Mundartfreunde Jülich feiern Goldjubiläum

Abschied von der Stadthalle : Jülicher Mundartfreunde feiern Goldjubiläum

„In der Regel ist die Brust gut gebaut, daher die Stimmen nicht zu schwach, und zur musikalischen Ausbildung geeignet. Krüppel sind hier selten….“ Das ist ein Auszug aus „Der Einwohner“ des Kreisarztes Dr. Karl Brockmüller aus 1832, gemeint ist der Jülicher Einwohner. Das waren historische Fakten, die die Mundartfreunde im Jülicher Geschichtsverein bei den Aufführungen zu ihrem Goldjubiläum zu hören bekamen, die gleichzeitig ein Abschied von der Stadthalle waren.

Geschichtsvereinsvorsitzender Guido von Büren verlas Brockmüllers Text zur Begrüßung der beiden aufeinanderfolgenden Veranstaltungen der „Mundartfreunde des Jülicher Geschichtsvereins“ in der Stadthalle – anlässlich ihres Goldjubiläums. Der Kreisarzt hatte das Ripuarische folgendermaßen beschrieben: „Die gewöhnliche Mundart ist ein weiches, gezogenes Plattdeutsch, im ganzen Kreise durchgehend dasselbe, und der holländischen Sprache in etwa ähnlich...“ Mit etwas Wehmut nahmen die Mundartfreunde gleichzeitig Abschied aus „den heiligen Hallen“, wie Heino Bücher es ausdrückte. Gemeint ist natürlich „de Stadthall vun Jülich“, in der die Goldjubilare seit 23 Jahren ihre beliebten Veranstaltungen abhalten.

Nach bewährtem Rezept war auch die Jubiläumsveranstaltung in rheinischer Mundart größtenteils ein gelungener Mix aus Besinnlichkeit und Heiterkeit, zuweilen mit einer Prise Zweideutigkeit und/oder einer geistreichen Pointe. Es wurde „jesonge, ver­zallt on jespellt“. Gelesen wurden Prosa und Gedichte aus der Feder heimischer Dichter. So trug Margret Mönch „Dä Jeestebue“ aus der Feder von Josef Schregel vor, der im Jülicher „Haus Lavos“ geboren wurde. In der Geschichte geht es im doppelten Sinn um(s) „Ziegendecken“.

Peter Narowski las drei Gedichte von Wilhelm Tilgenkamp, nach dem eine Jülicher Straße benannt wurde. Ein Beispiel ist die damals so wichtige „Folgsamkeit“, oder anders ausgedrückt: „Wat jehürt sich?“ Von Trudi Dolfus „vüejedrage“ wurde unter anderem „De Storchentant“ von unbekanntem Verfasser. Am Ende der Handlung will die Hebamme „stempeln gehen“, weil „se hüt all von de Pill erbaut sin, un se mer et Jeschäf versaut han“.

Den größten Lesepart übernahm Schorsch Thevessen, weil er den des erkrankten Franz Cremer mit übernahm. Zum Repertoire zählte beispielsweise „De Buurewallfahrt“ von Josef Heinrichs aus Inden. Es geht um eine Wallfahrt zur Linderung von Hämorrhoiden zur Heiligen Helmentraud. Amüsant war das Märchen „Dat Elsteoog“ (Hühnerauge), aus der Feder von Tillmann Gottschalk, der in den 70er und 80er Jahren praktisch als Schregels Nachfolger mit seinen Mundartwerken in Düren und Umland auftrat, gelesen von Anke Schiffer.

Nach guter alter Tradition stimmten Heino Bücher und Schorsch Thevessen Lieder an, an „d‘r Quetsch“ begleitet von Ursel Schmidt. Gesungen wurde „Samstag wied gebad“ nach der Melodie von „Willst du mich noch einmal sehen...“ und abschließend „Et wied jo allt düster“. Die neuen Sketche der „Heimatbühne der Eifeler Mundartfreunde“ aus Bad Münstereifel, die ebenfalls von Anfang an mit auftreten, waren das humoristische Sahnehäubchen, das allgemeine Lachkrämpfe zur Folge hatte. Im Sketch „Der Bürgermeister in der Ratssitzung“ hatte keiner der kurzfristig angeforderten Ratsmitglieder einen Stift dabei, wohl ganz selbstverständlich einen Korkenzieher. Einstimmig abgenickt wurde in der Versammlung der Abriss der Stadthalle Jülich: „Dä Schuppe wied afjerisse. Ob wir ne neue baue, wissen wir noch net“. Erste Sahne war „Die Rechenaufgabe“, bei der der Vater (Ensemble-Chef Karl Roberz) seinem Sohn (Martin Otten) anschaulich die Lösung der Aufgabe 28 : 7 vermitteln will.

Der letzte Sketch veranschaulichte ein irrwitziges Gespräch bei einem Hutkauf, bei der die Verkäuferin (Ilsemie Fleischhauer) ihren Kunden (Michael Küpper) versehentlich vom Kauf eines „Mannslückshots“ abbringt. Ihr Resümee: „Wie kann in ner Kopfjröße 55 nur so wenig Grips drin sen“…

Die zweite Hälfte der zweiten Halbzeit gestaltete sich traditionell besinnlicher, mit Beiträgen wie „Dat Ässelche vom Hellije Mann“ oder „Dä Bref an de Nikolaus“. Das gemeinsam gesungene Hexenturmlied von Edmund Giesen beschloss zwei gut besuchte und humorvolle Veranstaltungen mit ein bisschen Wehmut.

(ptj)
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