Rückkehr zum Ursprung des Schafes: Schafe züchten, die nicht geschoren werden

Rückkehr zum Ursprung des Schafes : Schafe züchten, die nicht geschoren werden

Vielleicht denkt man bei Ostern an Hühner, die Eier legen. Am meisten vermutlich an den Osterhasen, der Eier und Geschenke bringt und versteckt. Das Tier aber, das von Anbeginn an für den Gedanken des christlichen Osterfestes steht, ist das Lamm.

Es repräsentiert im Christentum Jesus, das „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“, wie schon Johannes der Täufer über den jungen Jesus sagt. Jesus war Jude, die Tradition des Opferlamms, das mit den Sünden der Menschen beladen und geopfert wird, stammt aus dem Judentum.

Den ursprünglichen Schafen hat sich Rainer Wagner aus Hasselsweiler verschrieben. Nicht aus religiösen Gründen, sondern der Leidenschaft halber hat er sich ein besonderes Ziel gesetzt: Er gehört zu den Züchtern, deren Ziel es war, Schafe zu ziehen, die nicht geschoren werden müssen. „Nolana“ heißt die geschaffene Rasse heute. Auf die Idee sei er durch einen Arbeitskollegen aufmerksam geworden. Diese Schafe müssen nicht geschoren werden, da sie ihr Fell einfach verlieren. Das war bei Ur-Schafen normal. Der Mensch hat die Tiere später so gezüchtet, dass er neben Fleisch und Milch auch die Wolle nutzen konnte. Jetzt gehen Züchter wie Wagner den Weg zurück. Der Grund: Die Wollproduktion lohnt sich kaum noch. „Der Wollmarkt ist zusammengebrochen. Das Scheren ist ein Kostenfaktor“, sagt er.

So ziehen auch die Schafe Wagners, dessen Herde momentan 27 Muttertiere zählt, die jeweils ein bis drei Lämmer geboren haben, gerade ihre Winterjacken aus. Unter den dichten, gut gepolsterten Flächen ist schon das dünnere Sommerfell zu sehen.

„Das Rauslassen der Schafe aus dem Stall auf der Weide, das sind die besten Momente des Jahres“, sagt Tochter Edith. Seit ein paar Wochen können die Lämmer mit ihren Müttern auf der Wiese toben und frisches Gras fressen. „Es ist schön, die Tiere aufwachsen zu sehen“, sagt Wagner, dem die Landwirtschaft in die Wiege gelegt wurde. Seine Urgroßeltern gründeten irgendwo im Sauerland einen Hof, der heute von seinen Brüdern bewirtschaftet wird. Da Wagner in Hasselsweiler ein passendes Fleckchen für Haus, Hof und Weide fand, ließ er sich dort nieder.

2001 fing er hier mit sechs Schafen an. Auf seine Zuchterfolge ist er stolz, denn die „Nolanas“ gab es zu Beginn seines Vorhabens gar nicht mehr. „Durch Selektion der Merkmale der Tiere sind wir in der Zucht vorangekommen. Seit zehn Jahren muss ich die Herde nicht mehr scheren“, erklärt er.

Seit November 2018 sind die „Nolanas“ als eigene Rasse eingetragen. Auf 50 bis 60 Personen schätzt der Landwirt die Anzahl der Züchter, die die Keine-Wolle-Schafe für sich ausgewählt haben. Viele haben sich in dem „Nolana-Netzwerk Deutschland“ zusammengeschlossen, bei dem Rainer Wagner Gründungsmitglied und im Vorstand ist.

Für die Vermehrung der Schafe hat sich Wagner drei Zuchtböcke angeschafft, die mit „Kuschelbock Timmy“ auf einer anderen Weide leben. „Den haben wir mit der Flasche aufgezogen und wegen der Kinder durfte ich ihn nicht mehr weggeben.“ Timmy hat etwas gerochen und zieht die Nase kraus. Dann schmust er mit Edith. Sie bleiben aber nicht lange alleine. Denn plötzlich bricht „Tabi“ zwischen Büschen hervor. „Tabi“ ist die erste Kuh von Sohnemann Konstantin und war ein Geschenk eines befreundeten Landwirts. Die schwarz-weiße Kuh wirkt zwischen den nur halb so großen Schafen wie eine Sonnenblume in einer Gänseblümchen-Kolonie.

Damit das junge Rind nicht einsam Leben muss – momentan sucht Konstantin nach der passenden Herde –, lebt „Tabi“ mit den Böcken zusammen. „Sie ist schon zu einer Dorfattraktion geworden“, sagt Wagner und weiter: „Als die Böcke sie zum ersten Mal gesehen haben, haben sie erstmal die Flucht ergriffen.“ Mittlerweile haben sich alle aneinander gewöhnt und „Tabi“ will an das Wasser, dass Konstantin gerade in eine Plastikwanne kippt.

Ein Pachtexemplar unter anderem wegen „der guten Verteilung der Muskeln“ ist ein Bock, der eine dunklere Zeichnung hat. Diese hat er auch an eines der Lämmer vermacht. Dieses Lämmchen hat schon einiges hinter sich. Denn als die Mutter es gebar, wusste wegen ihrer Unerfahrenheit nichts mit den zwei Frischgeborenen anzufangen. Das eine Lamm schaffte es nicht, bei dem anderen diagnostizierte der Tierarzt ein gebrochenes Bein. Das Lamm mit der dunklen Zeichnung überlebte und lief nach zwei Wochen wieder. Mittlerweile ist es mit den anderen auf der Weide. „Das ist manchmal mit jungen, unerfahrenen Schafen so. Aber schließlich hat das Muttertier das Lamm doch noch angenommen“, sagt Rainer Wagner und streichelt die neunjährige Hündin „Lucy“, die lieber Menschen hütet als Schafe und sich schwanzwedelnd freut, dass jemand da ist.

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