Linnich: Linnicher Bäckerei ist für jungen Mann aus Bangladesch die Rettung

Linnich : Linnicher Bäckerei ist für jungen Mann aus Bangladesch die Rettung

Offiziell gibt es die Sklaverei nicht mehr. Der afrikanische Staat Mauretanien hat sie als weltweit letzter 1980 abgeschafft. Trotzdem werden Menschen auch heute noch verkauft. 2016 veröffentlichte die Stiftung „Walk Free Foundation“ einen Bericht, wonach weltweit rund 46 Millionen Menschen als Sklaven oder sklavenähnliche Arbeiter leben. In Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt, wird der Verkauf eines Kindes heute noch oft zum Garant der Überlebenschancen für jüngere Geschwister.

Sofik Uddin lebt seit drei Jahren in Linnich. Er war zwölf Jahre alt, als er von seiner Familie in ein Arbeitsverhältnis gegen Bezahlung abgegeben wurde. Von der Kindheit in Bangladesch spricht er nicht viel. Nur dass er „immer auf der Straße war“ und seine Oma liebte. Er hat nie eine Schule besucht. Lernte das Lesen und Schreiben nicht. Doch Sofik, wie er gerne genannt werden möchte, erinnert sich an viele Länder der Welt.

In sieben Jahren waren Indien, Pakistan, Dubai, Oman, Türkei und Griechenland die Stationen seiner Odyssee, bevor er 2015 als 19-Jähriger nach Deutschland kam. Sofik wurde als Hausbediensteter, Küchenhelfer oder Arbeitskraft für alles immer weiter um die Welt gereicht. Er stand 24 Stunden am Tag zur Verfügung und bekam Arbeitslohn in Form eines Bettlagers und einigen Essensportionen. Von den erlittenen Schlägen sind noch nicht alle Narben verblasst. Er weiß heute, dass er ausgebeutet wurde. Er mag nur nicht, als ehemaliger Sklave bezeichnet zu werden. Seine menschliche Würde ist Sofik wichtig.

Asylantrag abgelehnt

Als 18-Jähriger wollte er sein Leben verändern und machte sich auf den Weg nach Deutschland. Er hatte gehört, es sei ein freundliches Land. Der Teenager glaubte eigentlich nicht daran, dass er das schafft. Aber es war ein Traum, der ihn am Leben hielt. Irgendwann kam er in Linnich an.

„Der Asylantrag von Sofik Uddin wurde im Juli 2016 negativ beschieden. Im November folgte der endgültige Entscheid über die Ablehnung seiner Asylklage“, sagt der Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Linnich, Stefan Helm. Es war eine korrekte Entscheidung. Der Wunsch nach würdigem Leben und ein fehlendes Zuhause sind im Asylverfahren als triftige Gründe für ein Bleiberecht nicht verankert.

Für Sofik schien der Traum geplatzt zu sein. In den wenigen Monaten in Deutschland hatte er das erste Mal seit vielen Jahren „liebe Menschen“ um sich gehabt. Wie ein Mantra wiederholte er dauernd, „wohin soll ich nun gehen?“, erinnert sich Margit Syré. Sie lernte Sofik Uddin bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit für den „Initiativkreis Asyl Linnich“ kennen. Von seiner Leidensgeschichte erzählte er ihr auf Griechisch. „Ich war erschüttert, fand ihn so sympathisch, er gehörte schnell zur Familie“, erinnert sie sich.

Sie und die anderen Flüchtlingshelfer suchten nach einer Möglichkeit, Sofik vor der Abschiebung zu bewahren. „Nach allem, was er in seinem kurzen Leben durchmachen musste, hatte er unsere Hilfe und eine Chance verdient“, sagt Syré. Diese helfenden Menschen und das 2017 verabschiedete neue Integrationsgesetz retteten Sofik Uddin vor der Abschiebung, die er angesichts seiner Vorgeschichte womöglich nicht verkraftet hätte.

Für den „Geduldeten“ in einer Warteschleife zum Abschiebebescheid war ein Ausbildungsplatz der einzige Weg, in Deutschland bleiben zu können. Das neue Integrationsgesetz erläutert Stefan Helm: „Der deutsche Staat spricht damit sein Ja zu den Integrationswilligen aus. Es ist ein Ja für alle, die einen Ausbildungsplatz finden, danach einen Arbeitsplatz vorweisen können, von den Sozialleistungen unabhängig sind und auf eigenen Beinen stehen.“ Auf eine Lehrstelle in kürzester Zeit zu hoffen, erschien Sofik und seiner ehrenamtliche Betreuerin Syré fast unmöglich.

Dann kam die einzige Bäckerei in Linnich ins Spiel, die Bäckerei und Konditorei Schrapper. „Frau Syré hat mich angerufen und von Sofiks Schicksal erzählt“, erinnert sich Bäckermeister Klaus Schrapper und „natürlich berührt das einen, vor allem, wenn man selbst Kinder hat“. Der Betrieb suchte damals einen Auszubildenden. „Die gesamte Gastronomiebranche leidet unter massivem Personalmangel und ist zunehmend auf die Menschen mit Migrationshintergrund angewiesen. Wir sind diesen Menschen dankbar, weil viele von ihnen bereit sind, diese Jobs zu übernehmen“, erklärt Schrapper.

Seit einem Jahr arbeitet Sofik in der Bäckerei, und sein Chef ist fest davon überzeugt, dass „90 Prozent der Firmen gerne einen Mitarbeiter wie ihn übernehmen würden“. Er beschreibt seinen Lehrling als wissbegierig, hilfsbereit, sehr geschickt und penibel sauber, „was in unserem Beruf ein Muss ist“. „Sofik lernt sehr schnell, er sucht die Arbeit und führt sie genauestens aus“, sagt Schrapper, „dies ist heute sehr selten“.

Der Bäckermeister geht davon aus, dass sein Mitarbeiter in zwei Jahren die Prüfung problemlos besteht. „Ich hoffe, dass nach der Beendigung der Straßenbaustellen in Linnich das Geschäft wieder normal läuft. Dann wäre ich verrückt, wenn ich Sofik nicht übernehmen würde“, sagt er. Klaus Schrapper hat Sofiks Lage erkannt, doch er ist auch ein Geschäftsmann. „Mein Betrieb hat konkrete Vorteile von seiner Anstellung. Es ist eine Win-win-Situation“, erklärt er.

Schmunzelnd fügt er noch hinzu: „Mein Lehrling ist sehr kontaktfreudig, geht mit besten Manieren und hilfsbereit auf die Menschen in der Nachbarschaft zu. Und er lächelt immer so freundlich. Seine Geschichte ist ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration“, sagt er.

Diese eine Chance

Sofik Uddin hatte das Glück, helfende Menschen in einem fremden Land zu finden. Er sagt, dass er weiß, dass er nur diese eine Chance hat, sein Leben selbstständig zu gestalten. Dafür sprang er ein Jahr lang auf sein Fahrrad und fuhr bei Wind und Wetter vom Flüchtlingscamp in Welz nach Linnich, um pünktlich um 3.45 Uhr in der Bäckerei zu sein. Nachmittags absolvierte er zügig den gleichen Fahrradweg, um am Deutschunterricht im Camp teilzunehmen. Abends hieß es, Lesen, Schreiben und Rechnen in einer ehrenamtlichen Nachhilfestunde nachzuholen.

Für einen Analphabeten wie Sofik war auch die in der Berufsschule notwendige Mathematik eine Fremdsprache. Heute wohnt der inzwischen 22-jährige in Linnich, pendelt mit Bussen und Zügen zwischen seiner Wohnstätte, der Berufsschule in Aachen und dem Unterricht einer berufsbegleitenden Maßnahme in Düren.

An den restlichen Wochentagen, auch samstags, arbeitet Sofik Uddin in der Bäckerei, lernt mit seinen ehrenamtlichen Nachhilfelehrern, träumt von einer eigenen Familie und lächelt die Menschen an. „Früher hatte ich Niemanden, war immer traurig. Jetzt habe ich viele liebe Menschen gefunden, und ich versuche, mein früheres Leben zu vergessen. Ich schaffe das“, sagt er. Und lächelt.