gesprochen. Vielmehr ist der Begriff „Ausbildbar“ als Eignungsfaktor von Nutzen. „Ausschlaggebend für diesen Beruf ist die Fähigkeiten, die uns gegeben sind, auch richtig umzusetzen“, bekräftigt Blanche. Die wichtigsten Voraussetzungen für jeden Schauspielkünstler sind die Beobachtungsgabe, die Vorstellungskraft und die Konzentrationsfähigkeit. „Unter diesen Aspekten kann dieses Handwerk, das für viele einen Traumberuf darstellt, mit viel Eigendisziplin und Arbeit erlernt werden“, fügt die künstlerische Leiterin der ASS, Andrea Royé, hinzu.

Durch die vielen Castings-Formate entstehe eine falsche Vorstellung vom Schauspielberuf. Dieser Kunst nachzugehen, um sich selbst darzustellen, kometenhaft aufzusteigen und schnell berühmt zu werden, ist die falsche Voraussetzung. „Es ist kein glücksschaffender Weg, sondern ein Beruf, der mit gewissen Pflichten einhergeht“, bekräftigt Royé. Schauspiel sei eine wunderbare Möglichkeit, die Welt zu spiegeln, aufzuzeigen wie die Menschen funktionieren und dadurch womöglich auch sich selbst zu erkennen.

„Man soll es nur machen, wenn man wirklich was zu sagen hat und mit dem eigenen Tun etwas in die Welt tragen möchte“, fasst sie zusammen. 

Neue Welt 

Einige wenige Teilnehmer gehen daher vielleicht desillusioniert aus den Workshops heraus, doch die Mehrheit entdeckt für sich eine neue Welt. „Wir hören oft von den Teilnehmern, dass es noch viel mehr und viel gigantischer ist, als sie gedacht haben, denn es steckt noch viel mehr dahinter“, heißt es von der Schulleitung. Diese Erfahrungen wurden auch den Teilnehmern des Winter-Workshops in Jülich zuteil. „Ich bin in freudiger Erwartung gekommen und nicht enttäuscht worden“, berichtet ein Teilnehmer, der in seinem gegenwärtig ausgeübten Beruf nicht die vollständige Erfüllung findet. Er sei gespannt, wie es an der Schauspielschule weiter gehen könnte und würde gerne die zweijährige Ausbildung berufsbegleitend absolvieren. Ebenso wie der selbstständige Graphiker Patrik Kropp und der Pädagogische Mitarbeiter Volker Theißing es tun.

Kropp fand den Weg in die Aachener Schauspielschule durch seine Internetrecherche und die Teilnahme am letzten Sommer-Hit-Workshop. Theißing wählte nach einem langen Aufenthalt in China Stolberg als seine neue Bleibe in Deutschland, allein der Schule wegen.

Beide sind mit ihrer Wahl zufrieden und würden bereits heute schon nach der Abschlussprüfung gerne „ein paar Semester mehr dranhängen“.

Für die Teilnehmer des Winter-Workshops steht die Entscheidung für oder gegen den Schauspielberuf noch aus. Die oder der besonders „Ausbildbare“ hat allerdings bereits jetzt eine Gastrolle in der TV-Comedy-Serie „La vie der Jean Marie“ sicher.