Jülich: Kanzelrede: Von Religionen und gesellschaftlichen Tendenzen

Jülich : Kanzelrede: Von Religionen und gesellschaftlichen Tendenzen

In der evangelischen Christuskirche Jülich hielt der ehemalige Bürgermeister Jülichs, Dr. Peter Nieveler, vor den Gottesdienstbesuchern eine sogenannte Kanzelrede. Dieses Format etablierte die evangelische Kirchengemeinde anlässlich des Reformationsjubiläums im vergangenen Jahr, in dessen Zuge sich bekannte Persönlichkeiten der Herzogstadt zu einem Thema ihrer Wahl von der Kanzel aus äußerten.

Keine Predigt, kein Vortrag sollte es sein, vielmehr eine eigene Stellungnahme zum heutigen Verhältnis der beiden großen christlichen Konfessionen und anderen gesellschaftlichen Belangen. Und auch in diesem Jahr wurden die Kirchenbesucher Zeugen einer nachdenklichen Rede mit aktuellem Bezug.

Nun ist die Rede eines weltlichen Würdenträgers in einem sakralen Umfeld noch keine Außergewöhnlichkeit. Auch Bundespolitiker sprachen und sprechen bisweilen in Kirchen. Selbst der umgekehrte Fall ist bereits in Gestalt des ehemaligen Papstes am Rednerpult des Bundestages unter leisem Murren in Teilen der deutschen Öffentlichkeit eingetreten. Die Bedeutsamkeit einer solch vermeintlichen Alltäglichkeit erschließt sich allerdings, wenn man einige Jahrzehnte zurückgeht, wie es Nieveler in seiner Rede tat.

Eine richtige Sünde

Die Kanzel der evangelischen Kirche betrat Dr. Peter Nieveler nicht nur als Nicht-Geistlicher, er ist zudem Katholik. Der 83-jährige Alt-Bürgermeister erinnerte daran, wie geteilt die Christen in seiner Jugendzeit im Rheinland waren. So habe er es immer noch im Ohr, das „öffentlich ausgesprochene Verbot im Gymnasium dieser Stadt“, einen evangelischen Gottesdienst als Katholik zu besuchen. Eine „richtige Sünde“ sei es gewesen während seiner Schulzeit. Dieses Verbot galt selbst für die Teilnahme an der Beerdigung des Vaters eines seiner damaligen Schulkameraden, eines Pfarrers. Er nahm an diesem Begräbnis teil. Rückblickend, so Nieveler, wäre er damals nie auf den Gedanken gekommen „an einem Sonntag des Jahres 2018 hier auf der Kanzel zu stehen“.

Doch Peter Nieveler stand an jenem Sonntag im Juni 2018 auf der Kanzel in der Christuskirche und hatte viel zu sagen. 2018, das 501. Jahr nach Beginn der Reformation. Der Überlieferung nach hämmerte der Mönch Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine berühmten 95 Thesen an die Pforte der Wittenberger Schlosskirche, was als symbolischer Auslöser der gravierendsten Spaltung in der christlichen Kirche gilt. Mögliche und tatsächliche Spaltungen politischer sowie gesellschaftlicher Ausprägung und potenziell gefährliche Konflikte sind auch Element der heutigen Gesellschaft und nähren die Ängste der Menschen.

Freudiger Fortschritt

Umso beachtenswerter erscheinen somit auch kleine Annäherungen, wie konzessionsübergreifende Kanzelreden. Nieveler erkannte es als „großen und freudigen Fortschritt“ an, als Katholik in einer evangelischen Kirche sprechen zu dürfen. Er merkte jedoch auch an, es seien „die Menschen in ihrem praktischen religiösen Leben gewesen, welche auf dem Weg zur gemeinsamen Ökumene in den vergangenen 70 Jahren schneller vorankamen als die heilige Theologie selbst“. Als Beispiel des gesellschaftlich Erreichten nannte er die heutige Bezeichnung sogenannter konfessioneller Mischehen als „konfessionsverbindende statt konfessionsverschiedener Ehen“.

Der verdiente Jülicher hofft, dass eine solche Neubenennung eines Sachverhaltes „keine leeren Worthülse und bloßes Wortgeklimper“ darstelle. „Probleme bleiben Probleme“, so Nieveler. Schöne Worte allein übertünchen nicht die thematischen Schwierigkeiten. Vielmehr helfe „die Liebe glaubender Menschen zu ihrer je eigenen Konfession, zu der Religion, in der sie zuhause sind“.

Jülichs ehemaliger Bürgermeister machte sich im Hinblick auf seine Kanzelrede sichtlich Gedanken, was er auch offen zur Sprache 0brachte. Neben der heutzutage obligatorischen vorangegangen Internetrecherche zu seiner Kanzelrede, benannte er auch offenherzig Selbstzweifel, den in seine Person gesetzten Erwartungen an diesem Tag gerecht zu werden. Im Vorfeld auf seinen Auftritt in der Christuskirche angesprochen, mühte sich Nieveler laut eigener Aussage vehement, richtigzustellen, dass er eben keine Predigt zu halten gedenke. Er wolle lediglich seine „ureigene Meinung“ kundgeben. Dies tat er auch.

Meinungsstark und abwechslungsreich erreichte seine Rede die Zuhörer. Nieveler behandelte neben dem Aspekt der Konfessionsverschiedenheit auch weitere Themen. Fußball und Kommerz als Ersatzreligion, der europäische Zusammenhalt oder die sogenannte „Flüchtlingskrise“ beschäftigten ihn ebenfalls. Passend zu seinem Vorsatz eine Meinung und Stellungnahme abzugeben, benannte und erörterte der frühere Lokalpolitiker heutige Probleme ohne in Versuchung zu geraten, vorschnelle und simple Lösungen zu liefern. Seine inhaltlichen Schwerpunkte waren vielmehr darauf angelegt, bei seinen Zuhörern Gedankengänge anzukurbeln und komplizierte Sachverhalte von möglichst vielen Seiten zu betrachten, um eine ausgewogene Diskussion zu ermöglichen. Diese folgte dann im Anschlussgespräch im Dietrich-Bonhoeffer-Haus.

Flüchtlinge, Migranten, Heimat

In Zeiten, in denen die Tendenz immer mehr zu geschlossenen Grenzen geht, erinnerte Nieveler an hohe Tugenden wie Nächstenliebe und Solidarität und betonte, dass zur Würde eines Landes auch eine gescheite Asylpolitik gehört. Natürlich gebe es unter den Migranten Kriminelle und womöglich sogar Terroristen laut Nieveler, „aber dürfen wir dafür ein Kind im Meer ertrinken lassen?“. Die Antwort darauf dürfe nicht von künftigen Wahlen abhängig gemacht werden. Die saubere schematische Trennung in Migranten und Flüchtlinge helfe hierbei nicht weiter.

Auch die neu entstandene Sehnsucht in Zeiten der immer weiter fortschreitenden Globalisierung brachte Jülichs früherer Bürgermeister zur Sprache und nannte als Indiz die „wieder zurückgeholten Kennzeichen wie JÜL, ERK (Erkelenz) oder MON (Monschau)“. „Heimat ist Teil meines inneren Lebens“, bekräftigte Nieveler und mahnte vor der Gefahr der Instrumentalisierung des Heimatbegriffes „als Kampfmittel gegen alle Weltoffenheit“.

Die Zuhörer dürften sich an politische Vorstöße des neuen Bundesinnenministers erinnert gefühlt haben. „Unsere Heimat liegt mitten in Europa“, befand Nieveler, sie sei kein Gegensatz dazu. Umso geistreicher erscheint sein finales Bonmot hinsichtlich dieses Gedankens: „Wenn wir schon ein Heimatministerium brauchen, wäre es sinnvoller in einem Europa-Ministerium angesiedelt als im Innenministerium der Bundesrepublik Deutschland.“

Peter Nieveler sprach von den über Jahrhunderte erlangten humanitären Wertvorstellungen die heute in Vergessenheit zu geraten scheinen. Als seine Quellen nannte er das Grundgesetz und die Zehn Gebote. Er beteuerte zu Beginn der Kanzelrede, er fühle sich an diesem besonderen und herausgehobenen Ort im „wahren Wortsinn fehl am Platze“. An diesem Tag jedoch gehörte er mit seiner Rede wahrlich dorthin.

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