Jülicher Europa-Serie: Was bedeutet Europa für Unternehmer?

Jülicher Serie zur Europawahl : Keine EU? Für Eichhorn undenkbar

Wenn Herbert Schiffer sagt, dass „wir mit dem Rücken zur Wand stünden, wenn es die Europäische Union nicht gäbe“, dann gibt der Verkaufsleiter der Carl Eichhorn KG Wellpappenwerke keine emotional begründete Aussage. Es geht ums Geschäft.

Das Jülicher Unternehmen in Familienhand liefert Verpackungen: für Lebensmittel, Sportartikel, für Automobilteile, für Versandapotheken. Die Kunden sitzen fast alle in einem Radius von 300 Kilometern um Jülich. Man könnte also von einem regional aufgestellten Unternehmen sprechen. Trotzdem ist das internationale Geschäft unverzichtbar.

40 Prozent aller Eichhorn-Ware geht laut Schiffer und Geschäftsführer Andreas Weidlich in den sogenannten Benelux-Raum, also Belgien, die Niederlande und Luxemburg. Würde man die EU rückabwickeln, den Euro als Währung wieder mit Deutscher Mark, Gulden oder dem Franc ersetzen und harte Grenzen hochziehen – Eichhorn hätte wohl größte Mühe im Kampf um die 40 Prozent.

„Um Gottes Willen“, sagt Schiffer und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen angesichts der Aufgabenstellung, sich vorzustellen, es wäre wie früher: harte Grenzen, unterschiedliche Währungen. Er kennt das noch. Den sogenannten Papierkrieg beispielsweise. Zoll-Begleitpapiere wie Rechnungen und Ausfuhrerklärungen mussten angefertigt und der Zoll-Zweigstelle an der Ellbachstraße in Jülich vorgelegt werden.

Heute, wenn Ware so schnell wie möglich verschickt werden muss, wäre das ein furchteinflößendes Bürokratiemonster. „Da müsste es nur passieren, dass die auf der Rechnung vermerkte Stückzahl der ausgelieferten Kartons nicht mit der auf der Ausfuhrerklärung übereinstimmt“, sagt Schiffer. Das kann heute schnell passieren. Denn alles muss schnell gehen. Erst produzieren, dann mit den Papieren zum Zoll: zu langsam. Also müssten die Zollpapiere erstellt werden, bevor oder während die Ware hergestellt wird.

Wenn die Produktion dann stockt oder ein Teil der Ware beim Verladen beschädigt und deswegen doch nicht ausgeliefert wird, wäre das eine Problem-Garantie, weil die Zoll-Papiere nicht stimmen. „Schon stünde man da“, meint Schiffer im wörtlichen und übertragenen Sinn. Nämlich an der Grenze. Die konnte früher in unter einer Stunde passiert sein. Oder es dauerte einen Arbeitstag lang, wenn Papiere und Ware nicht passten. Unkalkulierbar, schließlich habe es bei irgendeinem Transporter in der Schlange vor dem Grenzübergang immer Klärungsbedarf gegeben.

Weidlich kennt das aus seiner Zeit vor Eichhorn, als er in der Verpackungs-Branche für ein Unternehmen tätig war, das Kunden jenseits der tschechischen Grenze hatte. „Das war nicht kalkulierbar. Da konnte es sein, dass man fast durchfahren konnte. Oder man stand in einer fünf Kilometer langen Schlange. Egal, an welchem Tag, egal zu welcher Tageszeit.“ Ohne offene EU-Grenzen wäre ein Unternehmen wie Eichhorn im internationalen Geschäft, so wie es heute läuft, nur schwer wettbewerbsfähig. „Heute bestellt, heute oder spätestens morgen beim Kunden“, beschreibt Weidlich den Anspruch des Wettbewerbs.

Was für die Erwartungshaltung des Privatkunden an Online-Versandhändler gelte, gelte genauso für die Versandhändler, die ihren bei Eichhorn bestellten Karton so schnell wie möglich haben wollen. Ohne die EU nicht machbar. „Natürlich kann man sich jetzt darüber unterhalten, wie sinnvoll es ist, dass so viele Privatkunden ihre Bestellung schon am anderen Tag haben wollen“, sagt Schiffer. Aber so sei nun mal das Geschäft.

Mit harten Grenzen und unterschiedlichen Währungen hätte Eichhorn ein weiteres Problem. „Der Warenwert einer Lkw-Ladung ist bei uns vergleichsweise gering“, erklärt Weidlich. Je länger der Transport dauert, desto weniger wirtschaftlich die grenzüberschreitende Lieferung für das Unternehmen. Von der Zusatzarbeit des Umrechnens zwischen den Währungen mal ganz zu schweigen.

Überzeugte Europäer: Andreas Weidlich (l.) und Herbert Schiffer kennen viele berufliche und private Gründe, die für die Europäische Union sprechen. Foto: Guido Jansen

Kunden im Vereinigten Königreich hat Eichhorn keine. Trotzdem macht sich der Brexit auch im Jülicher Familienunternehmen bemerkbar, ob und wann auch immer der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union jetzt kommt oder nicht. Eine Reihe von Kunden, die Eichhorn mit Kartons beliefert, liefern auf die Insel aus.

„Die Kunden haben Angst“, sagt Weidlich. Deswegen liefen bei denen jetzt die Lager heiß. Schiffer spricht von Hamsterkäufen. „Wir merken immer schnell, wenn irgendwo was nicht stimmt. Noch vor dem Geschäftsklimaindex“, erklärt er eine Besonderheit der Verpackungsindustrie. Gerade deutlich zu spüren: Automobil- und Schwerindustrie wandern durch ein Tal.

Schiffer und Weidlich nennen eine weitere, ganz grundsätzlich wichtige Funktion der Europäischen Union. „China und die USA bestimmen mit ihrer Währung den Weltmarkt. Als Deutschland hätten wir dort mit der Mark kaum ein Gewicht“, sagt Weidlich und Schiffer stimmt zu. Im Verbund mit aktuell noch 27 anderen Ländern sei das anders. Und das wiege den Nachteil auf, dass wirtschaftlich stärkere EU-Länder die schwächeren Mitglieder stützen müssen.

Am Ende werden Andreas Weidlich und Hebert Schiffer persönlich. „Ich bin überzeugter Europäer“, sagt Weidlich und Schiffer nickt. „In Europa ist seit über 70 Jahren Frieden. Das ist sensationell, diese Errungenschaft ist mit nichts aufzuwiegen.“

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