Jülich: Schüler diskutieren über Rechtspopulismus

Veranstaltung am Internationalen Tag gegen Rassismus : Schüler diskutieren im KuBa über Rechtspopulismus

Über 100 Schülerinnen und Schüler nahmenvor einer großen Leinwand im KuBa Platz, um sich drei Filme über den Rechtsruck in Deutschland anzusehen und anschließend gemeinsam mit den geladenen Moderatoren über das Phänomen des Rechtspopulismus zu diskutieren.

Die drei Filmbeiträge des Medienprojekts Wuppertal stellten für die anschließend geplante Diskussion eine gute Grundlage dar. Die Schülerinnen und Schüler beteiligten sich, wie erhofft, mit großem Eifer und zahlreichen Wortbeiträgen, so dass die Moderatoren Peter Kirschbaum und Emmanuel Ndahayo wenig Mühe hatten, die Veranstaltung mit Leben und Inhalten zu füllen.

Hintergrund dieses Zusammenkommens bildete die seit Oktober 2017 bestehende Mitgliedschaft Jülichs in der Europäischen Städtekoalition der UNESCO gegen Rassismus. Im Rahmen dieser Mitgliedschaft, zu der über hundert europäische Städte, darunter Metropolen wie London, Sankt Petersburg oder Paris gehören, verpflichtet sich die Stadt zur Umsetzung eines 10-Punkte-Aktionsplanes.

Dazu gehört jährlich eine Veranstaltung zum internationalen Tag gegen den Rassismus. Dementsprechend hatte sich im vergangenen Jahr unter dem Motto "Gemeinsam stark gegen Rassismus" ein überwiegend erwachsenes Publikum im Kulturbahnhof mit der Problematik auseinander gesetzt. „Dort wurde anschließend der Wunsch geäußert, diesbezüglich auch die Jugend verstärkt aufzuklären und einzubeziehen", erklärte die städtische Integrationsbeauftragte und Organisatorin Beatrix Lenzen.

In Kooperation mit der Integrationsagentur NRW-Jülich und dem Projekt NRWeltoffen wurde dieses Vorhaben gemeinsam mit der städtischen Verwaltung in die Tat umgesetzt. Das Gymnasium Zitadelle, das Mädchengymnasium und die Sekundarschule Jülich folgten der Einladung und wurden von ebenso interessierten wie ideenreichen Jugendlichen vertreten.

Dezernentin Doris Vogel beschrieb eingangs in ihrem Grußwort Jülich als " bunte Stadt und Ort der Vielfalt, in der mehr als 120 Nationalitäten leben". Sie würdigte die vielen örtlichen Kulturvereine, „die den Dialog zwischen den Nationen fördern und sich somit für gegenseitiges kulturelles Verständnis engagieren".

Mit Blick auf die anwesenden Schüler und Schülerinnen stellte sie fest, dass sich viele von ihnen mittlerweile gezielt mit dem Thema Rassismus und Diskriminierung auseinander setzten und führte das auch auf das positive Engagement der Schulen, der Verwaltung und anderer Einrichtungen zurück. Die Amtsleiterin warnte allerdings auch vor zu großem Optimismus angesichts „des sich im Aufwind befindenden Rechtspopulismus in der Politik und lauter werdenden rechtsextremen Gruppierungen".

Die Filme und die beiden geladenen Experten Kirschbaum und Ndahayo führten den Schülern vor Augen, mit welchen Mitteln Rechtspopulisten arbeiten, um weitere Anhänger, insbesondere bei der jungen Generation zu gewinnen. „Durch Mehrdeutigkeiten, Polemik oder Verfälschungen werden vorsätzlich Ängste und Ressentiments in der Bevölkerung geschürt", beschrieb Emmanuel Ndahayo, Integrationsbeauftragter der Caritas in Jülich, das Vorgehen der Populisten.

Die seit einem Jahr bestehende Integrationsagentur setzt sich unter anderem für die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements für und mit Migranten ein, sowie eine größere interkulturelle Öffnung der staatlichen Einrichtungen. In diesem Zusammenhang setzt die Agentur auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Schulen der Stadt. Die in einem der Filme von einem AfD-Anhänger aufgeworfene Behauptung, Asylanten und Migranten bekämen höhere Sozialleistungen als Deutsche, nahm Ndahayo als Beispiel und verwies zur Klärung auf die als Mitglied der Verwaltung mit den Umständen vertraute Doris Vogel.

„Das ist eine glatte Lüge", sagte Vogel und ließ sich gern in die Diskussion mit einbeziehen. Den Schülerinnen und Schülern zugewandt erklärte sie den tatsächlichen Sachverhalt. „Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, bekommen die ersten 15 Monate deutlich weniger als den Hartz IV-Regelsatz und danach ebenfalls keinen Cent mehr", so die Dezernentin. Ihre zugewiesenen Wohnungen müssen sie sich mit anderen Flüchtlingen teilen, die sie zuvor nicht kannten."

Rechtspopulismus hat viele Gesichter und verschiedene Adressaten. In den letzten Jahren geriet die Jugend als Zielgruppe verstärkt in den Fokus, vor allem mit Hilfe des Internets und der sozialen Medien. „Rechte Gruppen versuchen ganz gezielt, Jugendliche anzusprechen. Heutzutage auf eine sehr subtile Art und Weise", sagte Peter Kirschbaum, Mitarbeiter von „NRWeltoffen“, einem Projekt zur Prävention von Diskriminierung und zur Demokratieförderung der Landeszentrale für politische Bildung.

„Den klassischen rechten Skinhead gibt es kaum noch, die rechtsextreme Szene gibt sich heute sehr jugendaffin und modern, wobei die Inhalte dieselben geblieben sind, besonders im Internet ist die Hemmschwelle sehr gering“, fuhr er fort. Dies bestätigend berichteten einige Schüler und Schülerinnen von Beleidigungen und Diskriminierungen in den sozialen Medien, mit denen sie sich aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft häufig konfrontiert sehen.

Einen Nährboden für den alltäglichen Rassismus bilden auch verschiedene diskriminierende Aussagen rechter Politiker. Peter Kirschbaum erinnerte diesbezüglich an den Satz des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland, der in einem Interview mit der FAZ vor drei Jahren meinte, die Leute wollten den deutschen Fußballspieler Jerome Boateng nicht als Nachbarn haben.

Später behauptete Gauland im Bezug auf diese Äußerung reingelegt oder falsch zitiert worden zu sein. „Dieses Vorgehen ist strategisch, erst Tabubrüche setzen und dann zurückrudern“, so Kirschbaum. „Die Rechtspopulisten sind gut darin, die Medien und etablierte Parteien vor sich her zu treiben“, sagte er und beschrieb solche vermeintlichen Entgleisungen als ein typisches Beispiel für sogenanntes „Agenda-Setting“, die mediale Themensetzung durch immer extremere in der Öffentlichkeit geäußerte Inhalte.

Ein Patentrezept, wie man mit solchen Tabubrüchen und falschen Behauptungen umzugehen habe, existiere zwar nicht. „Die Medien und Parteien sollten sich die Themen aber nicht immer von Populisten vorgeben lassen und solch geäußertes Gedankengut auch ruhig mal ignorieren“, erklärte er. Darauf bezogen wandte sich die Dezernentin Doris Vogel abschließend an die Schüler mit dem Appell, stets kritische und mündige Menschen zu sein und sich gegebenenfalls gezielt selbst zu informieren, um nicht Opfer populistischer Hetze zu werden.

„Die Schülerinnen und Schüler konnten heute viel mitnehmen und werden sicherlich auch im Freundeskreis darüber berichten“, freute sich Beatrix Lenzen über die gelungene Diskussion.

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