Jülich: Märchenstunde in der Stadtbücherei

Geschichten des Lebens, von Tod und Wundern : Märchenstunde in der Stadtbücherei Jülich

Klassische Zaubermärchen, Mythen und Legenden, geprägt durch Wärme und Humor, prägten den deutsch-italienischen Literaturabend in der Stadtbücherei. Die Veranstaltung war ein Kooperationsprodukt der Stadtbücherei und des städtischen Kulturbüros.

Unter der Überschrift „Storie di vita, morte miracoli“, übersetzt „Geschichten des Lebens, von Tod und Wundern“, zog die vollblütige italienische Geschichtenerzählerin Antonella Simonetti ihre zahlreichen Zuhörer in ihren Bann. Mit gefühlvollen Akzenten untermalte die begnadete japanische Musikerin Ai Aoki mit ihrem Spiel auf dem Saxofon, der afrikanischen Samsura oder der pentatonischen Aquatrump die Handlung.

Simonetti erzählte mit viel Mimik und Gestik und voller Leidenschaft kurze und lange Geschichten von der Liebe als Quelle des Glücks und der Hoffnung, vorzugsweise in orientalischem Ambiente. „Ich bin Italienerin und lebe seit fast 29 Jahren in Köln. Besonders gerne erzähle ich in meiner gemischten Sprache“ verriet sie bei ihrer Vorstellung, die sie gerne selbst übernahm.

Die Intermezzi in italienischer Sprache gestalteten sich besonders gestenreich und temperamentvoll. Das amüsierte Publikum wusste diese Gefühlsausbrüche auch ohne Sprachkenntnisse zu deuten.

Manchmal übersetzte die Darstellerin ihre italienischen Sätze eins zu eins in Deutsche, andere Male ließ sie nur deren Sinn in die weitere Handlung einfließen. Ein Kameltreiber, der im Affekt Steine auf den Besitzer eines Obstgartens wirft und ihn so tötet, ist Protagonist der ersten langen Geschichte. Der Obstgartenbesitzer hatte seinerseits das weiße Kamel des Treibers auf diese Weise getötet, weil es seine roten, reifen Pfirsiche gefressen hatte.

Die drei Söhne des Getöteten wollen das Gold des Kameltreibers nicht als Sühne akzeptieren und zerren ihn vor den Richter. Der Scharfrichter breitet sein Schaffell vor dem Verurteilten aus und sagt: „Knie nieder, schließe deinen Frieden mit dem Schöpfer...“ Aber der Kameltreiber äußert einen letzten Wunsch, nämlich drei Tage und drei Nächte zu Hause zu verbringen.

Bedingung des Richters ist, dass jemand aus der gaffenden Menge sich bereit erklärt, solange den Platz des Verurteilten einzunehmen und für ihn zu sterben, kommt er nicht zurück. Überraschenderweise nimmt ein alter Mann diesen Platz ein. Erst später, nachdem der Kameltreiber in allerletzter Minute zurückgekehrt ist, zum Sterben bereit, klären sich die Hintergründe.

Der Treiber hatte die Juwelen einer alten Frau aus dem Dorf in seinem Besitz, die er zurückzubringen versprochen hatte. Zudem wollte er sich von Frau und Sohn verabschieden. Der alte Mann seinerseits war „in einer Welt groß geworden, in der das Wort eines Mannes noch galt“. Er wäre lieber gestorben, als diese Werte zu verwerfen. Schließlich verfügt der Richter in seiner Amtsgewalt, „dass kein Blut fließt. Lasst uns diesen Sieg feiern, ins Haus gehen, einen guten Apfelwein trinken und das Gold wiegen“, das die Brüder schließlich doch für das Leben ihres Vaters annehmen wollen.

Zwei Geschichten im weiteren Verlauf des Abends zu Wein und Häppchen hatten ein offenes Ende, waren deshalb nicht weniger reizvoll. Die längste und bewegendste Geschichte handelte von einem Fischer, der ohne Ende sein Fischernetz ins Wasser zog, wieder hochriss und die Fische zurück ins Wasser warf.

Auf die Frage des Königs nach Sinn und Zweck erzählte er ihm, dass er seine über alles geliebte Frau während des Fischens in einer Holzkiste im Netz geborgen hatte. Die Ehe blieb kinderlos, aber er war mit seiner Frau und seiner Mutter glücklich, wechselte sogar seinen Beruf und stieg zum Goldschmied auf.

Doch drei verschleierte Frauen mit völlig synchronem Verhalten, die täglich zu ihm kamen, sich durch ihren Duft ankündigten und ihm stets die Frage „Sei felice?“ (Bist du glücklich) stellten, brachten ihn Schritt für Schritt dazu, seine Frau zu vernachlässigen und sie am Ende wieder in ihrer Kiste der See zu übergeben. Bis ihm die Augen aufgingen, und er den Rest seines Lebens damit verbrachte, sie wiederzufinden. Vielleicht sollte ja heute dieser Tag sein?

Das „tolle Publikum“ spendete donnernden Applaus. Ein Preisausschreiben begleitete die Lesung. Mit dem Ausfüllen einer Teilnahmekarte erhielt jeder Gast die Chance, im eigenen Haus mit geladenen Gästen einen solch märchenhaften Abend mit Antonella Simonetti zu erleben.

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