Kuriose Benennung: Warum heißen die Flüsse im Jülicher Land fast alle Teich?

Kuriose Benennung : Warum heißen die Flüsse im Jülicher Land fast alle Teich?

Ein Teich ist per Definitionem ein stehendes, künstlich angelegtes Gewässer. Mit Blick auf die Rur-Landschaft ist das falsch und richtig. Alleine im Jülicher Land gibt es drei Flüsse, die tun, was Flüsse nun mal machen: Sie fließen. Und trotzdem heißen sie Teich.

Die Rede ist vom Linnicher Mühlenteich, der Altdorf-Kirchberg-Koslar-Mühlenteich und der Krauthausen-Jülicher Mühlenteich. Dazu kommt der Hambach-Stetternicher Mühlengraben, der eigentlich in genau jene Kategorie fällt, aber mittlerweile — genau wie der ihn befüllende Ellebach — zum Teil trockengefallen ist.

„Das heißt auch nur an der Rur so. Das Wort Teich kommt in diesem Zusammenhang wohl von Deich“, sagt der Jülicher Historiker Guido von Büren. Mit den Deichen sind einerseits die Wehre gemeint, die die Rur kurz hinter den Abzweigungen der Mühlenteiche stauen, eben damit mehr Wasser entnommen werden kann.

Andererseits bezeichnen sie die Deiche, die Menschen an einigen Stellen an den Rändern der neu geschaffenen Flüsse errichten müssen, weil das Wasser ansonsten überlaufen würde. „Die Mühlenteiche hier sind ein sehr nachhaltiges und altes Zeugnis dafür, dass wir hier in einer Kulturlandschaft leben; also in einer Landschaft, die vom Menschen gestaltet worden ist.“

Wie Perlen an einer Schnur

Der andere Teil des Namens macht deutlich, welche Funktion sie hatten. Sie sollten die Räder der Mühlen antreiben — die waren wichtig in einer Region, in der viel Getreide angebaut wurde. Später spielten die Teiche auch beim Entstehen der Papiermühlen im Dürener Land eine entscheidende Rolle. Entlang der Teiche waren die Mühlen dann platziert wie Perlen an einer Schnur. „Die Rur selbst war dafür nicht nutzbar, weil das Flussbett früher zu sehr mäandriert hat“, erklärt von Büren.

Der Verlauf war beispielsweise im Mittelalter, als die Rur noch nicht begradigt war, zu kurvig und veränderte sich zu oft. Deswegen seien die Menschen entlang der Rur hingegangen und hätte dem Fluss dauerhaft Wasser abgezapft. Dafür haben sie Gräben ausgehoben, Deiche aufgeschüttet oder Neben- oder Altarme umfunktioniert, um fließendes Wasser für die Mühlen zu gewinnen. Das Versorgen der Felder mit Wasser war ein gewünschter Nebeneffekt. „Es gibt sogar Überlegungen, die dahingehen, dass die ersten Mühlenteiche hier schon zu römischer Zeit angelegt worden sein könnten“, schildert von Büren.

Die Mühlenteiche haben laut von Büren auch die frühe Entwicklung des Territoriums der Jülicher Grafen beeinflusst. Dessen Wachstum habe in Jülich begonnen. „Und weil ihnen daran gelegen war, möglichst lange, gerade geschnittene Ländereien entlang der Rur zu haben, damit sie lange Mühlengräben anlegen können, haben sie sich Schritt für Schritt die Rur aufwärts gearbeitet“, sagt von Büren.

Jülicher gruben den Dürenern das Wasser ab

In diesem Bemühen seien sie irgendwann in der sogenannten Waldgrafschaft bei Maubach und Nideggen angelangt, die sie geerbt hatten. Düren gehörte damals noch nicht zur Grafschaft, erst in der Mitte des 13. Jahrhunderts verlor die heutige Kreismetropole ihre Stellung als freie Reichsstadt und wurde an die Jülicher verpfändet. In heißen Sommern führte die Rur weniger Wasser. Wurden die Mühlenteiche im Bereich Kreuzau mit Wasser versorgt, dann kam in Düren nur noch ein Rinnsal an. „So konnten die Jülicher den Dürenern das Wasser abgraben“, sagt von Büren.

Ein bewusstes Drangsalieren sei das nicht gewesen, sondern schlicht dem Umstand des früheren Zugriffs auf die Rur geschuldet. „Die Dürener haben eine Tugend daraus gemacht und angefangen, im Rurbett Kies abzubauen“, schildert der Historiker. Jülich dagegen saß dann trotzdem nicht auf dem Trockenen, schließlich sorgten die Inde und der Ellebach mit ihren Einmündungen hinter Düren für neues Wasser.

„Die Wasserrechte an den Mühlenteichen waren sicher ein Instrument der Macht der Jülicher Grafen und Herzöge. Im Gegenzug standen sie aber in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Teiche genug Wasser führen“, sagt von Büren. Später begünstigte die Struktur mit den Mühlenteichen im Zuge der Industriellen Revolution das außergewöhnliche Wachstum der Papiermühlen. Die Teiche sind quasi der Quell der Papiertradition im Dürener Land.

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