Jülich: Primusschule in Titz ist verblüffend erfolgreich

Jülich : Primusschule in Titz ist verblüffend erfolgreich

Die Primusschule Titz ist eine von fünf Modellschulen dieser Art in Nordrhein-Westfalen. Naturgemäß haben es neue Angebote im Bildungssektor anfangs eher ein wenig schwer, weil Eltern schließlich ihre Kinder nicht zum Gegenstand von „Bildungsexperimenten“ machen möchten.

Von daher kann man nach nun dreieinhalb Jahren eigentlich nur feststellen, dass die Titzer Einrichtung verblüffend erfolgreich ist, denn sie wächst in einem Maße, das selbst die Verantwortlichen überrascht, weil sie die Werbetrommel nicht groß rühren wollten — und sollten. Die Schule, in der die Jahrgänge 1 bis 10 unter einem Dach unterrichtet werden, aber nach vier Jahren auch den Weg zu anderen weiterführenden Schulen öffnet, verliert beim Übergang zur Sekundarstufe nicht. Sie gewinnt.

Der Campus ist eine große Baustelle, und Bürgermeister Jürgen Frantzen sieht es mit Freude, denn die Modellschule in Titz wird gut nachgefragt. Foto: Uerlings

„Dieser Jahrgang ist für uns besonders spannend“, sagt Bürgermeister Jürgen Frantzen, für dessen Gemeinde ein weiterführendes Schulangebot vor Ort ein ganz wichtiger Standortfaktor ist. Eine Zeitlang musste man befürchten, dass sich das ändert, als die Hauptschule nicht mehr genug Anmeldungen verzeichnete. Primusschulleiterin Stefanie Törkel-Howlett löst die Spannung auf, weil in Titz weitgehend schon Klarheit über den künftigen fünften Jahrgang besteht. 49 Kinder wurden 2014 eingeschult. Inzwischen gibt es 57 Mädchen und Jungen in Klasse 4. Der „Zuwachs“ von acht Kindern erklärt sich durch Familien, die nach Titz gezogen sind, und Eltern, die sich umorientiert haben, also zunächst eine andere Schule gewählt hatten.

Schulleiterin Stefanie Törkel-Howlett sitzt bald nicht mehr nur auf Augenhöhe mit den Primarschülern. Im Sommer kommen 65 „Große“. Foto: Uerlings

15 Anmeldungs-Absichtserklärungen

Da die Primusschule nicht aktiv um Schüler im weiterführenden Bereich wirbt und als Modelleinrichtung auch keine Informationsabende für die Sekundarstufe I veranstaltete, wurden schon 2017 einige Eltern aus eigener Initiative mit Blick auf die fünfte Klasse vorstellig und erkundigten sich. Aus diesem Kreis gibt es laut Schulleitung verlässliche 15 Anmeldungs-Absichtserklärungen. Bekannt ist nun auch die Zahl der Bestandsschüler, die Ende der vierten Klasse auf eine andere Schule wechseln wollen. „Das ist mir sehr wichtig: Es ist niemand gezwungen, hier zu bleiben“, sagt die Schulleiterin, die sich natürlich freut, dass nun doch viele Kinder dem Titzer Modell die Treue halten.

Wechseln wollen sieben (vornehmlich zu Gymnasien). Bedeutet: 50 bleiben, 15 Neuanmeldungen dürften dazu kommen. „Wir werden mit mindestens 65 Kindern in die Sekundarstufe gehen“, sagt Stefanie Törkel-Howlett. Die zweizügig konzipierte Modellschule startet also dann dreizügig in die fünfte Klasse. Das sei mit den Schulbehörden auch schon abgestimmt. Die Jahrgänge 1 und 3 sind schon dreizügig, 2 und 4 zweizügig. Ab Sommer benötigt die Gemeinde Titz also insgesamt 13 Klassenräume im Schulzentrum, das einmal Grund- und Hauptschule beheimatete. Das ist noch kein Problem, denn in den Bestandsgebäuden gibt es 20. Allerdings kommen ja mit den Klassen 6 bis 10 mittelfristig fünf Jahrgänge in unbekannter Größe dazu.

Aber das ist Zukunftsmusik, aktuell gleicht der Schulcampus in Titz einer großen Baustelle, da die Gemeinde eine grundlegende Sanierung vor allem des Hauptschulbereichs beschlossen hat, schon bevor der Primusschul-Erfolg klar war. 7,1 Millionen Euro lässt sich die kleine Kommune das kosten, wie Fachbereichsleiter Michael Müller informiert. Die neue Mensa, in der auf einen Schlag bis zu 250 Kinder zu Mittag essen können, mit Küche und Pausentoiletten war der erste von drei Bauabschnitten. Derzeit läuft mit der energetischen Sanierung — Dämmung, neue Fenster (in den Farben der Gemeinde), Holzfassade (Lärche), Heizung und Lüftung — Teil zwei auf Hochtouren. Der Komplex wird schließlich vom künftigen fünften Jahrgang im Sommer genutzt. Zum letzten Bauabschnitt (bis Sommer 2019) gehören die beiden Turnhallen und das frühere Grundschulgebäude.

Mittel aus „Gute Schule 2020“

Über vier Millionen der Gesamtkosten kann die Gemeinde aus bewusst gebildeten Rückstellungen (Bildungspauschale des Landes) und aktuellen Mitteln aufbringen. Aus dem Programm Gute Schule 2020 fließen für 2017 rückwirkend und die drei Folgejahre je rund 121.500 Euro in die Sanierung der Schulgebäude. Der Rest wird über den Titzer Haushalt gestemmt. Das ist für den Bürgermeister und den gesamten Gemeinderat, der das einstimmig absegnete, gut investiertes Geld. „Familienfreundlichkeit als Markenkern, günstiges Bauland und ordentliche Haushaltsführung“, lautet die Formel des Bürgermeisters.

„Ein Ort ohne Schule ist ein toter Ort“, sagt Schulleiterin Stefanie Törkel-Howlett. Sie ist davon überzeugt, dass ihre Modellschule zu den Angeboten zählt, die Neubürger anziehen könnten. Bei der Konzeption, die sie mit einem Team in Titz vor rund dreieinhalb Jahren selbst erstellte, war das aber kein leitender Gedanke, dass die Kommune weiter Schulstandort bleibt. „Es war für uns ganz klar eine pädagogische Entscheidung: der Aufbau einer Schule, die man sich als Lehrer immer gewünscht hatte.“ Offensichtlich nicht nur als Lehrer.

Mehr von Aachener Nachrichten