Peinliche Sache: verurteilt in Jülich

Jülichs Haupt- und Kriminalgericht : Pranger, Peitschen, Pein und die Todesstrafe

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gewundert, warum eine vergleichsweise kleine Stadt wie Jülich Standort eines Amtsgerichtes ist? Genau wie Düren beispielsweise. Die Antwort liegt – wie so oft in Jülich – in der Geschichte.

„In Jülich saß das Haupt- und Kriminalgericht für das Herzogtum Jülich. Alles, was man heute als Schwerstverbrechen ansehen würde, wurde hier verhandelt. Unter anderem Dinge, für die man die Todesstrafe ausgesprochen hat“, sagt der Jülicher Historiker Guido von Büren. Auch das untermauerte die zentrale Bedeutung, die Jülich im mächtigen Herzogtum Jülich, Kleve Berg hatte. Außerdem kam Jülich unter den Herzögen Johann III. (1490-1539) und vor allem unter dessen Sohn Wilhelm V. (1516 – 1592) eine Vorreiterolle zu. „Die Rechtsprechung im Herzogtum war sehr fortschrittlich und humanistisch“, sagt von Büren. Jülich sei eine Art Vorbild gewesen, an dem sich andere Landesherren damals orientiert hätten.

Ein bisschen kann man den herzöglichen Hof im 16. Jahrhundert vergleichen mit dem Bestreben Karl des Großen mehr als 700 Jahre zuvor. Der zog in Aachen Gelehrte und Baumeister aus ganz Europa zusammen. Im kleinen Stil haben das auch Johann und Wilhelm getan. Konrad von Heresbach, der als Erzieher für Johanns Kinder an den Hof geholt worden war, war eigentlich Jurist. „Studiert hatte er in Ferrara in Italien, da wo fast alle Rechtsgelehrten dieser Zeit studiert hatten“, weiß von Büren. Baumeister Alessandro Pasqualini und dessen Sohn kamen aus Italien, dem Zentrum der Baukunst in der Renaissance.

Bis weit in Johanns Amtszeit galt eine Art Jülicher Landrecht, wie der Aachener Jurist Peter Robertz in seinem 1943 erschienen Buch „Die Strafrechtspflege am Haupt- und Kriminalgericht zu Jülich von der Karolina bis zur Aufklärung (1540 – 1744)“ schreibt. Im Titel des Buch wird ein wesentlicher Punkt erwähnt, die sogenannte Karolina, genauer gesagt die Constitutio Criminalis Carolina, eine Justizreform aus dem Jahr 1532 unter Kaiser Karl V., jenem Kaiser, gegen den Wilhelm V. später zuerst einen Erbfolgekrieg wegen des Herzogtums Geldern führen und nach seiner Niederlage in dessen Familie einheiraten sollte.

Vor der Karolina war vieles dubios, nicht einheitlich geregelt, das Recht war oft von der persönlichen Auffassung der Rechtsprechenden abhängig. „Mit der Karolina wurde eine einheitliche und transparente Prozessführung eingefordert“, erklärt von Büren. Wie das vor Ort im einzelnen umgesetzt wurde, habe auf einem anderen Blatt gestanden. Im Herzogtum Jülich, Kleve, Berg ging die Reform sogar noch ein paar Schritte weiter in Richtung Moderne.

Vorher war es so, dass derjenige, der Klage erhebt, eine Kaution hinterlegen muss – für den Fall, dass er nicht Recht erhält. Kein Geld, keine Möglichkeit zur Klage. Bis auf eine Möglichkeit: „Oft war er sogar gezwungen, sich mit dem Beklagten in Haft zu begeben“, schreibt Robertz. So saßen sie dann gemeinsam im Hexenturm ein, der Beklagte und der Kläger. Der Hexenturm diente als Gefängnis, aber meistens nur für alle, die auf ihren Prozess warteten. Gefängnis als Strafe war damals unüblich.

Um dem Recht auf die Sprünge zu helfen, führte der Herzog 1534 ein sogenanntes Fiskalat ein. Das erhob dann Anklagen, wenn Verbrechen bekannt waren, sich aber keine Kläger fanden. Das Fiskalat könnte man als Vorläufer der heutigen Staatsanwaltschaft verstehen. Es bestand aus einem Generalanwalt und einem oder mehreren sogenannten Landdrosten als Helfer.

Vorbildlich aus heutiger Sicht ist die damals neue Art allerdings keinesfalls, wie Recht aufgefasst und durchgesetzt wurde. Im Gegenteil: Das finstere Mittelalter war, was die Rechtsprechung angeht, noch nicht lange Vergangenheit. Folter und Todesstrafen waren vielleicht nicht an der Tagesordnung, es gab sie in Jülich aber regelmäßig. Auch nach der Reform hatten Gerichte nicht die Entschädigung der Opfer und erst recht nicht eine mögliche Resozialisierung des Täters im Blick. Laut Robertz galt „das Vergeltungs- und Abschreckungsprinzip“. Strafen mussten drastisch sein. Und sie wurden, wenn es keine Todesstrafe war, etwa ab 1700 oft am Ort der Tat oder dem Wohnort des Verteilten vollstreckt – der Abschreckung halber.

So befestigte der Scharfrichter ein mit Stacheln bewährtes Band um den Hals und verlas das Urteil. Zudem hängte er ihm eine Tafel um, auf der seine Taten zu lesen waren. „Auch wenn es nicht ausdrücklich im Urteil erwähnt wird, ist die Auspeitschung und das Brandmarken sowie die Landesverweisung stets mit dem Pranger verbunden“, schreibt Robertz. Brandmarken waren so etwas wie eine Art frühes Vorstrafenregister. Angeklagte wurden beim Verhör entkleidet, die Art der Brandmarkung verriet dann, wie viel derjenige schon auf dem Kerbholz hatte.

Wenig modern war auch das Ausweiten der Folter im Herzogtum nach der Reform. Im Jülicher Landrecht wurde vor der Karolina gefoltert, wenn im Raum stand, dass der Beschuldigte eine Frau vergewaltigt haben soll, Notzucht an einer Jungfrau hieß der Straftatbestand. Nach 1537 wurde die Folter ausgeweitet auf Einbruch, Straßenraub und Kirchendiebstahl. Verdächtigen wurde die sogenannte peinliche Frage gestellt. Peinlich nicht im Sinne von beschämend, sondern von Pein. Ort der peinlichen Befragung war der Hexenturm.

Die Schöffen entschieden, welcher Natur die peinliche Befragung sein soll. Je schwerer das angenommene Verbrechen, je erdrückender die vorgelegten Beweise, desto schlimmer die Foltermethode. Angefangen mit Daumenschrauben über spanische Stiefel, bei denen das Daumenschrauben-Prinzip auf Unterschenkel und Füße ausgeweitet wird, bis hin zur Streckbank. Gestand der Beschuldigte unter Folter, dann wurde ihm das Geständnis drei Tage später vorgelesen. Stritt er dann alles ab, ging die Tortur von vorne los. Legte er unter Folter kein Geständnis ab, galt er als unschuldig. Gab es mehrere Zeugen, die angaben, das Verbrechen oder eben Nicht-Verbrechen unmittelbar verfolgt zu haben, dann galt die Schuld oder Unschuld als erwiesen. Lieferten Zeugen lediglich Indizien, dann kam die peinliche Befragung ins Spiel.

Gefängnis als Strafe war damals weitgehend unbekannt. Schuldige konnten im Fall einer hochstehenden Person zur Festungshaft verurteilt werden. Zum Festungsbau verdonnert wurde derjenige niederer Abstammung, der nicht zum Tode verurteilt wurde und jetzt als Arbeitskraft ohne Lohn eingesetzt werden konnte. Ansonsten bestand das Strafmaß aus Pein, Pranger, Peitschen oder dem Tod.

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