Lkw fahren gegen Hauswand an der Ecke Rurstraße/Ewartsweg in Linnich

Das Eckhaus Rurstraße/Erwartsweg : Wenn der 40-Tonner dreimal anklopft

Haarsträubende Szenen an einer „Chaosbaustelle“ mitten in Linnich. An der Ecke Rurstraße/Ewertsweg sind schon drei Schwerlaster gegen eine Hauswand gekracht. Trotz Baustelle und Durchfahrtsverbot fahren die Lkw über die Hauptstraße. Betroffene fordern die Stadt zum Handeln auf.

Über Linnich lacht an diesem Morgen im September zumindest ein bisschen die Sonne. An der Rurstraße in der Mitte des Städtchens ist trotzdem nicht viel los. Vor der Sparkasse kommen zwei augenscheinlich Ortkundige ins Gespräch. Man gestikuliert und zeigt auf die Baustelle, die das Bild der Straße seit rund zwei Jahren prägt. Die beiden Herren diskutieren, ob sich wohl hier oder da etwas getan hat. Ob sie fündig werden, ist nicht überliefert.

Auf der anderen Straßenseite steht Peter Jumpertz vor dem dortigen Kiosk. Jumpertz bringt Menschen zum Lachen. Beruflich. Als Eventmanager organisiert er unter anderem Comedy-Festivals. In Bezug auf sein Haus, vor dem er gerade steht, vergeht ihm das Lachen jedoch mittlerweile gründlich. Was dort passiert, ist eher zum weinen. Oder zum fürchten. Oder beides. Und auch das hat mit besagter Baustelle beziehungsweise ihren Folgen zu tun.

In unschöner Regelmäßigkeit krachen Schwerlastwagen gegen  Jumpertz’ Haus an der Ecke Ewartsweg. Sage und schreibe drei Mal ist das in der jüngeren Vergangenheit passiert. Zuletzt wie berichtet am 10. September, ein Dienstag. Wenn Jumpertz die Geschichte erzählt, schüttelt er nur mit dem Kopf. Und Paul Meyers, der den Kiosk samt Café dort betreibt, geht es kein bisschen anders. Begonnen hat diese Geschichte vor rund einem Jahr. Damals war es das erste Mal, dass ein Laster die Kurve von der Rurstraße in den Ewartsweg dergestalt kratzte, dass er das Gebäude touchierte. Einen größeren Schaden gab es seinerzeit nicht. Paul Meyers, der tagein, tagaus die Szenerie dort hautnah beobachtet, befürchtete nach eigener Aussage allerdings schon zu diesem Zeitpunkt, dass dies kein Einzelfall bleiben würde.

Was logisch klingt, denn der Kurvenradius dort ist für Lastzüge viel zu klein, weil er auch nie für Lastzüge gedacht war und ist. Es kam also, wie es kommen musste. Im August krachte es erneut. Diesmal schon etwas heftiger. „Eine Verkleidung des Mauervorsprungs nahm dabei Schaden. Ich habe sie vom Dachdecker reparieren lassen“, erzählt Peter Jumpertz. Der Lkw-Fahrer, so ergänzt Paul Meyers, wollte sich aus dem Staub machen, konnte jedoch gestoppt werden.

Der verkeilte Schiffscontainer

Das allerdings war wiederum noch gar nichts gegen den – bisher – letzten Vorfall. In aller Herrgottsfrühe gegen 5.30 Uhr machte es an der Rurstraße mächtig „Rumms“. Einmal mehr hatte ein Sattelzug versucht, um die besagte Kurve zu kommen. Beladen war er mit einem großen Schiffscontainer. Doch dieser Versuch misslang diesmal ganz und gar.

Der Container verkeilte sich nach dem Aufprall regelrecht unter dem Mauervorspung, der sich an der Fassade befindet. „Der Fahrer hat immer wieder versucht, vor und zurück zu fahren, um freizukommen“, berichtet Paul Meyers. Dabei sei sogar der Stahlmantel des Containers aufgerissen. Den Mauervorsprung erwischte es ebenfalls heftig. Auch im Inneren des Cafés kam der Putz von der Decke. Ohrenbetäubend muss der Lärm gewesen sein: „Die Hausbewohner haben noch geschlafen und berichteten, sie hätten dann senkrecht in den Betten gesessen. Die meinten, es wäre eine Bombe explodiert“, erzählt Meyers, dessen Kiosk immer schon ganz früh öffnet.

Die Feuerwehr rückte an und holte schließlich das Technische Hilfswerk hinzu. Die Helfer stützten den ramponierten Vorsprung fachmännisch ab. Später wurde noch eine Baustellenabsperrung aufgebaut. Ein Statiker schaute sich das Malheur zudem an. „Es wurde zum Glück festgestellt, dass das Gebäude an sich keinen Statikschaden erlitten hat“, weiß Peter Jumpertz zumindest von einem positiven Detail zu berichten. Ein Trost ist das kaum: „Der Schaden beläuft sich auch so auf geschätzt 10.000 Euro.“ Bei seiner Hausversicherung hat er erfahren, dass der Mauervorsprung im versicherungsrechtlichen Sinne –  so kurios es klingen mag – gar nicht zum Haus gehöre. Man werde aber schauen, was man trotzdem tun könne.

Die Lkw fahren trotz Baustelle und Durchfahrtsverbot über die Hauptstraße und versuchen dann, eine enge Kurve zu kratzen. Foto: grafik

Wie Jumpertz nämlich erfahren hat, wird solch ein Schaden dann über eine Art „übergeordnete“ Versicherung abgewickelt. Vermutlich dann in Richtung des Lastwagenhalters, wobei es sich im Falle dieses Lkw um ein buchstäblich internationales Gespann handelte – Zugmaschine und Fahrer aus Rumänien, Auflieger aus den Niederlanden.

Womit man dann wieder bei der Baustelle wäre. Am Ende der Rurstraße ist die Firma SIG Combibloc beheimatet. Und die stellt für viele der Laster das Ziel dar, was sie so auch in ihr Navi eingeben. Die Technik allerdings weiß ebensowenig wie die aus ganz Europa kommenden Fahrer, dass mit den Bauarbeiten ein Lkw-Duchfahrtverbot verbunden ist. Logisch, denn man kann gar nicht durchfahren. Aktuell ist an der Ecke Bendenweg Feierabend.

Im Ort und drumherum stehen auch entsprechende Hinweis- und Verbotsschilder. Mancher ortsunkundige Fahrer aber vertraut trotzdem seinem Navi und ignoriert die Hinweise. „Im Schnitt landen täglich fünf Schwerlaster in der Falle“, so Paul Meyers. Er und andere versuchen dann regelmäßig, die Fahrer von der engen Kurve am Ewartsweg fernzuhalten. Was wiederum dazu führe, dass die Brummipiloten in bisweilen haarsträubenden Manövern ihre 40-Tonner versuchen zu wenden und dann auch noch entgegen der Einbahnstraße – eine solche ist die Rurstraße jetzt – zurückfahren.

Hausbesitzer Peter Jumpertz (r.) und Kioskbetreiber Paul Meyers fordern die Stadt zum Handeln auf. Foto: Stephan Mohne

Eine Ende dieses Zustands ist derzeit noch gar nicht abzusehen, weil unklar ist, wann die Baumaßnahmen enden. In diesem Zusammenhang sprechen Meyers und Jumpertz von einer „Chaosbaustelle“. Nicht einmal der erste Bauabschnitt sei ganz fertig, was er schon lange hätte sein sollen. Immer mal wieder seien Abschnitte auf und zu und auf und zu und auf und zu gemacht worden.

Zeitweise sei morgens nicht einmal ein Arbeiter zu sehen. „Das ist ein Drama ohne Ende“, klagen Jumpertz und Meyers, ganz davon abgesehen, dass die ganze Chose für Geschäftsleute existenzgefährdend sei.  Und weil eben kein Ende in Sicht ist, sehen sie die Stadt in der Handlungspflicht. Es müsse eine Lösung her. Nach dem letzten „Einschlag“ sei das Ordnungsamt vor Ort gewesen. Am Ende habe es lediglich ein ratloses Schulterzucken gegeben. Danach habe man schlicht gar nichts mehr gehört.

Von Untätigkeit könne jedoch keine Rede sein, sagt Bürgermeisterin Marion Schunck-Zenker auf Anfrage unserer Zeitung. Man habe im Gegenteil schon eine ganze Menge getan. Besagte Schilder bis hin zur Autobahnabfahrt in Aldenhoven sind das eine. Zudem habe man die Hersteller von Navigationssystemen informiert. In einige Anwendungen, etwa für Navis auf dem Smartphone, sei die Baustelle auch dargestellt. Im Lkw müssten die Navis natürlich mit den neuesten Updates versehen sein. Infoflyer wurden gedruckt und die Firmen, die von den Lkw beliefert werden, seien gebeten worden, ihre Zulieferer zu informieren. Mit der Polizei sei man überdies in Kontakt, da sie für den fließenden Verkehr zuständig ist.

Sind noch mehr Schilder nötig?

Überlegt wird gemeinsam mit dem Straßenverkehrsamt, ob es Sinn macht, noch weitere Schilder zu platzieren. Auch über Fahrbahnverengungen habe man nachgedacht. Doch das würde im Falle eines Einsatzes die Feuerwehr wertvolle Zeit kosten. Und Schulbusse müssten auch passieren können. Guter beziehungsweise zielführender Rat scheint hier teuer. Zumal: „Die allermeisten Fahrer nutzen die Umfahrung. Leider gibt es immer welche, die sich nicht daran halten“, ist auch Schunck-Zenker unglücklich über die Situation.

Was man eins zu eins auch auf die Baustelle münzen kann. Marion Schunck-Zenker mag gar keine Prognosen mehr zu einer zeitlichen Perspektive für die Fertigstellung abgeben: „Sehen Sie es mir nach, aber darüber rede ich gar nicht mehr.“ Zu oft schon haben sich an der Rurstraße derlei Prognosen in Luft aufgelöst. Die Bürgermeisterin sagt, man sei quasi „tagtäglich damit befasst“. Es sei eine „komplexe Gemengelage“, die immer wieder zu Verzögerungen führe. In ihrer Stimmen schwingt mit, dass sie diese Gemengelage auch lieber heute als morgen los wäre. Was aber zunächts offenkundig ein frommer Wunsch bleibt.

 Vor diesem Hintergrund und mit einem Blick auf die Straße sowie den Gebäudeschaden vor seinem Kiosk sagt Paul Meyers denn auch einmal mehr nachdenklich: „Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein.“ Ob es dann immer dabei bleibt, dass „nur“ ein Mauervorsprung abrasiert wird, das ist eine bange Frage, die sich nicht nur Paul Meyers und Peter Jumpertz stellen.

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