Antwerpener Schnitz-Altäre: Linnicher Altäre stehen für den früheren Reichtum

Antwerpener Schnitz-Altäre : Linnicher Altäre stehen für den früheren Reichtum

Die Antwerpener Schnitz-Altäre erzählen mehr als eine Geschichte – wenn man sie zu lesen versteht. Sie stehen für den Reichtum ihrer Stifter und waren gleichzeitig eine Art Bilderbuch für alle, die nicht Lesen konnten.

Linnich – unendlicher Reichtum. Wir schreiben das Jahr 1520. Dies ist die Geschichte einer Stadt, die früher mal Geld hatte. Viel Geld. So viel Geld, dass man in Linnich vieles ein bisschen größer gemacht hat. Die Kirche St. Martinus zum Beispiel. „Sie ist eigentlich völlig überdimensioniert für das, was damals hier in Linnich war“, sagt Stefan Helm, Stadtführer und Heimatforscher.

Die Größe der Kirche, deren Ursprünge bis ins frühe Mittelalter zurückreichen, war ein Ausdruck von Macht. Das gilt auch für die drei sogenannten Antwerpener Altäre im Inneren des Gotteshauses. Alle sind sie Zeugnisse einer Zeit, in der es in Linnich viel Geld gab. Die Zeiten sind schon lange vorbei.

Aber man sieht sie noch, die Altäre. Nicht nur in Linnich, auch in anderen Gotteshäusern in der Region. Aber drei auf einmal gibt es nur in Linnich. Und den Reichtum von damals kann man erahnen. Dazu muss man nur durch das Eingangsportal von St. Martinus treten und sieht sie da hängen: den Katharina-Altar links, den Hochaltar am Kopfende des Hauptschiffs und den Kreuzaltar rechts.

Besucher haben nur in Begleitung eines Vertreters der Pfarre die Möglichkeit, die Altäre aus der Nähe zu betrachten. Ansonsten ist außerhalb der Messzeiten Schluss an einem gusseisernen Zaun im Eingangsbereich von St. Martin. „Die Altäre sind heute selten und sehr wertvoll“, sagt der Linnicher Glasmalerei-Experte Heinrich Oidtmann. Früher waren sie das nicht ganz. „Sie waren Mode“, fasst Dorothea Gerards vom Kirchenvorstand St. Martinus kurz zusammen. Und noch viel mehr.

Aus der Mode gekommen?

„Es ist häufiger vorgekommen, dass man damals der Meinung war, dass die Altäre außer Mode gekommen waren und die Menschen sie damals ersetzt haben“, fügt Karl-Leo Gerards hinzu. „Glücklicherweise hat man damit im 16. Jahrhundert aufgehört.“ Vor rund 500 Jahren passierte es zum letzten Mal, dass ein Altar als unmodern angesehen wurde. Der sogenannte Pallandt-Altar aus dem Jahr 1425 wurde ersetzt durch den heutigen Hochaltar.

Wer dahintersteckte – die Linnicher Experten zucken mit den Achseln. Es gebe die Theorie, dass der Jülicher Herzog dahinter gesteckt haben könnte. „Ein Aspekt war ganz sicher, dass der Stifter zeigen wollte, dass er einen noch größeren Altar zustande bringt“, sagt Dorothea Gerards. Im Gegensatz zu den meisten im Verlauf der Geschichte verlorenen Altären ist der aus dem Hause Pallandt nicht weg. Heute steht er im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen. Altäre waren also der Ausdruck von Reichtum und Macht. Heute kaufen sich Schwerreiche eher Jachten oder Flugzeuge.

Die Pfarrkirche St. Martinus gibt es in ihren heutigen Ausmaßen fast unverändert seit dem späten Mittelalter. Foto: Guido Jansen

Mode waren die Antwerpener Schnitzaltäre auch, weil die Figuren, die in den Mittelteilen der Trip-tychen – dreigeteilte Kunstwerke – zu sehen sind, stets in der Mode der Zeit gekleidet waren. Die Linnicher bekommen also bis heute einen lebendigen Eindruck davon, was um 1520 in Antwerpen en vogue war.

Überhaupt das Haus Pallandt: Das Adelshaus war der wichtigste Förderer des Linnicher Gotteshauses und selbst zu Einfluss und Macht gelangt. „Da war die eigene kleine Kapelle irgendwann nicht mehr repräsentativ genug“, erklärt Helm, warum Haus Pallandt begann, in die Kirche zu investieren. Altäre damals seien noch mehr als Mode und Statussymbole gewesen.

Sie waren eine Art teures Zahlungsmittel für einen Ablasshandel. Reiche Menschen glaubten, dass sie sich mit einem großen Altar so nachhaltig wie möglich ihre Seele freikaufen konnten. Die andere wichtige Funktion damals, als viele Menschen noch nicht lesen und schreiben konnten: Die Altäre erzählen Geschichten, beispielsweise die Weihnachtsgeschichte oder Passionsgeschichte. Sie waren damals also als eine Art Bilderbuch gedacht.

Ein Bilderbuch mit vielen Gesichtern. „Ich betrachte die Altäre eigentlich seit vielen Jahren jeden Tag. Und es passiert mir sehr oft, dass dabei eine neue Figur entdecke, die mit vorher noch gar nicht aufgefallen war“, berichtet Karl-Leo Gerards.

Mehr von Aachener Nachrichten