Jülichs erste Schulleiterin wandert aus

Wer war Elisabeth Ruetz? : Jülichs erste Schulleiterin wanderte aus

Wie so oft spielt Elisabeth Ruetz Klavier und singt, als eine Gruppe Indianer das Haus in Columbus betritt und gebannt der Musik lauscht.

Lange bevor die Lehrerin Elisabeth Catharina Hubertina Barbara Ruetz in einem fernen Land für die Ureinwohner am Piano spielt, wird sie im rheinpreußischen Jülich zur Leiterin der ersten öffentlichen Mädchenschule. Für ihre pädagogischen Verdienste wurde sie in diesem Jahr mit der Namensgebung einer Straße von der Stadt Jülich gewürdigt.

1832 gegründet, war diese Mädchenschule „die Vorläuferschule des heutigen Mädchengymnasiums Jülich“, erläutert Dr. Horst Dienstühler, Leiter des Stadtarchivs. Während die Bestrebungen zur Einhaltung der allgemeinen Schulpflicht einen Elementarunterricht in den sogenannten „Freischulen“ kostenlos auch für „arme Mädchen“ vorsahen, vermissten die „bemittelten“ Familien Jülichs und die Offiziere der stationierten Garnison eine „höhere“ Töchterschule. Eine solche Bildungsstätte wurde am 1. Februar 1832 in der ehemaligen Jungenschule am Kirchplatz errichtet.

Die Schulleiterin E. Catharina H.B. Ruetz wird 1811 in einer Kölner Kaufmannsfamilie geboren und „in dem Institute der Fräulein Schön zu Düsseldorf erzogen und herangebildet“. 1830 legt sie in Aachen ihre Lehramtsprüfung ab und spricht am 31. Januar 1832 als 20-jährige ihren Dienst-Eid „mit tiefer und sichtbarer Rührung“ im Jülicher Rathaus aus. Der von Ruetz vorgelegte Unterrichtsplan beinhaltet einen inoffiziell „besseren“ Elementarunterricht sowie Zeichnen, Gesang und Handarbeit. Die fortgeschrittenen Schülerinnen bekommen zusätzlich zwei Lehrstunden Erd-Naturkunde und Geschichte hinzu sowie den damals als Merkmal einer „höheren“ Schule geschätzten Französischunterricht.

Mit einem Gehalt von 260 Reichstalern jährlich und einer freien Wohnung führt die junge Schulleiterin ein unabhängiges Leben. Die Ruetz’sche Schule boomt und Catharina erntet allerseits Lob. So urteilt Schulinspektor Schumacher positiv über die Leistungen der Schülerinnen, der Beigeordnete Anton Kaiser drückt öffentlich seine Dankbarkeit aus und ihr Lehrerkollege Fischer beschreibt sie als „fleißige und brave Lehrerin“.

Dabei ist Catharina Ruetz nicht ganz die „brave“ und leicht zu führende Angestellte. Als die Schülerinnenzahl die zulässige Grenze von 70 zu überschreiten droht, weigert sie sich, weitere, wenn auch „prominente Töchter“ anzunehmen. Die darauf erfolgte Elternbeschwerde wird nach Ortsbegehung vom Schulvorstand abgelehnt und sogar der Unterhalt einer Hilfslehrerin übernommen.

„Sie war für ihre Zeit sicherlich eine außergewöhnliche Frau“, sagt Dienstühler, „mit fachlicher Kompetenz, Selbstbewusstsein und bei aller Konzilianz mit angewandtem Durchsetzungsvermögen konnte sie sich in der damals männerdominierten Gesellschaft behaupten“. 1840 quittiert Ruetz ihren Dienst und heiratet den neun Jahre älteren Jülicher Bürgermeister Jacob Jüssen. Im Haushalt ihres Ehegatten übernimmt sie die Obhut für drei seiner Kinder aus erster Ehe und wird selbst Mutter von fünf Kindern.

1848 wandert die Familie nach Amerika aus. Sie lässt sich zunächst in Watertown (Wisconsin) nieder, wo Jüssen die Postmeisterei führt. Zwei oder drei weitere Kinder Catharinas werden in Amerika geboren. Im Laufe der Jahre führt sie ein bewegtes Leben. Sie bereist den „Mittleren Westen“ und pflegt gesellschaftliche Beziehungen. 1880 stirbt ihr Mann. Im Januar 1891 heiratet sie im Alter von 79 Jahren den 62-jährigen Pädagogen und Musiker Emil C. Gaebler.

Eine im Mai erschienene Anzeige in der Jülicher Lokalzeitung berichtet von einer reinen „Neigung-Heirat“. Die Nachricht erreicht die Jülicher Bürger post mortem, denn Catharina Ruetz-Jüssen-Gaebler stirbt in Milwaukee kurz vor ihrem 80. Geburtstag im April 1891.

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