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Leserinnen aus Jülich erzählen Anekdoten aus über 70 Jahren

‚Leute gucken’ in Jülich : Leserinnen erzählen Anekdoten aus über 70 Jahren

Wenn in diesen Tagen in der Jülicher Stadthalle der Kehraus nach Karneval stattfindet, die Lampen abgehängt werden, das Mobiliar ausgeräumt wird, dann sind die Tage der „guten Stube von Jülich“ gezählt. Vier Leserinnen erinnern sich an Anekdoten aus über sieben Jahrzehnten der Historie.

Da, wo heute noch die Stadthalle steht, die einem Senioren-Wohnquartier weichen soll, stand von 1926 an das Kolpinghaus, das nach dem Krieg zum Kino umgebaut wurde und auch als Disko fungierte.

Tieffliegerangriff

An das alte Kolpinghaus kann sich Leserin Anni Fink, die vor sechs Jahren von Jülich nach Krefeld umgezogen ist, noch gut erinnern: „Im Herbst 1944 wurde unsere Sextaner-Klasse des Gymnasiums in der Neußer Straße ins Kolpinghaus umquartiert, und zwar in einen kleinen Raum im Dachgeschoss. Wenige Tage später, an unserem letzten Unterrichtstag, wurde der Weg durch die Stadt zum Bahnhof – ich musste mit dem Zug nach Welldorf – extrem gefährlich. Wir gerieten in einen Tieffliegerangriff und rannten an den Häusern entlang. Eine Frau zog uns Schüler damals in ihren Hausflur“, schreibt uns Anni Fink, die den Angriff unbeschadet überstanden hat. Viele Jahre später kam sie als DRK-Helferin bei einem Blutspendetermin wieder in die Stadthalle. „Da hatte ich dann die Gelegenheit, den kleinen Raum unter dem Dach mit Hilfe des Hausmeisters zu suchen und zu finden“, schreibt Anni Fink.

Als kleines Kind hat Christel Schmitz aus Koslar ihrer Mutter geholfen, die sich im Vorgängerbau der Stadthalle um die Garderobe gekümmert hat. Foto: Burkhard Giesen

Christel Schmitz aus Koslar, die früher in Jülich die „Weinstube“ in der Baierstraße betrieben hat, kann sich noch gut an die Zeit direkt nach dem Krieg erinnern. „Meine Mutter hat vor 70 Jahren einen Kiosk am Propst-Bechte-Platz betrieben. Ich war damals sieben Jahre alt und habe im Kiosk mitgeholfen“, erinnert sich Christel Schmitz lebhaft. „Wenn im Kolpinghaus eine Veranstaltung war, dann hat meine Mutter die Garderobe betreut. Ich wurde dann auf ein Höckerchen gesetzt und konnte die ‚Leute gucken‘.“

Ab und an wurde das kleine Mädchen auch unter die Mäntel zum Schlafen gelegt, wenn es spät wurde. Am Propst-Bechte-Platz gab es nach dem Krieg auch eine Fahrradwache, die anfangs der Onkel von Christel Schmitz betrieben hatte. „Wer sonntags ins Freibad ging, gab da für 10 Pfennig sein Fahrrad ab und konnte es später wieder abholen. In der Woche haben das viele Lehrer genutzt, und ich habe oft auf die Fahrräder aufgepasst.“ Bis 1958 hat die Mutter von Christel Schmitz den Kiosk betrieben, also noch zu Zeiten, als im Kolpinghaus das Gloria-Kino eröffnet hatte.

Erste Disko-Erfahrungen

Es gab vor dem Umbau zur Stadthalle Anfang der 1970er Jahre aber nicht nur das Gloria an diesem Standort, sondern auch eine Diskothek, wie sich Gundi Jumpertz aus Broich erinnert: „Ende der 1960er Jahre habe ich da meine ersten Disko-Erfahrungen gesammelt. Ich war damals 16 und bin mir nicht sicher, ob ich da ‚offiziell‘ überhaupt reindurfte.“

An die Stadthalle als Theaterbühne erinnert sich Ingrid Kraska-Dürke aus Jülich gerne zurück. Als ihr ältester Sohn 1974 in den Rochus-Kindergarten kam, sollte der eine kleine Turnhalle bekommen. Kraska-Dürke war damals Kindergartenratsvorsitzende und organisierte innerhalb von wenigen Wochen die Aufführung der Kinderoper „Struwwelpeter“. „Da die Räumlichkeiten des Kindergartens zu klein waren, suchten wir nach einem geeigneten Spielort. Nach dem Motto nicht kleckern, sondern klotzen, bekamen wir die Stadthalle kostenlos zur Verfügung gestellt“, schreibt sie.

Dank der Werbung war die Nachfrage so groß, dass man gleich zwei Aufführungen planen konnte. 5000 Mark Gewinn erzielte man mit den beiden Vorstellungen, womit der Grundstein zur Turnhalle gelegt war. Jahre später wurde der „Struwwelpeter“ in Kooperation mit der Musikschule erneut in der Stadthalle aufgeführt.

Schnelllebige Zeit

Kraska-Dürke war damals im Kunstverein aktiv und konnte Jülicher Künstler wie Renate Schenk sowie Käthe und Dietmar Biermann dazu überreden, die Kulissen zu gestalten. Ingrid Kraska-Dürke: „Auch diese Aufführung wurde ein voller Erfolg. Der Erlös kam der Musikschule zugute.“

Und sie blieb „ihrer“ Stadthalle treu. Im Roncalli-Haus bot Kraska-Dürke später einen Schauspielkurs für Kinder an, führte in der Stadthalle „Räuber Hotzenplotz“ und „Michel in der Suppenschüssel“ auf und konnte mit diesen Einnahmen Projekte im Roncalli-Haus finanzieren. „Ich würde mich freuen, wenn in der heutigen schnelllebigen Zeit einige Eltern eine ähnliche Initiative ergreifen würden, gerade im Zeitalter der Digitalisierung. Es macht Spaß, verbindet, und alle erinnern sich immer wieder gern an diese Zeit“, sagt Kraska-Dürke.