Probe-Wahl in Jülich: Eine Wahlbeteiligung von 95 Prozent

Vor der Europa-Wahl am 26. Mai : Wahlbeteiligung von 95 Prozent bei Probe-Wahl im Berufskolleg Jülich

Europa-Wahl am 26. Mai auf Wiedervorlage: Schüler des Berufskollegs Jülich haben sich seit Ende März in das Thema eingearbeitet. Jetzt entsteht eine interessante Diskussion, beispielsweise über das Mindestalter für Wahlberechtigte.

„Wenn morgen Europa-Wahl wäre…“, dann sähe nach einer aktuellen Umfrage das Ergebnis so aus: Die CDU käme auf 26,3 Prozent und die SPD läge bei 21 Prozent. Die FDP stünde bei 10,5 und die Grünen und die Linke erreichten jeweils 5 Prozent. Die Gruppierung „Die Partei“ würde in Deutschland mit satten 21 Prozent gewählt, 5 Prozent entscheiden sich nicht, Wahlbeteiligung: unglaubliche 95 Prozent.

Nicht zu glauben? Aber doch wahr, allerdings in der Klasse 11 des Beruflichen Gymnasiums für Wirtschaft und Verwaltung am Berufskolleg in Jülich. Insofern ist das Ergebnis nun alles andere als repräsentativ, aber es zeigt ein bemerkenswertes Resultat auf. Vor gut zwei Monaten besuchte die Redaktion die Schülerinnen und Schüler dieser Klasse, alle im Alter von 16 bis 22 Jahren und sprach mit Ihnen über Europa und die anstehende Wahl am 26. Mai.

Das Fazit fiel seinerzeit etwas ernüchternd aus. Politische Vorstellungen waren da, sie wurden durchaus formuliert, aber insgesamt war Europa für die jungen Leute mit nicht mehr vorhandenen Binnengrenzen und einer Währung fast überall etwas Selbstverständliches und gleichzeitig wenig Konkretes. Vor allem über die zur Wahl stehenden Parteien herrschte kaum Klarheit. Und selbst über die Etablierten und ihre Programme hielt sich das Wissen in Grenzen, sodass politische Aussagen nicht treffsicher Parteien zugeordnet werden konnten.

Wahlkampf hinterlässt Spuren

Zwei Monate und eine Unterrichtsreihe über Europa später mit ihrem Geschichts- und Politiklehrer Marc Mommertz hat sich etwas geändert, nicht nur gegenüber der ersten Probe-Abstimmung der Schüler. Außerdem hat der Wahlkampf begonnen und scheinbar auch Spuren hinterlassen. „Ich glaube, die CDU steht bei einigen nicht mehr gut da“, findet etwa Mark Wegner (17) und verweist als Begründung auf die Diskussion um die Upload-Filter, für die sich die CDU stark gemacht hat. Das kommt wohl bei den mit dem Internet Aufwachsenden nicht gut an.

Ein anderer bringt die „Letztwähler“ in die Diskussion ein und spielt damit auf einen Wahlwerbespot einer bestimmten Partei an, die ein Fragezeichen hinter den „alten“ Wählern macht, die ihr Abstimmungsverhalten und die darauf gründende Politik im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr erleben. „Natürlich weiß ich, dass das Satire ist“, sagt der 22-jährige Zeravan Abbo dazu, aber es würde einen zum Nachdenken bringen, wer über Zukunftsfragen befindet, die vor allem die nachfolgende Generation betreffen.

Die Wahlberechtigung von Senioren wird nicht in Frage gestellt, aber plötzlich wird die Diskussion in der Klasse lebhaft. Viele von den Älteren würden ja aus Gewohnheit die Partei wählen, für die sie sich schon immer entschieden hätten, so der Tenor. Deshalb würde umgekehrt ein Schuh draus: „Das Absenken des Wahlalters auf 16 Jahre wäre eine sinnvolle Sache“, befindet Lucy Düdder. Jetzt, mit 16 oder 17 Jahren, dürfe man nicht an den Wahlen teilnehmen und es vergingen fünf Jahre, in denen Dinge beschlossen würden ohne Möglichkeit des Einflusses. „Und dann bin ich schon 22 Jahre alt“.

Zustimmendes Nicken, aber auch entgegengesetzte Meinungen: Fabienne Jannek (17) will es lieber beim jetzigen Wahlalter belassen. „Jugendliche können noch viel mehr manipuliert werden als andere“ führt sie aus, das sei sehr problematisch. Annika Küpper (17) macht dann das, worauf es wohl in einer Demokratie ankommt. „Stimmt,“ sagt sie, „mit 18 ist man vielleicht reifer als mit 16.“ Demnach wäre für sie 17 ein guter Kompromiss. Einige haben sich auch über den Unterricht hinaus schlau gemacht. Der „Wahlomat“ der Bundeszentrale für Politische Bildung stößt dabei aber auf ein geteiltes Echo. „Das Ergebnis hat zu meinen bisherigen Gedanken überhaupt nicht gepasst“, stellt etwa Lucy Düdder fest, während Zeravan Abbo von der großen Übereinstimmung überrascht war. Sehr kritisch äußert sich Marc Gatzen (17). Wer sich nicht sicher sei, was er wählen will, den „zieht der Wahlomat vielleicht zu einer falschen Partei.“

Eine Zukunftswahl

Von den 19 anwesenden Schülerinnen und Schülern sind fünf als Neuwähler wahlberechtigt. Sie werden wohl auch zur Wahl gehen, aber zwei schwanken noch und wissen nicht genau, welcher Partei sie ihr Votum geben sollen. Das unterscheidet sie von den bisherigen Wählern offensichtlich nicht. Elf unter 18-Jährige dürfen noch nicht wählen, würden es aber gerne tun, weil die Europa-Wahl wichtig sei. In Europa werden Beschlüsse gefasst, die unmittelbar Wirkung auf die nationale Gesetzgebung habe, ist die wesentliche Begründung. Es ginge schließlich um nichts weniger als „um unsere Zukunft, und da wären wir gerne dabei“.

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