Jülich/Bielefeld: Millionenbetrug: Jülicherin sitzt in Bielefeld auf der Anklagebank

Jülich/Bielefeld : Millionenbetrug: Jülicherin sitzt in Bielefeld auf der Anklagebank

Der Plot ist Filmreif: Eine vierköpfige Betrügerbande schädigt Banken mit Konten fiktiver Personen um mehr als 1,4 Millionen Euro. Darunter ein Mann, der Geld für die ersehnte Geschlechtsumwandlung braucht. Der Fall hat noch einige weitere bizarre Aspekte zu bieten. Seit Donnerstag wird er am Landgericht Bielefeld verhandelt, mit einer Jülicherin auf der Anklagebank.

Stefan B. (Namen geändert) wollte zu Angelika werden. Das rechtlich und medizinisch zu bewältigen, ist teuer. Da kam es der jetzt 51-Jährigen gerade recht, dass sie vor ein paar Jahren im Gefängnis einen 55 Jahre alten Österreicher kennen gelernt hatte, der ihr die Möglichkeit bot, etwas Geld zu verdienen.

Zu dritt — zusammen mit einem 59 Jahre alten Profi-Betrüger — verlegten sie sich darauf, Banken mit einer recht filigranen Masche zu erleichtern: Mit gefälschten Personalpapieren, die zum Teil auf bekannte Persönlichkeiten der Rechtswissenschaft lauteten, und mittels des so ad absurdum geführten Post-Ident-Verfahrens eröffnete die Bande Konten, erschlich sich daraufhin Darlehn und räumte sie ab.

271 Fälle bundesweit insgesamt mit einem Schaden von über 1,4 Millionen Euro sind angeklagt. Zur Begehung der Taten unterhielt das Trio eigens ein Büro in Bielefeld — und machte munter als Duo weiter, nachdem der 59-Jährige aus dem offenen Vollzug nach Mallorca geflüchtet war.

100 Aktenordner im Saal

Aber das ist nur ein Teil des Verfahrens vor der IX. Strafkammer des Landgerichts Bielefeld, denn sonst würden nicht zwei Regale, gefüllt mit annähernd 100 Aktenordnern im Gerichtssaal stehen. Sonst hätte die Anklageschrift nicht über 40 Seiten, und sonst wäre der Prozess nicht auf 15 weitere Verhandlungstage bis Mitte November angesetzt.

Die Bande soll unter Beteiligung eines 66-jährigen Italieners aus dem Westerwald die Banken-Masche in etwas abgeänderter Form auch dazu genutzt haben, Immobilien im Rheinland und im Sauerland zu erwerben, zu beleihen und mit dem Geld wieder unterzutauchen — natürlich alles unter falschen Namen und mit gefälschten Papieren und Urkunden.

Hier soll Angelika B. mal als Kurier von falschen Dokumenten, mal als Mittäterin fungiert haben. Ihr allein hingegen lastet die Staatsanwaltschaft noch ein paar Warenbetrugsdelikte an, die sich mit einem Schaden von 18500 Euro vergleichsweise mickrig ausnehmen — im Gerichtssaal aber für mühselig verkniffene Heiterkeit sorgten: Die 51-Jährige soll das Geld überwiegend einem Lieferanten von handfestem Sex-Gerätschaften schuldig geblieben sein, mit denen sie ein Sado-Maso-Studio ausstatten wollte.

Entschluss fällt im Gefängnis

Zum Prozessauftakt am Donnerstag ließ die Angeklagte ihr Leben Revue passieren, in dem berufliche Veränderungen eine Rolle spielen, aber auch eine Haftstrafe von mehr als vier Jahren, weil sie vor ihrer Geschlechtsumwandlung mit Ebay-Betrügereien, Unterschlagung beim früheren Arbeitgeber und Verstößen gegen das Waffengesetz aufgefallen und verurteilt worden war.

Im Gefängnis habe sie beschlossen, das wahr zu machen, was sie seit ihrem 13. Lebensjahr gespürt habe: Sie wollte eine Frau werden. Seit 2012 ist sie es rechtlich, seit 2013 auch körperlich. Schulden von etwa 70.000 Euro hat sie angehäuft. Wie sie in die Fälle verstrickt ist, will Angelika B. dem Gericht an den folgenden Verhandlungstagen erklären.

Aufgeflogen war die Bande durch eine kuriose Verkettung von Umständen. Mitglieder einer 2013 vom Landgericht Detmold verurteilten Einbrecherbande hatten aus dem offenen Vollzug heraus dem 55-jährigen Österreicher Gemälde verkauft, die sie in Bielefeld erbeutet hatten.

Dabei hatte sie die Polizei überwacht. Die Durchsuchung des Wohnwagens im März 2015 auf einem Campingplatz in Bad Honnef förderte dann eine komplett ausgestattete Fälscherwerkstatt zutage und die Spuren, die zu den Angeklagten und ihren Betrügereien führten.

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