Trotz abgelaufener Genehmigung: Nichts geht mit dem Atommüll in Jülich

Trotz abgelaufener Genehmigung : Nichts geht mit dem Atommüll in Jülich

Wohin mit dem Atommüll?

Obwohl das Zwischenlager Jülich seit 2013 keine Genehmigung mehr hat, bleiben die Castoren dort. Diejenigen, die auf der Suche nach einem Endlager sind, ziehen daraus ihre Lehren.

Klaus Töpfer hat über sich selbst einmal gesagt, dass er an dem „Schwachsinn Atomkraft beteiligt war“. In der Regierung Kohl war er von 1987 bis 1994 Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Ein Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl gehörte er schon zu denen, die vor einer langen Zukunft der Atomkraft warnten.

Das Problem der Endlagerung ausgedienter Kernbrennstoffe schien dennoch so weit entfernt, dass sich keiner ernsthaft darum kümmerte. Ein Fehler, den Töpfer – mittlerweile 80 Jahre alt – ausräumen will. „Ich fühle mich mit verantwortlich und möchte meinen Teil dazu beitragen, dass es für die Endlagersuche einen großen gesellschaftlichen Konsens gibt“, sagt er.

Heute ist Töpfer der Vorsitzende einer Organisation mit dem etwas sperrigen Namen „Nationales Begleitgremium“. Die Aufgabe dieses Gremiums besteht darin, die gesellschaftliche Akzeptanz bei der Suche nach einem Endlager für Atommüll zu erhöhen. Es soll erklären und um Verständnis werben. Keine einfache Aufgabe, wenn man sich die Ausgangsposition anschaut: Nach geltendem Recht soll nämlich bis 2031 ein passender Standort für ein Endlager gefunden sein. Ab 2050 wird dann der deutsche Atommüll dort untergebracht.

Doch nach allem, was man heute weiß, dürfte dieser Zeitpunkt schon zu spät gewählt sein. Denn die Betriebserlaubnis aller heutigen Zwischenlager ist bis 2050 längst abgelaufen. Was in der Zwischenzeit mit dem Müll passieren soll, ist unklar. Ebenso unklar ist, wie Töpfer und seine Mitstreiter den Menschen dieses fehlende Augenmaß im sogenannten Standortauswahlgesetz erklären sollen. Das Ringen um öffentliche Akzeptanz und Vertrauen dürfte zäh werden.

Nicht nur in Jülich werden die Castoren gelagert. Foto: grafik

Vielleicht, um sich für die schweren Diskussionen in der Zukunft fit zu machen, hat das Begleitgremium am Dienstag Jülich besucht. Das Schicksal, das den deutschen Zwischenlagern nämlich droht, ist in Jülich längst Realität. Die 152 Castoren, die dort aufbewahrt werden, stehen in einer Halle, die seit 2013 dafür nicht mehr geeignet ist. Die Sicherheitsstandards sind in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen, und es ist schlicht unmöglich das heutige Jülicher Lager so umzubauen, dass es wieder eine Betriebserlaubnis bekommt.

Die Atomaufsicht NRW, das Wirtschaftsministerium, hat 2014 gar eine Anordnung ausgesprochen, das Lager unverzüglich zu räumen. Ausgerechnet bei der Aufbewahrung von Kernbrennstoffen ist der Begriff „unverzüglich“ aber offenbar sehr dehnbar. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2019, und die Castoren sind immer noch an Ort und Stelle.

Rudolf Printz, Geschäftsführer der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen, die das Zwischenlager betreibt, benötigt gut zwei Stunden, um Töpfer und seinen Mitstreitern den nicht gerade stringenten Umgang mit den Brennelementen aus dem 1986 stillgelegten Kugelhaufenreaktor zu erklären. 2008 wurde von den Gesellschaftern des Forschungszentrums Jülich, die sich aus Vertretern unterschiedlicher Ministerien in Bund und Land zusammensetzen, entschieden, die Castoren nach Ahaus zu bringen. Im Jahr 2012, laut Printz unmittelbar bevor der erste Lkw durch das Tor rollen konnte, wurde dann entschieden, die Castoren in die USA zu verschiffen.

Ortstermin: Klaus Töpfer, Vorsitzender des Nationalen Begleitgremiums, in Jülich. Foto: ZVA/René Benden

Auch das ist nicht passiert. Seit Jahren werden die drei Optionen Ahaus-Transport, USA-Export und Neubau in Jülich ohne nennenswerten Fortschritt geprüft. Im Laufe der vergangenen drei Jahre haben sich die Sicherheitsbestimmungen für den Transport der Castoren derart verschärft, dass nicht wenige Experten unken, alle Zwischenlager würden unfreiwillig zu Endlagern, weil ein Transport unter den derzeitigen Rahmenbedingungen de facto unmöglich geworden ist.

Töpfer ist über zwei Stunden ein aufmerksamer Zuhörer. Er lobt die Jülicher Bürger für ihren sachlichen, unaufgeregten Umgang mit dem Zwischenlager vor der eigenen Haustür. Und er stellt die Frage in den Raum, warum eigentlich die Bundesministerien für Finanzen, Forschung und Umwelt sowie das Landesministerium für Wirtschaft, die gemeinsam die Verantwortung für den Jülicher Atommüll tragen, nicht in der Lage sind, auch gemeinsam zu handeln. „Das ist noch keine Kritik, aber die Gründe interessieren mich sehr“, sagt er.

Sollte es noch Leichtgläubige in Töpfers Begleitgremium gegeben haben, ist auch denen am Ende des Tages klar, dass die Suche nach einem Endlager nicht nur gut kommuniziert und moderiert sein muss. „Es braucht da schon klare Haltung in der Politik“, sagen mehrere Mitglieder des Gremiums. Ansonsten droht dem restlichen Atommüll in Deutschland das gleiche Schicksal wie den Jülicher Castoren: eine unklare Zukunft.

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