Pflanzliches Standbein für den Strukturwandel im Rheinischen Revier

Jülicher Ideen für das Rheinische Revier : Ein pflanzliches Standbein für den Strukturwandel

Wer bei der Frage, was nach dem Ende der Braunkohle die treibende Wirtschaftskraft im Rheinischen Revier sein soll, an regenerative Energie denkt, der denkt aus Sicht der Jülicher Pflanzenforscher nicht falsch. Aber er denkt zu kurz.

„Wir haben hier in der Region noch ganz andere Potenziale. Wenn wir die ungenutzt lassen, verpassen wir eine riesige Chance.“ Das sagt Prof. Ulrich Schurr, Pflanzenforscher am Forschungszentrum Jülich. Welche Chancen das sind, das wollen die Zukunftsagentur Rheinisches Revier, das Bioeconomy Science Center (BioSC, Forschung und Kooperation für nachhaltige BioÖkonomie am Forschungszentrum) und das Forschungszentrum am Dienstag, 20. November, bei einer öffentlichen Informationsveranstaltung verdeutlichen. Die findet im Forschungszentrum statt, eine Anmeldung ist im Internet auf der Seite des BioSC möglich.

Das Potenzial der Region liegt unter anderem im Boden. Da sind sich Schurr und sein Kollege Dr. Christian Klar einig. „Hier in der Region haben wir die besten Böden, die man sich für Landwirtschaft nur vorstellen kann“, sagt Schurr über die sogenannten Lössböden. „Die Zuckerrüben beispielsweise wächst nur in hochwertigen Böden.“ Deswegen müsse die Landwirtschaft eine wichtige Rolle beim Strukturwandel spielen. Einerseits, weil aus der Landwirtschaft ein Standbein für die Zukunft werden könne, das stärker ist als bisher. Außerdem messen die Forscher der Landwirtschaft eine Art Symbolfunktion zu. „Wenn sich da Dinge verändern, weil andere Pflanzen angebaut werden und neue Technik eingesetzt wird, dann ist das Strukturwandel, der für jeden sichtbar ist“, sagt Klar.

Der Jetzt-Zustand

Das Bild der Landwirtschaft, dass die Wissenschaftler vor Augen haben, entspricht dem Jetzt-Zustand. Und es enthält andere, nicht nicht beackerte Felder. Beispielsweise, Felder, auf denen Silphie Sida wächst, eine ziemlich ergiebige Nutzpflanze. Sie blühe vergleichsweise spät, biete Bienen so eine wichtige Nahrungsquelle, wachse schnell, auch in schlechten Böden. Sie liefere schnell Holz und Papier und könne zur Produktion von Biomasse genutzt werden. Deswegen sprechen Schurr und Klar auch nicht von einer Wertschöpfungskette, die irgendwann ihr Ende erreiche, sondern von einem Kreislauf. Ackerbau müsse nicht nur betrieben werden, um Nahrung und Futter zu erzeugen. „Unsere Region liegt zwischen großen Chemie-Regionen“, sagt Schurr mit Blick auf Belgien und die Rhein-Schiene. Eine teils neu ausgerichtete Landwirtschaft könne Stoffe für die Pharmaindustrie liefern oder die Kunststoff-Produktion.

Zudem könne die Region ein sogenanntes Living Lab werden, ein lebendes Labor, in dem beispielsweise Technologie für die Landwirtschaft weiterentwickelt wird. Auch da schreite die Digitalisierung unaufhaltsam fort, Traktoren seien mittlerweile auch Computer. Die fruchtbaren Böden seien rund um Jülich vorhanden, die jungen, hoch qualifizierten Techniker dafür kommen vom Campus Jülich der Fachhochschule, das wissenschaftliche Know-how sitze ebenfalls vor Ort. Beste Bedingungen also für eine Industrie, die die Landwirtschaftsmaschinen in der Region entwickeln und herstellen will und Arbeitsplätze mit sich bringen könnte. „Wir haben hier vor Ort alles, was wir dazu brauchen. Wir müssen es nur richtig zusammenbringen“, sagt Schurr.

Eine Art lebendes Labor könnte auch in Zusammenarbeit mit RWE geschaffen werden, wenn das Unternehmen größere Flächen mit minderwertigen Böden aufschüttet, in denen die Forscher experimentieren können. Wie können die Pflanzen verbessert werden, damit sie in schlechteren Bedingungen wachsen, wie verbessert man Böden?

Strukturwandel gestalten

Die Forscher sehen viele Möglichkeiten, den Strukturwandel auch abseits des Themas Energiewende zu gestalten. Nicht unerwähnt lassen Schurr und Klar, dass auch Biomasse als Energieträger Potenzial hat, wenn sie in einer Biogasanlage verwendet wird. Sollten das Potenzial der Region auf dem Sektor der Bioökonomie umgesetzt werden, dann habe das laut Klar einen nicht unwesentlichen Nebeneffekt: „Nachhaltige Bioökonomie ist ein signifikanter Beitrag zum Klimaschutz.“

Schurr und Klar bezeichnen die Bioökonomie als eine der großen Felder, auf denen die Region rund um Jülich und das Rheinische Revier als Ganzes gut besetzt sind. Andere sind die Themen Energie, Digitalisierung und Mobilität. „Da gibt es in unserer Region ganz viele Leuchttürme, die dabei helfen können, dass der Strukturwandel als Chance verstanden wird und gelingt. Wir müssen diese Leuchttürme sichtbar machen.“ Ein Tag mit Leuchtkraft soll der kommende Dienstag mit dem BioSC- Zukunftsforum sein. Weitere sollen folgen - so die Planung der Jülicher Pflanzenforscher.

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