Realschule Jülich: Im Kopf schon einen Schritt weiter als Umzug

Ehemalige Jülicher Realschule : Im Kopf schon einen Schritt weiter als Umzug

Wenn die Osterferien vorbei sind, starten die Umbauarbeiten in der ehemaligen Jülicher Realschule. In der ist bereits die Volkhochschule untergebracht, Stadtmuseum und Archiv sollen folgen. Der Vorteil: Erstmals können dort alle Bestände unter einem Dach gelagert und genutzt werden.

Museumschef Marcell Perse kann auch flapsig: „Unsere Veredelungsanlage, mit der wir aus Dreck Gold machen, ist schon nicht schlecht“, sagt er mit einem Grinsen, wenn er sich anschaut, was das Jülicher Museum und das Stadtarchiv gemeinsam in den vergangenen Jahrzehnten geleistet haben. So flapsig wie er das formuliert, so ernst ist es ihm mit dem Anspruch, auch nach mehr als 25 Jahren Museumsarbeit diese Angebote weiter auszubauen.

Zwölfjähriges Provisorium

Das Museumsteam sitzt gemeinsam mit dem Stadtarchiv im Kulturhaus am Hexenturm. Die Räume sind beengt, überall stapeln sich Bücher, Bilder und Flyer, ein eigentlich für Veranstaltungen vorgesehener Kuppelraum ist mit Regalen vollgestellt und zum Lager umfunktioniert. „Es war als Provisorium für zwei Jahre gedacht“, sagt Perse. Daraus sind inzwischen zwölf Jahre geworden. Ein Zustand, der mit dem Umzug in die ehemalige Realschule jetzt ein Ende finden wird.

Teile der ausgelagerten Sammlung sind bereits in den Räumen der Realschule untergebracht. Foto: Burkhard Giesen

Perse weiß, dass das nicht der Idealzustand sein mag, er sieht aber vor allem die Chancen, die die neuen Räumlichkeiten sowohl für die Arbeit des Museums als auch für das Stadtarchiv bieten: „Da entsteht kein Ausweichquartier, sondern ein historisches Zentrum“, sagt er. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die wertvollen Bestände von Museum und Archiv sind mangels Platz größtenteils ausgelagert.

Nur noch geduldet

Perse kann die Liste der Lager runterbeten: der Keller im Alten Rathaus wird genutzt, die Empore des alten Sitzungssaales, die Hausmeisterwohnung im Neuen Rathaus, der Keller im ehemaligen Kreishaus, die Schirmerschule, die Musikschule, und, und, und. Schon aus dieser Auflistung wird ersichtlich, dass ein Umzug in die Realschule dringend erforderlich ist. Die Räume in Schirmer- und Musikschule fallen weg, die Unterbringung im Alten Rathaus, das derzeit zum Kreishaus umgebaut wird, ist nur noch geduldet.

Wenn Perse von einem „historischen Zentrum“ spricht, das in der Realschule entstehen wird, bezieht er das allerdings nicht unbedingt auf die erstmalige Situation, dass endlich alle Bestände unter einem Dach gelagert werden können, sondern vielmehr auf die daraus resultierende neuen Nutzungsmöglichkeiten.

Einzelne Klassenräume müssen erst noch hergerichtet werden, bevor sie genutzt werden können. Foto: Burkhard Giesen

„Wir werden die Bestände zusammenführen und sinnvoll strukturieren“, erklärt Perse. An einem simplen Beispiel mag das noch deutlicher werden: „Wir verfügen über eine sehr ausgereifte Bibliothek, die zu bestimmten Themen NRW-weit ein Alleinstellungsmerkmal hat“, sagt Perse. Die kann jetzt endlich in einem Lesesaal für Nutzer zugänglich gemacht werden, das wissenschaftliche Arbeiten mit der Literatur wird ermöglicht – und zwar ohne, dass ein Mitarbeiter die ob der Raumnot teils verpackten Bücher erst aus einem Karton hervor zaubern muss. Das gilt insbesondere auch für die Bestände des Archivs, die zusammengeführt und zugänglich gemacht werden können.

Natürlich sieht Perse auch Schwierigkeiten in den neuen Räumlichkeiten. Eine Schule ist nicht in allen Belangen auf die Anforderungen, die an Museums- und Archivbestände zu stellen sind, ausgerichtet. „Natürlich weist die Statik der Klassenräume uns teilweise Grenzen auf. Die großen Fensterflächen stellen ein Problem dar, wir müssen in vielen Fällen improvisieren und stellen uns in vielen Fällen die Frage, wie man mit einfachen Mitteln das halbvolle Glas befüllen kann“, sagt Perse.

Andererseits kann er im Keller der Realschule auf einen Luftschutzbunker aus Zeiten des Kalten Krieges zurückgreifen und als ideale Lagerfläche nutzen. Perse: „Wir stehen mit dem Immobilienmanagement der Stadt in einem guten Dialog und gehen sehr pragmatisch an die offenen Fragen heran.“ Für Perse ist aber umgekehrt auch klar, dass bestimmte Fragen nicht diskutiert werden können. „Papier darf nicht bei über 60 Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert werden. Darüber kann man nicht diskutieren“, nennt er ein Beispiel. Auch in der Frage der Aufbewahrung von Akten lässt er sich nicht auf Diskussionen ein – dazu gibt es eine gesetzliche Verpflichtung.

Ein Vorteil der Schule: Im Keller befindet sich ein Luftschutzbunker, der als Lager genutzt werden kann. Foto: Burkhard Giesen

„Aus meiner Sicht ist es die beste der erreichbaren Möglichkeiten“, bewertet Perse den anstehenden Umzug in die Realschule, weil in zentraler Lage an einer Stelle alle historisch relevanten Bestände verfügbar gemacht werden können. Schon jetzt sind die ersten Bestände im Bunker der Realschule eingelagert, weil Außenlager geräumt werden mussten.

Die eigentlichen Arbeiten sollen unmittelbar nach den Osterferien starten. Bis zum Herbst soll die Realschule beispielsweise beim Brandschutz auf einen aktuellen Stand gebracht werden. Dann soll auch schrittweise der Umzug erfolgen, der eine logistische Herausforderung wird. „Man kann nicht einfach eine Umzugsfirma damit beauftragen, Gläser aus der Renaissancezeit zu transportieren“, benennt Perse nur ein Beispiel.

Auch wenn die Umzugsplanung noch in vollen Gange ist, ist der Museumsleiter im Kopf schon einen Schritt weiter. Für das Kulturhaus will er gemeinsam mit der Stadtbücherei und dem Kunstverein eine Vision entwickeln, wie man die Räumlichkeiten künftig sinnvoll nutzen kann: „Dafür, dass wir uns so ein Gebäude leisten, hat die Stadt davon zu wenig Nutzen. Es müsste eigentlich sieben Tage lang geöffnet sein“, denkt er laut nach. „Das Museum in der Zitadelle ist etabliert, verfügt aber nicht über eine Sonderausstellungsfläche“, stellt er weiter fest. Die könnte sich künftig im Kulturhaus anbieten. Gerade bei museumspädagogischen Angeboten ist Jülich eher noch Diaspora. Man könnte Führungen für demenziell erkrankte Menschen anbieten, überhaupt mit Kindern oder Senioren arbeiten, beispielsweise im Format eines Erzählcafés.

Eigens für Schirmer nach Jülich

„Mit Kunst kann man sehr viel mehr machen. Wir müssen es schaffen, die Schätze, die wir besitzen, nicht nur zu verwahren, sondern auch in Wert zu setzen“, betont Perse. Gerade mit den Werken des Landschaftsmalers Schirmer hat er die Erfahrung gemacht, dass viele Besucher eigens für diese Bilder die Reise nach Jülich antreten – „wir zeigen aber maximal 20 Prozent unserer Schirmer-Bilder“, stellt er nüchtern fest. Da ist es gut vorstellbar, dass die Veredelungsmaschine künftig noch viel mehr Gold anhäuft.

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