Kirchberg: Mundart-Nachmittag in Kirchberg kommt humorvoll an

Kirchberg : Mundart-Nachmittag in Kirchberg kommt humorvoll an

„Weest ihr noch, vröjere, wenn et Wäehr schön woar, da kroch me sich et ovends ene Stohl on satz sich drusse om Dürpel vür de Düür. So troov sich ovends de Nobeschaff, öm sich ze vezälle on Neuischkeete usszetuusche. So noh un noh koame se all us de Hüüse.“ An den Gesichtern rund eines Drittels der zum 15. Rheinischen Mundart-Nachmittag im Kirchberger Pfarrheim zahlreich erschienenen Gäste konnte man deutlich erkennen, dass sie wohl nicht mehr so recht „noch wussten“.

Vielmehr erahnten sie bloß, dass früher bei gutem Wetter vor den Häusern Sitzgelegenheiten aufgestellt wurden, um Neuigkeiten aus der Nachbarschaft untereinander auszutauschen.

Ein heute merkwürdig anmutender Brauch, sofern das auf der Bühne Erzählte überhaupt richtig verstanden wurde. Denn für die jüngeren Zuschauer hätte dieser nostalgische Sketch beinahe genauso gut in der chinesischen Sprache vorgetragen werden können. Der restliche Teil des Publikums schwelgte dagegen genüsslich in Erinnerungen und erfreute sich ebenso sehr am Situationswitz wie am Klang der heimatlichen Sprache. Mit größerem oder etwas geringerem Verständnis genossen jedoch allesamt die komödiantischen Talente der Darsteller aus dem „Verein zur Pflege des heimatlichen Brauchtums“.

Von den jüngeren Anwesenden hätte kaum einer gedacht, dass das Plattdeutsch, oder kurz Platt, ein Synonym für „einfach, vertraut und verständlich“ darstellt. Der Begriff „Platt“ (Grundbedeutung: flach) stammt aus dem Altfranzösischen und gelangte über das Mittelniederländische sowie das Niederdeutsche letztendlich in das heute allgemein vertraute Hochdeutsch.

Bereits 1542 wurde eine Delfter Bibel „in goede platten duytsche“ gedruckt. Plattdeutsch bedeutete, wohlgemerkt früher, für den überwiegenden Teil der Bevölkerung das einfache Deutsch, im Gegensatz zu der damals fremden, hochdeutschen Schriftsprache. Umgangssprachlich bezeichnet Platt die lokalen Dialekte der Rheinischen Mundartsprachen.

„In unserem Programm präsentieren wir rheinische Dialekte, die aus allen Ecken kommen“, erklärt die Vereinsvorsitzende Margret Vaßen. Unterschiede im Wortschatz gibt es nämlich viele, auch in den direkt benachbarten Dörfern. Unter anderem gab Irmgard Steffens eine Kostprobe des Aachener Platts in einem witzigen Monolog, „Wie konnte mir bloß övverläeve“. Sie erzählte aus der „Steinzeit“ von vor 50 bis 60 Jahren, als die Menschen tatsächlich kein Auto und kein Handy besaßen und diese grausame Zeit, wie durch ein Wunder, doch gesund überstanden.

Övverarbejt vam Verein

Die meisten der 16 „Anekdötchen“ und „gespielten Witze“ wurden jedoch in der beliebten Kirchberger Eigensprache präsentiert. Denn „Orjaniesiert und dat janze Projramm zesammejestallt hant“: Wollefs Lisabeth (Elisabeth Wolff), Vaßens Majret (Margaret Vaßen) on Johnens Hepp (Herbert Johnen), welche Kirchberg als ihre kleine Heimat betrachten. Genau wie Loevenichs Vrönn (Veronika Loevenich), die das „Bühnebeld met Lisabeth jemaat hätt“.

Neben den Klassikern wie „Die wiße Muus (Die weiße Maus) va Loriot, övverarbejt vam Verein und jespellt van Veronika Loevenich und Thomas Czichowski“ sowie „Der Schotteplack (Der Lappen) va Josef Heinrichs“, ebenso vom Verein überarbeitet und gespielt von Daniela Reinhard, sorgten alle weiteren Darbietungen gleichermaßen für ausgelassene Lacher im Zuschauerraum. Bei einigen Gästen kam das Lachen manchmal mit einer kleinen Verzögerung für die Hilfsübersetzung des Sitznachbars.

„Unsere Texte finden wir in Büchern, im Internet, oder wir schreiben sie selbst“, sagt Vaßen und erklärt, dass dieses „in Mundart Schreiben“ nicht einfach sei. Man lauscht, sammelt und versucht, das Alte vor dem Vergessen zu bewahren. Auch wenn der Autor selbst schon nicht mehr zu ermitteln sei, werden seine Werke weitergegeben mit dem Vermerk „Verfasser kenne me net“.

„Das Mundartsprechen kenne ich vom heimlichen Zuhören, im Elternhaus sprachen wir nur noch Hochdeutsch“, erzählt Daniela Reinhard, die seit zwei Jahren im Verein aktiv tätig ist. „Die Tanten und Omas sprachen noch Platt untereinander, und als Kind spitzt man die Ohren, um alles mitzubekommen. Durch dieses verbotene Belauschen lernte ich Platt“.

Auch ihr 13-jähriger Sohn versteht den Dialekt, doch Platt zu sprechen kommt für den Teenager zumindest jetzt noch nicht in Frage.

„Nun sprecht mit dem Jungen Hochdeutsch, sonst wird aus ihm nichts“, erinnert sich Willi Schwarzkopf an die guten Ratschläge der Familienmitglieder in seiner Kindheit. Er ist das erste Mal beim Mundart-Nachmittag dabei und hofft, wie die anderen Vereinsmitglieder auch, auf weiteren Zulauf unter den Traditionsliebhabern.

„Durch die neuen, jungen Mitglieder kommen auch wesentlich mehr junge Menschen ins Publikum“, freut sich die Vereinsvorsitzende. „Wir sind dabei, einige von Ihnen für diese Sache zu begeistern, und es wird sich weiterentwickeln“, glaubt Reinhard. Sie spricht von der Generation von Klara Germes, dem „guten Geist“ des Vereins, die mit ihren 87 Jahren eine leidenschaftliche Verfechterin für den Erhalt der Tradition und des Dialekts ist. „Diese Generation wird vergehen und, wenn Platt nicht mit vergehen soll, dann sind wir gefragt“, sagt sie.

„Diese Sprache wurde von Generation zu Generation weitergegeben und gepflegt“, meint zudem Schwarzkopf. „Das alte Platt wird zwangsläufig aussterben, weil die älteren Leute es nicht mehr so weiter geben können, wie das früher einmal war. Durch das Hochdeutsch wird es mit den Jahren verloren gehen.“

Die Hüter des Brauchtums in Kirchberg sind davon überzeugt, dass die Idee, auf humorvolle Weise „dat, wat fröher schön wor“, in der ursprünglichen Sprache ihrer Ahnen wiederzugeben, der richtige Weg sei, ein Stück Geschichte zu bewahren. „Wir werden für uns hier im Dorf diese Sprache erhalten können“, heißt es zuversichtlich im Verein. Mit Jonah, dem jüngsten Darsteller des Mundart-Nachmittags, der nächsten Monat elf Jahre alt wird und der Enkelsohn von Klara Germes sowie ein bekennender Platt-Fan ist, gewinnt diese Zuversicht einen weiteren berechtigten Grundpfeiler.

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