Kindesentführung in Jülich: mutmaßliche Haupttäter als Manipulator?

Prozess wegen Kindesentführung : Der mutmaßliche Haupttäter als Manipulator?

Im Prozess um die Entführung zweier Kleinkinder aus einer Jülicher Pflegefamilie schilderten in einem weiteren Prozesstag vor der 5. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht zwei Polizistinnen, wie sie die von den Angeklagten überfallene Pflegemutter und eine Haushaltshilfe vorgefunden hatten.

„Sie wirkte zwar gefasst, hatte aber ein völlig rotes Gesicht“, schilderten die Polizistinnen am Montag den Anblick jener Frau, die kurz zuvor brutal überfallen worden war. Die Pflegekinder wurden von zwei Tätern und dem Stiefvater der Kinder entführt, nachdem die Pflegemutter und ihre Haushaltshilfe mit Pfefferspray und einem Elektroschocker verletzt worden waren.

Die Angeklagten Marc G. (31) und Dominik B. (27) hatten ihr die Hände gefesselt, die noch kleinen Kinder wurden mitgenommen, in das vor der Türe wartende Auto mit Fahrerin Janine T. (25) gebracht und nach Belgien in eine eigens präparierte Wohnwagenunterkunft in der Nähe von Spa transportiert.

„Wir haben sie draußen auf der Treppe vernommen, im Inneren des Hauses war es wegen des Sprays kaum auszuhalten“, berichteten beide Beamtinnen übereinstimmend der Vorsitzenden Richterin Regina Böhme.

Als weiterer Zeuge trat sodann ein Nachbar aus der Siedlung am Rande von Selgersdorf auf. Der 62-Jährige war an diesem Februartag gerade mit seinem Hund unterwegs und sah von weitem zu, „wie die beiden Männer aus dem Haus liefen“, jeder habe ein Kind auf dem Arm gehabt und ins Auto verbracht. Dann habe der Wagen hektisch gewendet und sei losgerast.

Im Prozess hatte am Verhandlungstag zuvor Mitangeklagte Janine T. den Antreiber des gesamten Geschehens, den aus dem bergischen Land stammenden Marc. G., stark belastet. Die Hamburgerin hatte sich zu dem Entführungstrio gesellt, weil auch sie als Mutter unter einer Kindeswegnahme durch ein Jugendamt nach ihrer Ansicht zu leiden hatte.

Sie und der aus Bonn stammende Dominik B. waren der Rhetorik von Marc G. erlegen, der den wilden Plan geschmiedet hatte, die in Solingen vom Jugendamt aus der Familie genommenen vier Kinder von Mutter Sarah-Marie G. (32) nach und nach zu entführen und in Belgien zu deponieren. Fahrerin T. hatte in ihrer Aussage deutlich gemacht, dass sie zwar mitgemacht habe, dies jedoch „unter Angst“ vor dem Anführer Marc G. getan habe.

Die Mutter des 27-jährigen B. war aus Bonn angereist und ließ in ihrer Zeugenaussage ebenfalls kein gutes Haar an dem Hauptangeklagten. Ihr Sohn, sagte die 64-Jährige, sei von Geburt an ein an Autismus leidendes Kind gewesen, schilderte sie die Krankheit ihres Jungen. Die habe er inzwischen gut im Griff.

Doch damit gehe einher, dass er, wenn er überzeugt davon ist, alles ohne nach links oder rechts zu schauen durchziehe. Marc G. habe das in infamer Weise ausgenutzt. „Dominik wurde eingeredet, dass es den Kindern in der Pflegefamilie ganz schlecht gehe, er wollte sie retten.“

Dass dem Entführer vorgeworfen wird, Kinder sexuell missbraucht zu haben, das habe ihr Sohn erst im Nachhinein erfahren. Der Prozess wird am 28. November fortgesetzt.

(wos)
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