Jülich: Premiere des Rudelsingens begeistert Jülicher Musikfreunde

Jülich : Premiere des Rudelsingens begeistert Jülicher Musikfreunde

Rudel ist ein Begriff aus der Verhaltensbiologie und bezeichnet eine geschlossene Gruppe, deren Mitglieder nicht beliebig austauschbar sind und sich untereinander erkennen. Beim Rudelsingen sind die Gruppen auf keinen Fall geschlossen, aber die Mitglieder erkennen einander an der Liebe zur Musik und dem Spaß am gemeinsamen Singen.

Ein sehr großes Rudel der musikbegeisterten Jülicher versammelte sich zum 1. Rudelsingen im Kulturbahnhof. Lange vor Beginn strömten die Zuschauer in den immer enger erscheinenden Veranstaltungsraum und verbreiteten eine erwartungsvoll ausgelassene Stimmung.

„Ich habe einen Bericht gesehen und fand es grandios“, erzählt eine gut gelaunte Jülicherin. Sie ist davon überzeugt, dass das Singen in der Gemeinschaft Spaß macht und befreit. „Ich kann zwar nicht gut singen, dafür aber laut“, meint sie und lächelt ihren etwas verloren wirkenden Mann an. „Ich musste mitkommen“ — bekennt er mit leichtem Seufzer.

Im Saal befinden sich indes auch zahlreiche Herren, die freiwillig am Rudelsingen teilnehmen. Unter anderem Rainer Lousberg und Bernd Kuhnert, die sich von der Veranstaltung einige neue kreative Ideen für ihr Musiccafé versprechen. In kleinerem Format treffen sie sich seit fünf Jahren dienstags im KuBa und singen mit Gleichgesinnten Karaoke.

„Wir würden gerne wissen, wie die Konkurrenz das macht“, erklärt Lousberg mit einem Augenzwinkern. Das aufgeregte Stimmengewirr wird mit einem lauten „Ich bin nicht Gika Bäumer“ von der Bühne unterbrochen. David Rauterberg, „Leitwolf“ und Erfinder des Rudelsingens, begrüßte das Publikum anstelle der erkrankten Gika Bäumer und sorgt mit den ersten Sätzen seiner Moderation für noch mehr gute Laune im Saal.

Schnell werden die beiden Regeln erklärt, die in einem „Singrudel“ zu beachten sind: Es wird im Stehen gesungen, das klingt besser und trainiert das Zwerchfell. Geredet wird in den Pausen, weil es mit dem Singen doch schwer zu vereinbaren ist. Zudem sei zu beachten, dass das Rudelsingen wie jedes Workout-Programm sieben Aktivpunkte im Weight Watchers- System garantiert oder anders ausgedrückt 380 Kalorien dem Teilnehmenden abverlangt.

„Ich war noch niemals in New York“ war das erste Lied, dessen Text an der großen Leinwand erschien und das Rauterberg anstimmte. Von Lutz Angermann souverän am Piano begleitet, erklang aus jeder Kehle das Evergreen von Udo Jürgens. Dies scheint die größte Stärke dieses genauso einfachen wie genialen Unterhaltungsformats. Schiefe Töne gibt es nicht, da keiner darauf achtet, ob die Nachbarin oder der Nachbar diese trifft. Textsicher sind dank der Leinwand alle und das Gesamtergebnis gibt jedem dieses „Wow, war das gut!“- Hochgefühl. Nichts wird bewertet, alles macht Spaß.

Der Erfinder

„Das gemeinsame Singen haben wir nicht erfunden“, erläutert David Rauterberg, „aber in dieser Form, wie wir das machen, gab es das vorher nicht“ Wir, das sind mittlerweile rund zehn Teams, die das Eventsformat unter den geschützten Namen „Rudelsingen“ in die Lande tragen. Das im November 2011 von Rauterberg und zwei weiteren Musikern in Münster gestartete Unterhaltungskonzept verbreitete sich rasend schnell deutschlandweit.

Von Wilhelms-hafen im Norden über die Bundesländer in West- und Ostdeutschland bis an den Bodensee im Süden steigen monatlich 30 bis 40 Veranstaltungen für rund 10.000 Menschen. „Was uns ausmacht, sind die großen, bunten Chorgesänge von Heavy Metal über Volkslieder bis hin zu aktuellen Charthits. Die ganze Bandbreite, es ist für jeden was dabei“, erklärt Rauterberg die Idee des „Massenkaraoke“. Bei manchen Veranstaltungen sind es mittlerweile 500 bis 1500 Mitsingende.

Rauterbergs Musikabenteuer hat in früher Kindheit begonnen. Über Chorsingen, Pop- und klassische Musik, eine eigene Tanzband und Gospelworkshops führte sein Weg zum Rudelsingen-Format, welches „alles was er bis jetzt gemacht hat, verbindet“. Für Rauterberg gäbe es keinen schöneren Job.

„All diese freundlichen Gesichter zu sehen und so viel positive Energie zu empfangen, das macht sehr viel Spaß“, beschreibt er seine seit 2013 hauptberuflich ausgelebte Leidenschaft. In sichtlich amüsierte Gesichter blickte er auch in Jülich. Das zweite Lied des Abends „Country Roads“, von Rauterberg auf der Gitarre begleitet, animierte mit den bekannten Klängen auch den letzten scheuen Zuschauer zum ausgelassenen Mitsingen.

Das Programm

Der Rest ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte. David Rauterberg und Lutz Angermann führten ihr Publikum durch die musikalische Welt der letzten 100 Jahre. In einem mutig, wenn auch auf den ersten Blick etwas willkürlich zusammengestellt erscheinenden Programm, besangen die Zuschauer „Den kleinen grünen Kaktus“ der Comedian Harmonists von 1934 genauso inbrünstig wie sie den aktuellen Hit von Ed Sheeran, „Perfect“, gefühlsvoll zu interpretieren wussten.

Gekonnt jonglierte der „Chordirigent“ zwischen den musikalischen Geschmäckern des buntgemischten Publikums. Zwischen 18 und 80 Jahren waren alle Altersstufen vertreten und auch die Männerquote wurde an diesem Abend erfüllt, obwohl die hohen Stimmen der Damen in erkennbarer Überzahl zu hören waren. Für die harmonische Verständigung der Geschlechter sorgten Musikstücke wie „I‘ve had time of my life“ (Dirty Dancing) und „Im Wagen vor mir“, die in den Strophen zweistimmig von Frauen und Männern vorgetragen wurden, um im Refrain einen gemeinsamen Klang zu finden.

„Beim Rudelsingen sollen Erinnerungen geweckt werden“, meint der Ideengeber Rauterberg. Mit einem „Best of Kinderserien“ versetzte der Musiker alle Zuschauer in helle Begeisterung. Alt und Jung, Mann und Frau sangen mit unbändiger Freude an der Sache die bekannten Melodien aus den Serien „Tom und Jerry“, „Biene Maja“, „Heidi“ und „Wickie“. An diesem wahrlich außergewöhnlichen Abend schien nichts unmöglich. Selbst ein direkter Übergang von den Klängen aus den Kindheitstagen zu Liedern wie „Auf uns“ von Andreas Bourani oder dem anspruchsvollen „Viva la Vida“ von Coldplay gelang reibungslos.

Eine Verneigung vor dem karnevalistischen Rheinland mit „Leev Marie“ wurde vom Publikum gleichermaßen warm aufgenommen wie „Highway to Hell“ von AC/DC gepaart mit Herbert Knebels „Auf dem Heimweg zu schnell“. Beatles und Tote Hosen, Doris Day und Nena, Shocking Blue und Frank Sinatra, eine musikalische Mischung, die nur schwierig funktionieren dürfte und es doch spielerisch tat.

„Das macht süchtig“

Während der knapp dreistündigen Veranstaltung sind aus den zu Beginn einander fremden, gemeinsam musizierende Menschen geworden, die alle vom Event und dem Erlebten begeistert waren. Die schon zu Anfang des Rudelsingens gut gelaunte Jülicherin mochte nach dem letzten Lied des Abends ihre Begeisterung nicht verbergen.

„Meine Erwartungen wurden noch übertroffen, man fühlt sich so ausgelassen. Ich kann es nur empfehlen“, berichtet sie mit einer vom lauten Singen heiseren Stimme. „Was tut man nicht alles für die Liebe“, scherzt der begleitende Ehemann. „Nein ernsthaft, es hat großen Spaß gemacht. Das nächste Mal komme ich freiwillig, auch wenn meine Frau zu Hause bleibt“, gibt auch er jetzt zu.

Rainer Lousberg und Bernd Kuhnert kommentieren den Abend unisono mit den Worten „Das macht süchtig“. Es ist eine unschuldige, ausnahmsweise nützliche Sucht, der man im Mai beim 2. Rudelsingen in Jülich ohne jede Reue achgehen nachgehen darf.

(mavo)
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