Jülich: Jülicher Forscher ist Kapitän des deutschen Cricket-Nationalteams

Jülich : Jülicher Forscher ist Kapitän des deutschen Cricket-Nationalteams

Als in Indien ein Urknall passierte, war Rishi Pillai zwei Jahre alt. 1983 war das, da stieg das Land fast aus dem Nichts auf zur Cricket-Weltmacht. Eine Mannschaft, ausschließlich mit Amateuren besetzt, wurde überraschend Weltmeister. Für Indien hatte dieser sportliche Urknall eine vergleichbare Bedeutung wie der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 für Deutschland.

Daraus entstand eine Art Massenbewegung, die bis heute anhält. Das gilt auch für Pillai. Obwohl er schon seit 14 Jahren nicht mehr in seiner indischen Heimat Pune lebt, sondern in Aachen und seit 2013 am Forschungszentrum Jülich arbeitet, spielt Cricket in seinem Leben eine besondere Rolle.

„Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, stellte sich für mich die Frage: Setze ich auf Cricket oder werde ich Wissenschaftler?“, sagt er und kann inzwischen antworten: beides. Heute forscht er in Jülich an Beschichtungen, die dafür sorgen, dass das Innenleben von Flugzeugturbinen hitzebeständiger, langlebiger und leichter werden. Und er ist der Kapitän der deutschen Cricket-Nationalmannschaft.

Damals, Mitte der 90er Jahre, musste er sich entscheiden. Im Cricket hatte er Talent, gehörte zur Junioren-Auswahl der Millionen-Stadt Pune. Aber es gab noch keine Profi-Liga, so wie heute. Entweder, man wurde Nationalspieler und verdiente gut, oder man gehörte zu den Unzähligen, die dem Traum vergeblich nachjagten. Deswegen entschied er sich für die Wissenschaft. „Damals musste der Cricket-Verband Geld an die Fernsehsender bezahlen, damit Spiele übertragen werden. Heute bezahlen die Sender.“ Für eine Milliarde Dollar seien die Übertragungsrechte zuletzt verkauft worden.

Promotion an der RWTH

In Indien studierte Pillai bis zum Bachelor-Abschluss und ging 2004 an die Fachhochschule Aachen. Da machte er den Master in Mechatronik und promovierte anschließend an der RWTH Aachen. 2013 wechselte er nach Jülich in die Forschungszentrums-Abteilung für Hochtemperaturkorrosion und -korrosionsschutz. Hier geht es um Materialien, die in hohem Maß hitzebeständig sind, beispielsweise für Kraftwerke, Turbinen oder Flugzeugtriebwerke. Letztere sind Pillais Schwerpunkt. Bis zu 1000 Grad heiß werde die Luft im Triebwerk. Das bedeutet eine enorme Belastung für die mehreren hintereinander gelagerten Schaufeln.

„Der Werkstoff, aus dem sie bestehen, muss mechanisch sehr beständig sein. Und dann ist es wichtig, dass er wegen der großen Hitze nicht schnell oxidiert“, erklärt Pillai die Herausforderung. Weil Flugzeuge auch heute schon fliegen, geht es nicht darum, die Technik neu zu erfinden. Pillais Arbeit zielt auf das Verbessern der Triebwerke ab. Die Bauteile sollen langsamer oxidieren und deswegen länger halten. „Die Kosten sind eine wesentliche Frage. Die Hersteller wünschen sich immer günstigere und immer langlebigere Bauteile, die längere Wartungsintervalle haben“, erklärt Pillai.

Die Superlegierung

Stand der Forschung im Moment sind Schaufeln auf Nickelbasis, auf die eine Aluminium-reiche Schutzschicht aufgetragen ist. Der Nickel-Werkstoff und die Aluminium-haltige Schutzschicht diffundieren ineinander, so entsteht eine sogenannte Superlegierung. Die verträgt hohe Temperaturen über einen längeren Zeitraum und hält den hohen mechanischen Belastungen stand. Außerdem arbeiten die Hochtemperatur-Experten an einem Computerprogramm, das anhand der Betriebsdaten in der Lage ist, zu berechnen, wann die nächste Wartung fällig ist.

So wie ein modernes Auto, das seinen Besitzer nachhaltig-nervend daran erinnert, dass die Zeit für die nächste Inspektion gekommen ist. Beruflich ist Pillai in Jülich in der Weltspitze der Materialforscher im Hochtemperatur-Bereich angekommen. „Ich habe einiges an Laboren in diesem Bereich gesehen. Bedingungen wie hier gibt es nur noch an einem anderen Standort, der ist in den USA“, beschreibt der 36-Jährige. Sportlich gehört er zu den Besten in Deutschland. International relativiert sich das schnell. „Gegen ein Team wie Indien hätten wir wohl keine Chance“, sagt er.

Der lange Weg zur WM

Zwar bestehe das deutsche Team aus vielen Spielern, die die Cricket-Begeisterung aus ihren Heimatländern mitgebracht haben. „Ein Profi in Indien trainiert acht bis zehn Stunden am Tag. Wir trainieren ein bis zwei Mal pro Woche. Mehr ist nicht möglich.“ Für sich alleine arbeitet Pillai beinahe täglich an seiner Fitness. Der Ehrgeiz sei da, den Rückstand nicht zu groß werden zu lassen. Das sei unter den gegebenen Umständen allerdings schwierig. „In Deutschland gibt es so gut wie keine Unterstützung für Cricket. Gleichzeitig hat jeder den Ehrgeiz, die bestmögliche Leistung in der Nationalmannschaft zu bringen.“ Ab dem Herbst versucht sich Pillai mit der Nationalmannschaft am langen Weg der Weltmeisterschaftsqualifikation.

Zwei Vorrunden für Europa, danach eine weitere Qualifikation — eine fast unmögliche Aufgabe. „Es ist mein großer Traum, einmal eine Weltmeisterschaft zu spielen. Wir sind zwar besser geworden. Aber ich glaube nicht, dass das noch zu meiner aktiven Zeit gelingt.“

Auch beruflich hat er einen Wunsch: Rishi Pillai will irgendwann mal das Schicksal vieler Forscher in Deutschland hinter sich lassen. „Es ist mittlerweile üblich, dass die meisten Wissenschaftler sich von Vertrag zu Vertrag hangeln müssen. Aber es ist mein Traum, irgendwann forschen zu können, ohne mir darüber Sorgen machen zu müssen, wie es weiter geht.“

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