Kontrollzentrale im Jülicher Altreaktor 16 Stunden „blind“

Kabel kurzerhand abgeklemmt : Kontrollzentrale im Jülicher Altreaktor 16 Stunden „blind“

Menschliches Versagen hat im stillgelegten Jülicher Atommeiler AVR (Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor) ein „meldepflichtiges Ereignis“ nach Atomgesetz ausgelöst: Im vergangenen Jahr ist Ende August das Kontrollzentrum 16 Stunden lang „blind“ geblieben.

In diesem Zeitraum konnten keine Störmeldungen aus der Anlage in der Warte empfangen werden, weil ein Mitarbeiter ein Kabel durchtrennt und damit die Signalübertragung der Gefahrenmeldeanlage unterbunden hatte. Das wurde von der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen mbH (JEN) auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt.

Die Meldung der JEN GmbH an das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) liegt der Redaktion vor und erklärt den Vorfall so: „Am 26.08.2018 kam es zu einem gehäuften, sich wiederholenden Ansprechen einer Störmeldung.“ Diese sei als „nicht relevant“ bewertet worden. Da die Meldung so häufig auftrat, dass die „übrige Überwachung der Anlage erheblich gestört war“, sei an diesem Sonntag in Absprache mit der Ingenieurrufbereitschaft entschieden worden, sie temporär zu unterdrücken. Kurzerhand habe ein Mitarbeiter der Fachrufbereitschaft ein Kabel durchtrennt, über das die offenbar nervenden Störmeldungen den Weg in die Kontrollwarte fanden.

Damit wurden aber letztlich alle Störmeldungen im früheren Meiler unterdrückt, zumal diese wichtige Kommunikationsfunktion auch nach dem Durchtrennen des Kabels nicht geprüft worden sei, wie in der Meldung an das Bundesamt weiter zu lesen ist. 16 Stunden danach, am 27. August, wurde die Verbindung wieder hergestellt.

Sieht den Ausstieg aus der Braunkohle als folgenreiche Fehlentscheidung: Jörn Langefeld. Foto: Guido Jansen

„Das war menschliches Versagen und nicht korrekt“, sagte JEN-Pressesprecher Jörg Kriewel im Gespräch mit unserer Zeitung. Dennoch verweist er darauf, dass durch den Vorfall in dem „kernbrennstofffreien“ Gebäude keine gefährliche Situation entstanden sei. Die Mechanismen, die vor Bränden oder „Eingriffen von außen“ schützen sollen, waren laut Kriewel nicht betroffen. Insgesamt stufte die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen den Vorfall auf der internationalen Bewertungsskala INES im Bereich 0 (von 7) ein; das steht für „Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung“. Das Bundesamt habe sich dieser Einschätzung angeschlossen.

Einige Maßnahmen werden ergriffen

Nach einem TÜV-Gutachten werden aber nun einige Maßnahmen ergriffen, um zu verhindern, dass sich ein ähnlicher Vorfall wiederholt. Zusätzliche Personalschulungen, eine deutlich verbesserte Dokumentation der Störmeldeanlage und elektronische Sicherheitsmaßnahmen zählen laut JEN-Sprecher Jörg Kriewel dazu.

Der frühere Reaktorkern befindet sich in einem separaten Zwischenlager mehrere hundert Meter entfernt auf dem Jülicher Gelände. Im Altgebäude, das von innen nach außen zurückgebaut wird, befinden sich aber zum Beispiel noch mit radioaktiver Strahlung kontaminierte Abschirmungen und ähnliches.

Das Antiatomplenum Köln hat den Vorfall in einem Bericht des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit entdeckt, veröffentlicht und verurteilt diesen „höchst fahrlässigen Umgang mit einer Störfallmeldung durch Abschaltung der Anlage aufs Schärfste“.