Jülich: Referenten und Zeitgenossen blicken zurück auf die 68er

Jülich : Referenten und Zeitgenossen blicken zurück auf die 68er

„Jede(r) hat irgendwie diese Zeit erlebt. Lasst uns doch ein Stückweit darüber erzählen.“ Diese Einladung aus dem Mund von Elke Bennetreu, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Jülich, deutete bereits auf eine Veranstaltung im deutlich lockeren Format als etwa das der „Literarischen Vespern“ im Bonhoeffer-Haus hin.

Alternativ waren auch die Getränke, statt Kaffee und Tee lockten Weißwein, alkoholfreies Klosterbier oder Fassbrausen. Mit filmischen und musikalischen Impulsen zeichneten drei Referenten im Gespräch mit Bennetreu ein Bild „Unserer 68er“, als Rückblick auf die 68er Bewegung und die weitere Entwicklung der nächsten 50 Jahre unter den Aspekten Politik, Sexualität, Literatur und Musik. Gezeigt wurden etwa Filmausschnitte aus dem grandiosen Film „20001 Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick oder Dokumentationen zu den diversen Themenbereichen.

Ein Beispiel waren die Studentenrevolten nach Benno Ohnesorgs Ermordung durch Geheimdienstleute des Schahs. Auch rohe und ungefilterte Äußerungen über „abgehackte Schwänze“ waren relevant für die 68er.

Die erste Stellungnahme stammte von der heute 81-jährigen Marianne Tombeux aus Jülich, die sich zuvor mit einem Brief an Bennetreu gewandt hatte. Sie erinnerte an den feministischen Slogan „Privat ist auch politisch“ und betonte: „So wollte ich leben. So fühlte sich Selbstverwirklichung an.“ Die Goldschmiedin wollte Mutterschaft und Beruf unter einen Hut bringen und erhielt schließlich die Chance, ihre „bemerkenswert schönen Schmiedearbeiten“, die sie auch im Bonhoeffer-Haus zeigte, bei der „Jahresschau“ für junge Begabungen im Leopold-Hoesch-Museum Düren auszustellen.

Der am „Journalismus interessierte“ Musikwissenschaftler Pedro Obiera, der damals „seinen Wehrpass verbrannte“, sah „den Vietnamkrieg als Auslöser, der auch musikalisch interessante Aspekte an den Tag brachte“. Vorgespielt und gerne mitgesungen wurden etwa „Blowing in the wind“ von Joan Baez und Bob Dylan oder „Born to be wild“ von Steppenwolf. Weitere Beispiel waren Jimi Hendrix mit seiner „Zertrümmerung der amerikanischen Nationalhymne“ in „The star-spangled banner“ oder das aufrüttelnde Oratorium „Das Floß der Medusa“ unter dem Porträt von Che Guevara von Hans-Werner Henze, das „nie uraufgeführt wurde“. „Heute haben wir Schlauchboote der Medusa“, zog Bennetreu den Vergleich zwischen sterbenden Menschen auf dem Wasser damals und heute.

„Zu diffus“ fand Obiera die Tatsache, dass sich während der Studentenrevolten 1968 „Studenten anmaßten, sich als Sprachrohr für die Arbeiter zu sehen“. „Ich gehörte zu diesen Studenten...“, meldete sich eine Besucherin. Das Resümee in dieser Frage lautete schließlich: „Was mit radikalen Bewegungen begann, hat uns am Ende demokratischer gemacht.“

Mit Politikwissenschaftler und Journalist Ottmar Steinbicker arbeitete Bennetreu die größten zu verarbeitenden Herausforderungen der einzelnen Länder heraus. Das war für die Amerikaner Vietnam und die Bürgerrechte, für die Franzosen der Algerienkrieg und für Deutschland der Nationalsozialismus, über den „zu Hause niemand reden wollte“.

„Missbrauch der Mediensprache“ war Thema des Germanisten Klaus Brehm. Er hatte sich mit Werken des bedeutenden Schriftstellers der Nachkriegszeit, Heinrich Böll auseinandergesetzt. Böll hatte sich „immer mit der Springerpresse gerieben“ — zu Recht, wie Brehm etwa im Böll-Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit“ analysierte.

„Durch Sprache zerstört“ wird auf jeden Fall im fiktivem Böll-Werk „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, das besonders auf die Springer-Presse und ihre Zusammenarbeit mit der Polizei abzielt. Sie endet mit dem Mord der Haushälterin Katharina Blum am Zeitungsjournalisten Werner Tötges. „‚Wenn Worte töten können‘ ist längst aus dem Irrealismus in die Realität gerückt“, betonte Klaus Brehm schließlich.

(ptj)