Nachwuchs des TTC Indeland Jülich spiel Tischtennis im Gefängnis

Tischtennis in ‚Santa Fu’ : TTC-Nachwuchs rückt in den Knast ein

Sieben junge Tischtennisspieler aus Jülich trainieren mit der Insassen-Mannschaft aus ‚Santa Fu’ in Hamburg. Was sie erlebt haben und warum die bedrückende Gefängnis-Atmosphäre nicht den größten Eindruck hinterlassen hat.

Viele Fotos gibt es nicht vom einem der außergewöhnlichsten Tage, die sechs junge Tischtennisspieler bisher in ihrem Leben verbracht haben. Denn da, wo der TTC Indeland Jülich hingegangen ist, sind Handys und Kameras verboten. Die Nachwuchsspieler haben einen Nachmittag unter verurteilten Räubern und Mördern verbracht. Und zwar im wohl bekanntesten Knast Deutschlands, der JVA Fuhlsbüttel Hamburg, besser bekannt als ‚Santa Fu‘. 800 Menschen sitzen in diesem Gefängnis ein. „Und die meisten von ihnen sitzen da ziemlich lange, weil sie richtig was auf dem Kerbholz haben“, sagt TTC-Präsident Mike Küven.

Der Grund für den Jülicher Knast-Besuch ist schnell erzählt: Ein Insasse hatte den TTC kontaktiert, auf die Tischtennis-Mannschaft aus ‚Santa Fu‘ hingewiesen, die in Hamburg am regulären Spielbetrieb teilnimmt. „Sie haben aber nur Heimspiele. Alle Gegner müssen sich einverstanden erklären, zweimal pro Saison in ‚Santa Fu‘ anzutreten“, erklärt Küven. Das ‚Santa Fu‘-Team bat um materielle Unterstützung. „Wir haben uns dann überlegt, ob wir nur ein Carepaket zusammenstellen, oder ob wir die Mannschaft auch besuchen“, schildert Küven den Gedankengang, der mit dem Besuch endete. Mit im Gepäck hatten die Jülicher lauter Bälle, Schläger, Netze, Zählgeräte, Trikots und Trainingsanzüge. „Das ist Ausrüstung, die sonst auf Staatskosten hätte bezahlt werden müssen“, erklärt Küven einen Nebeneffekt des Besuchs.

Die Jülicher Nachwuchsspieler haben mit der Tischtennis-Mannschaft der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel trainiert. Für beide Teams war das eine besondere Einheit. Foto: JVA Fuhlsbüttel

Am tiefsten in die Erinnerung der sieben Jülicher Nachwuchsspieler eingebrannt hat sich ein kleines Detail. Nicht die großen Dinge wie die beklemmende Atmosphäre hinter den hohen Mauern und hinter den etlichen Sicherheitsschleusen, die passiert werden müssen, bevor man drin ist in ‚Santa Fu‘. „Das war schon beklemmend. Überall waren Gitter. Da fühlte man sich selbst eingesperrt“, sagt David Wirtz (17). Trotzdem haben Tränen die tiefsten Spuren in den Gedächtnissen der Jülicher hinterlassen. Geflossen sind sie bei einigen Insassen, als die TTC-Delegation sich verabschiedete. „Da hat ein Mann geweint“, berichtet Adrian Ziemer (18). Schwere Jungs, die ihretwegen Tränen in den Augen haben, damit war der Jülicher Nachwuchs vielleicht auch ein bisschen überfordert.

Denn vorher, als die beklemmende Knast-Wirkung weg war, war alles irgendwie anders. „Wir haben alle zusammen viel gelacht“, sagt Ziemer, und Lutz Sommer (17) berichtet von einem „eigentlich ganz normalem Spiel“. Das könnte auch an der Halle gelegen haben, in der gespielt wurde: einer umfunktionierten Kapelle. „Da hast du dich nicht mehr wie im Knast gefühlt. Die Jungs waren ganz locker drauf“, sagt Mohammed Akar (18).

Nach dem tränenreichen Abschied sind auch die TTC-Spieler ans Nachdenken gekommen. Sie erlebten mit, wie jeder gegnerische Spieler einzeln in seine Zelle abgeführt wurde. Für ein paar kurze Momente öffnete sich die Welt in ‚Santa Fu‘, so wie sie meistens ist. Die Jülicher konnten kurz in den Trakt mit den Zellen blicken. Nach all dem Spaß sei das bedrückende Gefühl wieder zurückgekommen.

Vor den Toren, hinter denen die Freiheit endet: Die Abordnung aus Jülich vor ‚Santa Fu‘. Foto: JVA Fuhlsbüttel

Erst recht, als die Jülicher danach erfahren haben, welche Strafen die Männer in ‚Santa Fu‘ verbüßen, mit denen sie gerade locker drei Stunden trainiert hatten. „Ich war schon überrascht, als ich festgestellt habe, dass ich mich mit jemandem unterhalten habe, der einen anderen Menschen ermordet hat“, schilderte Lutz Sommer.

Überrascht sei der Jülicher Nachwuchs auch gewesen, als er festgestellt hatte, dass man sich normal mit Menschen unterhalten kann, die wegen Mord, Raub oder Drogenhandel zu langen Gefängnisstrafen verurteilt sind. „Für unsere Jungs war das schon eine ziemliche Bildungsreise. Das konnte man ihren Gesichtern auch ablesen“, sagt Mike Küven. „Ich habe mich mit einem über seine Familie unterhalten. Der hat mir erzählt, wie schlimm es für ihn ist, dass er das Leben seiner Tochter fast vollständig verpasst“, sagt David Wirtz. „Du willst ganz sicher nicht mit ihnen tauschen“, schildert Mohammed Akar. Verbrechen sind schlimm. Oft auch aus Sicht der Täter.

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