Jülicher Land: Rheinische Mundart: Wenn der Schwaadlapp eine Pitschzang haben will

Jülicher Land : Rheinische Mundart: Wenn der Schwaadlapp eine Pitschzang haben will

Es gibt Mundart, die typisch ist für das Jülicher Land. Das kann LVR-Sprachwissenschaftler Peter Honnen bestätigen. Sie ergibt sich aus der Lage. „Das Kölnische spielt als Einfluss eine Rolle, der Dürener Raum und die Nordeifel sicher genauso wie das Heinsberger Land mit seinem niederländischen Einschlag.“ Aber eins gebe es nicht, betont Honnen: den Jülicher Dialekt.

Die Wahrheit variiere von Ort zu Ort. Das kann Karl-Heinz Schumacher nur bestätigen, besser bekannt aus seiner Mundart-Kolumne „Der Herr Jedönsrat“ in unserer Zeitung. „Ich bin erst mit dem Jedönsrat darauf gestoßen, dass der Dialekt hier von Ort zu Ort verschieden ist“, berichtet Schumacher aus der Erfahrung von mittlerweile 430 wöchentlichen Berichten aus der Welt des Herrn Jedönsrat. „Ich höre häufiger: Datt heesst doch nit esu“, berichtet Schumacher.

Dazu kann er jede Menge Beispiele nennen. Das Wörtchen wieder beispielsweise. In Richtung Düren sagt man ‚widder‘ oder ‚wedder‘, westlich von Jülich will Schumacher auch schon mal ‚wirrem‘ gehört haben. Er selbst, aufgewachsen bei der „Omma“ in Barmen und heute in Aldenhoven tätig, schreibt in seiner Kolumne ‚wier‘. So gebe es zahlreiche Worte, anhand derer man ziemlich genau die exakte Herkunft bestimmen kann. Eine Geiss heißt vielerorts Jeess, in und um Linnich herum hört man oft Jeet. Die Hose kann die Box, Bux, Botz oder Butz sein. Leute sind Lü, Lüt oder Lück, ein Hut geht je nach Ort als Hoot, Höötche, Hott oder Höttche durch.

Auch im Jülicher Raum ist der Dialekt auf dem Rückgang. Das passiert zwar da langsamer, wo die Von-Ort-zu-Ort-Vielfalt noch stark ausgeprägt ist — das Jülicher Land oder die Eifel nennt Honnen hier als Bastionen des Dialekts. Aber es passiert trotzdem. „Mein Sohn kann diese Sprache zwar noch verstehen. Aber er spricht sie kaum noch“, sagt Schumacher.

Auch deswegen gibt es sein Alter Ego, den Jedönsrat. Der ist quasi eine wöchentlich gebrochene Lanze für die Art, wie die Menschen im Jülicher Land früher gesprochen haben. „Menschen, die gar kein Hochdeutsch konnten, habe ich noch gekannt. Aber heute gibt es die nicht mehr“, beschreibt Schumacher. Hochdeutsch — oder das, was der Rheinländer für Hochdeutsch hält — hat sich durchgesetzt.

Trotzdem sei es der regionale Sprachschatz wert, gepflegt und bewahrt zu werden. „Wenn man hier flucht, dann klingt das nicht ganz so schlimm. Hier kann man sich auch mal deftigere Dinge an den Kopf werfen, ohne dass es direkt ganz schlimm wird“, sagt Schumacher. Platt ist ehrlicher, direkter, vom Wortklang her lautmalerischer und irgendwie wirkmächtiger. Und trotzdem nicht ganz so schlimm.

Für Schumacher mindestens genauso wichtig wie die hoch aufgelösten Unterschiede innerhalb der Aussprache eines Wortes sind die Begriffe, die verbinden. Worte, die zeigen, dass man aus einer Region stammt. Einen ‚Schwaadlapp‘ versteht man im Rheinland, jeder weiß, was gemeint ist, wenn er nach einer ‚Pitschzang‘ gefragt wird. Wenn das Hemd auf einmal ‚spack‘ sitzt, dann war der Waschgang zu heiß oder das Essen zu lecker. Ein ‚Blötsch‘ kann eine Wölbung nach innen oder außen sein; also entweder eine Delle oder eine Beule. ‚Ne Blötsch im Kappes‘ ist immer noch besser als ‚ne Ratsch im Kappes‘.

Apropos Kappes: Laut Honnen und Schumacher eines der spannendsten Worte im ganzen Rheinland, wegen seiner fest etablierten Doppeldeutigkeit. Kappes für Kopf hat lateinischen Ursprung, Kappes für Murks stammt aus dem Jiddischen.

Heute versuchen Regiolektschreiber wie der Herr Jedönsrat eigentlich genau das, was Luther getan hat: eine Sprache, die nie aufgeschrieben, sondern immer gesprochen wurde, aufschreiben. Es ist Kappes, daran zu glauben, dass so eine neue Standardsprache entsteht. Aber vielleicht bleibt ein Dialekt mit Wurzeln bis ins Lateinische erhalten.

(jan)
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