LVR-Kulturhaus Rödingen: Gedenken an die Novemberpogrome

Pogromgedenken in Titz: Gedenken in der ehemaligen Landsynagoge

Seit 2011 lädt die Landgemeinde Titz im November zu Gedenkenveranstaltungen an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 ein. An wechselnden Orten und mit ausgewählten Themenschwerpunkten erinnert man an die damaligen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die daraus erwachsene Verpflichtung zur Wachsamkeit gegenüber aufkommenden ähnlich gelagerten Tendenzen.

Für die aktuelle Veranstaltung war das LVR-Kulturhaus Landsynagoge in Rödingen gewählt worden. Thematisch aufgearbeitet wurden die Kindertransporte nach Belgien in den Jahren 1938 und 1939, dargestellt am Forschungs- und Ausstellungprojekt des Lern- und Gedenkortes Jawne.

Zu Beginn verdeutlichte Monika Grübel, Judaistin im LVR, dass es sich bei der sogenannten „Kristallnacht“ keinesfalls um Geschehnisse im Dunkel gehandelt habe, sondern das Unheil habe offen und für jeden sichtbar seinen schlimmen Lauf genommen . In seiner Ansprache erinnerte Bürgermeister Jürgen Frantzen auch ans Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, den er als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ und Ursache für den Ablauf der Ereignisse in den Folgejahren erachtet. Was geschah vor dem 9. November 1938? Frantzen gab die Antwort anhand von Zeitungszitaten, die die Tat des 17-jährigen Herschel Grynszpan beschrieben, dessen Familie großes Unrecht angetan worden war. Mit der Tötung eines hochrangigen Vertreters des Dritten Reichs wollte er ein Zeichen gegen die Judenverfolgung setzen, das weltweit Beachtung findet. Der Plan ging zwar auf, als er in der Deutschen Botschaft in Paris den Legationssekretär Ernst vom Rath mit zwei Schüssen so stark verletzte, dass dieser wenig später starb, erreicht hat der junge Mann dagegen das Gegenteil. Propagandaminister Goebbels veranlasste, dass das Attentat die Schlagzeilen dominierte, eine Verstärkung des Rassenwahns zog daraus ihre Legitimation und die offenbar längst geplante Eskalation der Judenverfolgung überrollte das ganze Land. Nach all den Schrecken sei in der Mitte eines vereinten Europas ein deutscher Staat entstanden, dessen Ideale Einigkeit und Recht und Freiheit in der Nationalhymne besungen werden. Abschließend würdigte der Bürgermeister das Engagement des Titzer Jugendparlaments, das sich erneut am Gedenken beteiligte.

Alfred Lecerf, Bürgermeister der Titzer Partnergemeinde Lontzen in Belgien, berichtete, dass der historische Bahnhof Herbesthal als Denkmal und Gedenkstätte in die europäisch Skulpturenroute zur Erinnerung an die Kindertransporte nach Belgien integriert wird. Der kleine Bahnhof war 1938/39 zunächst rettendes Ziel für Kinder jeden Alters, deren Schicksalsgemeinschaft darin bestand, jüdisch zu sein. Zu den Transporten gab Änneke Winkel, Mitarbeiterin des Lern- und Gedenkorts Jawne in Köln, eine Einführung. Jawne ist eine kleine Stadt nahe Tel Aviv, nach der die einzige höhere jüdische Schule benannt war, das von den Nazis zerstört wurde. Der damalige Schulleiter erkannte die Gefahr für seine Schützlinge und organisierte ab 1938 heimlich Transporte ins Ausland. Er selbst blieb in Köln, wurde 1942 deportiert und bei Minsk ermordet. Adrian Stellmacher ist Leiter Recherche des Projekts „Kindertransporte über den Bahnhof Herbesthal in Belgien“, deren Ablauf er anhand einer exemplarischen Familiengeschichte darstellte. Die Ankunft in Herbesthal wurde für die „Transportkinder“ zu einem unvergesslichen Moment, wähnte man sich in Belgien doch sicher. Meir Baum schreibt am 10. Mai 1940, dem Tag des Einmarschs der Wehrmacht in Belgien: „Damit war unsere schöne Kindheit, die gerade erst begonnen hatte, vorbei.“

Als Vertreterin des Titzer Jugendparlaments gab Leslie Haderlein den Tagebucheintrag einer Mutter wieder, der den Zuhörern zu Herzen ging: „Morgen fährt mein Junge im Kindertransport nach England. … Weinen darf ich nicht, aber oft geht ein Schütteln durch meinen Körper, ein einziger großer Schmerz.“

Zum Abschluss der Veranstaltung hinterfragte die Oberstufenschülerin Leah-Sophie Frantzen das Verhalten der heutigen Generation: „Es scheint, als hätten manche Menschen die Novemberpogrome vergessen, sie marschieren auf und verbreiten Hass und ihre Gewalt“. Diesen hielt sie ein Gedicht entgegen: „Menschheit, gib acht, dass nicht wieder die Braunen marschieren, dass nicht wieder der Hass triumphiert. Menschheit halte mahnend Wacht“, heißt es da. (jago)

(jago)
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