Ehemaliger Versuchsreaktor: Roboterspinne frisst sich durch die Reste eines umstrittenen Experiments

Ehemaliger Versuchsreaktor : Roboterspinne frisst sich durch die Reste eines umstrittenen Experiments

Wie eine überdimensionierte Spinne hockt der Roboter mitsamt Abbruchwerkzeugen in einem eigens errichteten Zelt. Die ferngesteuerte Sonderkonstruktion hat sich sechs Wochen lang durch den dicksten Beton gefressen und die Armierungen gleichsam mit verspeist. Das Ziel ist erreicht – der Roboter hat seinen Test bestanden und kann sich ab November im Inneren des AVR-Reaktors durch den Beton arbeiten.

Seit 2015 ist die Jülicher Entsorgungsgesellschaft mbH (JEN), ein Bundesunternehmen, für den Rückbau, die Entsorgung und auch Zwischenlagerung radioaktiver Altlasten in Jülich zuständig. Ähnlich wie bei der bereits zurückgebauten Reaktoranlage Merlin sollen noch der AVR-Reaktor, die Heißen Zellen und der Forschungsreaktor Dido der „grünen Wiese“ weichen.

Zurück zu der Roboterspinne. Sie wird, wie Marco Steinbusch, Projektleiter für den Rückbau des AVR-Reaktors erklärt, ab September in den Sicherheitsbereich des Reaktors eingeschleust und kann dann ab November mit der Arbeit beginnen. Die Aufgabe: Der Roboter soll Betonstrukturen im Schutzbehälter entfernen. In ihm befand sich der bereits entnommene Reaktorbehälter.

Um 1450 Tonnen Stahlbeton geht es, den die Spinne mit verschiedenen Werkzeugen zerlegen muss. Weitere 200 Tonnen sind sogenannter Schwerstbeton – eine Mischung aus Stahlkugeln und Zement. Parallel hierzu wird der Schutzbehälter selbst ebenfalls mit dem Roboter zurückgebaut werden. Steinbusch und JEN-Geschäftsführer Dipl.-Ing. Rudolf Printz schätzen, dass die Abbrucharbeiten rund zwei Jahre in Anspruch nehmen werden.

Im AVR-Reaktor wird es laut Marco Steinbusch (links) und Rudolf Printz zwei Jahre dauern, bis der Beton im Schutzbehälter zurückgebaut ist. Foto: Burkhard Giesen

Der Grund: Durch die vordere Schleuse passen maximal 200-Liter-Fässer. Mit 6000 Fässern rechnet Steinbusch, aber nur 2000 davon werden dann auch tatsächlich radioaktiv belastetes Material enthalten. „Wir müssen jedes Fass beproben. Nicht belastetes Material wird in einer Brecheranlage zu Granulat verarbeitet und kann dann beispielsweise im Straßenbau eingesetzt werden“, erläutert Steinbusch.

Das Ziel der „grünen Wiese“ ist mehr als ehrgeizig. Rudolf Printz: „Wir müssen das Gelände nachweislich kontaminationsfrei an das Land übergeben, und zwar so, dass es uneingeschränkt nutzbar ist – auch mit einer Grundwasserentnahme und dem Anbau von Pflanzen.“  Das Problem ist dabei nicht die Einhaltung des ursprünglich anvisierten Zeitplans, dies bis zum Jahr 2027 abzuschließen, sondern die Verschärfung der Rahmenbedingungen.

Printz: „Seit Anfang 2019 sieht das Strahlenschutzrecht einen neuen Grenzwert vor, der um den Faktor 300 kleiner ist.“ Eine Belastung von zwei Becquerel je Kilogramm sind dann noch zulässig – allein die natürliche Strahlenbelastung, beispielsweise durch Atomwaffentests in den 1950er und 60er Jahren – liegt schon bei einem Becquerel. Printz: „Wir bekommen da Nachweisprobleme. Die Messreihen werden deutlich mehr Zeit benötigen. Wir reden da eher über Jahre als Monate.“ Das gesamte Konzept muss überarbeitet und angepasst werden, die Bedingungen in Teilen noch von externen Experten vorgegeben werden.

Der Rückbau des AVR-Reaktor erfolgt unter erschwerten Bedingungen. Foto: Burkhard Giesen

All das ist vor allem vor dem Hintergrund, dass es 1978 im AVR-Reaktor einen Störfall gegeben hat, besonders bedeutsam. Damals wurde genau der Schutzbehälter kontaminiert und anschließend aufwendig dekontaminiert, der nun entfernt werden soll. Darüber hinaus kam es durch diesen Störfall zur Kontamination des Anlagengeländes.

Zwar hat eine Expertenkommission zuletzt 2014 festgestellt, dass „von keiner gesundheitlichen Gefährdung der Bevölkerung durch Kontamination von Boden und Grundwasser“ auf dem Areal auszugehen ist, aber gleichsam auch erklärt, dass „der Aufwand zur Freigabe des Geländes gegenüber anderen Rückbauprojekten erhöht sein wird.“ Eine Einschätzung, noch vor der Verschärfung des Strahlenschutzrechtes, die deutlich macht, wie hoch der Aufwand ist, den die JEN betreiben muss. Dem Spinnen-Roboter kann das aber erst mal egal sein. Er wird sich einfach Stück für Stück durch den stahlharten Beton fressen.

Mehr von Aachener Nachrichten