„Heide“-Prozession: Prozession in Barmen als Erinnerung an die Pest

„Heide“-Prozession : Prozession in Barmen als Erinnerung an die Pest

„Wir unterschätzen oft, wie viel Leiden es in der Welt gibt“, sagte Pfarrer im Ruhestand Dr. Peter Jöcken zu den Teilnehmern der „Heide“-Prozession. Das erste Mal seit vielen Jahren hielt wieder ein Priester die Predigt an der 5. Station des Prozessionsweges zur Verehrung der Sieben Schmerzen Mariens über die Heide zwischen Barmen, Koslar und Merzenhausen.

Die Geschichte dieser Verehrung im Christentum geht auf das späte Mittelalter zurück und wird seit Mitte des 14. Jahrhunderts in der christlichen Kunst dokumentiert. Nach der damals verheerenden Pest-Pandemie, die als „Schwarzer Tod“ in die Geschichte Europas einging, wird die Darstellung der Schmerzensmutter als Zeichen der Hoffnung und des Trostes gesehen. Bis ins 18. Jahrhundert traten immer wieder Pest-Epidemien in weiten Teilen Europas auf.

Ende des 16. Jahrhunderts stiftete Baronin Margareta (auch Margarethe) von Loe, Ehefrau des Johann von Reuschenberg zu Overbach, zur Abwendung der Pestgefahr sechs Bildstöcke auf der Barmener Heide. Der siebte gehört zur Pfarrkirche St. Martinus in Barmen.

„Damals soll die Pest bis Koslar fürchterlich gewütet haben“, erzählt Alfons Müller, Vorsitzender des Pfarrgemeinderates St. Martinus Barmen/Merzenhausen, „doch sowohl in Barmen als auch in Merzenhausen beklagte man kein einziges Opfer“. Seither wird die Verehrung der Sieben Schmerzen Mariens in Barmen stetig gepflegt.

1655 hat Papst Alexander VII. eine entsprechende religiöse Bruderschaft, die den Stationsweg für ihre Prozessionen nutzte, bestätigt und mit Ablässen und Privilegien ausgestattet. Seit rund 350 Jahren wird die „Heide“-Prozession am Wochenende nach Pfingsten und eine Woche nach dem Fest „Mariä Geburt“ (im September) abgehalten.

„Kein einziges Mal wurde sie von den Gläubigen ausgelassen“, sagt Anna Katharina Peters, die seit kurzem im Pfarrgemeinderat tätig ist. 1851 führte der Priester erstmalig eine Reliquie mit, die für ein Kreuzpartikel gehalten wird. Mit dieser wurden die Gläubigen an der 5. Station zum Ende der Predigt gesegnet.

Zurück zu den Wurzeln

Die Rücker zu dieser uralten Tradition in ihrer ursprünglichen Form hat sich der Pfarrgemeinderat St. Martinus Barmen/Merzenhausen in diesem Jahr als Ziel gesetzt. Alle Bildstöcke wurden liebevoll aufgefrischt. Die Kapellenhäuschen mit ihren sieben „Bildtafeln“ — 1974 von Benno Werth geschaffen — wurden mit frischen Blumensträußen und Girlanden für die Prozession geschmückt. Und nach einer langen Zeit führte und segnete mit Pfarrer Dr. Jöcken wieder einmal ein Geistlicher die Gläubigen auf der Barmener Heide.

„Wir sind es unseren Vorgängern schuldig, das ererbte Gut zu erhalten“, erklärt Peters, „all diesen Generationen, welche die sehr alte und seltene Andachtsform pflegten und über Jahrhunderte bewahrten“. „Es gibt in der Welt große Leiden, die Völker bekriegen sich, Menschen werden missbraucht und vergewaltigt, sie werden wie die Heilige Familie zu Flüchtlingen“, führte Pfarrer Jöcken in seiner Ansprache aus.

Doch auch in friedlichen Ländern geschehe den einzelnen Menschen oft großes Leid. Wenn man gesund ist und das Leben für einen „gut verläuft“, habe man für den Kummer der Anderen „kein gutes Ohr“. Erst bei schweren Krankheiten und Unglücksfällen bekämen die Menschen ein Verständnis für die Leidenden. „Wie schwer es ist für eine Mutter, das eigene Kind sterben zu sehen“, sagte der Pfarrer, „auch das passiert heute immer wieder“.

„Wir sollten die Schmerzen Mariens ernst nehmen und die schönen Häuschen auf der Barmener Heide nicht der Vergessenheit anheim geben“, hieß es weiter in der Predigt. Man müsse diese mit Leben füllen, sei es bei den Prozessionen oder sei es auch bei Spaziergängen. „Wir sollten uns der Schmerzen Mariens vergewissern, sie in unserer Not um Hilfe und Geleit der Fürbitten an Gottes Sohn anbeten“, beendete der Priester seine Ansprache an die vielen Prozessionsteilnehmer.

Familientradition wird gepflegt

Die Pflege der Bildstöcke wird von Barmener und Merzenhausener Familien seit Generationen ehrenamtlich fortgeführt.

Um die erste Station, „Simeon sagt Maria ein Leidensschwert vorher“, kümmert sich derzeit Familie Parschold aus Merzenhausen. Die 2. Station, „Flucht nach Ägypten“, wird von der Familie Müller aus Barmen betreut. „Maria sucht das göttliche Kind“ ist die 3. Station, die seit 50 Jahren in der Obhut der Barmener Familie Junker/Hellenbrandt verbleibt. Die 4. Station, „Jesus nimmt Abschied von seiner Mutter“, pflegt die Familie Peters aus Merzenhausen in der Nachfolge von Familie Reinartz.

„Jesus begegnet mit dem Kreuz beladen seiner Mutter“, ist die 5. Station des Weges. Ihre Pflege wird gegenwärtig von Familie Bellartz aus Barmen übernommen. Die 6. Station, „Maria sieht ihren Sohn am Kreuze hängen und sterben“, hütet Familie Schavier ebenso aus Barmen. Die Pflege der 7. Station, „Leichnam Jesu auf dem Schoß seiner Mutter“, übernahm Familie Jungbluth aus Barmen nach 50-jähriger Betreuung seitens der Familie Hauser.

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