Jülicher Land: Gewalt gegen Frauen ist keine Seltenheit

Frauen-Beratungsstelle Jülich : Gewalt gegen Frauen ist keine Seltenheit

Die Beratungsstelle Jülich von Frauen helfen Frauen verzeichnet 2018 eine Verdopplung der Opferzahl bei häuslicher Gewalt. Die Einrichtung ist stark überlastet und steht finanziell auf wackligen Füßen.

Die meisten Frauen trauen sich nicht, darüber zu reden. Wenn sie in ihren Beziehungen Opfer von häuslicher Gewalt werden, dann schweigen viele lange, zu lange. Insofern ist es schon sehr alarmierend, dass die Jülicher Beratungsstelle von Frauen helfen Frauen, die für den gesamten Kreis Düren zuständig ist, im laufenden Jahr eine Verdopplung der Fälle verzeichnet, da die Dunkelziffer weiter sehr hoch bleibt. Davon geht Marie Brenner aus, die mit Dagmar Ahrens Geschäftsführerin der Jülicher Einrichtung ist. Von 50 weiblichen Opfern hat die Beratungsstelle mit deren Einwilligung 2018 Daten der Polizei erhalten. „Dann werde ich proaktiv“, sagt Brenner, die dann alle Energie einsetzt, die Frauen erst einmal ans Telefon zu bekommen. Die Rufnummer ist bewusst unterdrückt, damit niemand nachvollziehen kann, mit wem die Opfer gesprochen haben.

In etwa 80 weiteren Fällen kommen Frauen aus eigenem Antrieb auf die Fachleute telefonisch oder persönlich zu. Wenn sie körperliche Gewalt erlebt haben, sei das meistens „die Spitze des Eisbergs“, weiß Marie Brenner aus jahrzehntelanger Erfahrung. Zuvor habe es in der Regel Demütigungen, mannigfaltige Versuche, die Partnerin nonstop zu kontrollieren, das Entziehen von Haushaltsgeld oder auch das Verbot, Freundinnen zu treffen, gegeben. Was die Fachfrau in der jüngsten Zeit selbst schockiert: „Die Gewalt hat sich verändert. Das ist ein Spiegel der Gesellschaft, und es ist alles erlaubt.“

Während vor vielen Jahren die nicht minder schlimme „ausgerutschte Hand“ noch an der Tagesordnung war, „können sie sich heute nicht vorstellen, was da alles passiert“. Da werde geprügelt, getreten, gewürgt – und mehr. Körperliche Gewalt gehe vielfach auch mit sexualisierter einher: also Vergewaltigungen in der Ehe oder Beziehung.

Das Team in Jülich bietet Opfern persönliche oder – auf Wunsch – auch telefonische Unterstützung und Beratung an. Die kann mannigfaltig aussehen und reicht bis zu speziellen Trainings für Frauen, die es noch einmal mit ihrem Partner versuchen wollen, rechtzeitig die Zeichen für einen Gewaltrückfall zu erkennen. Da werden auch individuelle Schutzmaßnahmen und Pläne erarbeitet, was im schlimmsten Fall zu tun ist. „Langfristig versuchen wir, die Stärken der Frauen wiederzufinden. Damit kann sie im besten Fall ein neues Leben ohne Gewalt beginnen.“

Die Geschäftsführerinnen der Beratungsstelle in Jülich: Marie Brenner (l.) und Dagmar Ahrens. Foto: Volker Uerlings

Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) hat am Dienstag Statistiken vorgelegt, die das Problem der häuslichen Gewalt vor allem gegen Frauen auf Bundesebene belegen. Mehr als 140 000 Fälle gebe es. Über zwei Drittel der Täter seien Deutsche. Derzeit könnten in 350 Frauenhäusern und 600 Beratungsstellen pro Jahr 30.000 Frauen betreut werden. „Das reicht nicht“, sagte Giffey.

In Jülich wird ihr niemand widersprechen, denn der Bedarf ist groß, die Finanzierung steht auf wackeligen Füßen, und die Arbeit beinhaltet nicht nur das Thema Gewalt, sondern auch Stalking, Mobbing, Essstörungen oder Mädchenberatung. Zu 414 Klientinnen hatte die Beratungsstelle (fünf Beschäftigte teilen sich drei Stellen) 1959 Kontakte. Die hilfesuchenden Mädchen und Frauen verteilen sich auf Jülich (50,9 Prozent), Linnich (9,7 Prozent), Aldenhoven (9,2), Titz (8,5), Düren (7,5), Inden (4,2), Niederzier (4) sowie übriger Kreis (4,4).

Wie bei vielen Hilfsangeboten gibt es eine Grundfinanzierung, die aber nicht zu 100 Prozent erfolgt. Das Land und der Kreis bezuschussen über 80 Prozent der Kosten für Personal, Miete, Sachaufwand. Den Rest kratzt der Verein zusammen und ist froh, dass es mit Jülich (6800 Euro), Linnich (600), Niederzier (500) und Merzenich (150) Kommunen gibt, die sich beteiligen. Jülicher Fachpolitiker haben in der Sitzung des Ausschusses für Familien und Soziales am Montag mit der mangelnden Solidarität im Kreis gehadert, aber selbst keinen Zweifel daran gelassen, dass sie Frauen helfen Frauen weiter stützen.

Das ist nötiger denn je, denn seit 2016 hat die Beratungsstelle ihre Präventionsarbeit erheblich intensiviert – nach den Silvestervorkommnissen auf der Kölner Domplatte war das auch politisch gewollt. Marie Brenner: „Wir machen Schulworkshops und wohl demnächst auch wieder eine Essstörungsgruppe.“ Für diese Aktivitäten fehlen aber die räumlichen Voraussetzungen. „Jetzt haben wir das Glück, dass wir die Räume über uns mieten können“, berichtet sie. Das ist feste Absicht und bei einer derart ausgelasteten einzigartigen Anlaufstelle wohl auch alternativlos.

(vpu)
Mehr von Aachener Nachrichten