Zwangsarbeiterlager Iktebach: Ein ganz dunkles Kapitel der Jülicher Geschichte

Zwangsarbeiterlager Iktebach : Ein ganz dunkles Kapitel der Jülicher Geschichte

Mit einer lautstarken Explosion und zwei schwer verletzten jungen Männern ist das Arbeitslager Iktebach im Frühjahr zurückgekehrt in die Jülicher Erinnerung. Der Unfall mit einer Granate aus dem Zweiten Weltkrieg im Wald vor dem Forschungszentrum hat eins wieder deutlich gemacht: „Das ist ein Areal, das durchsetzt ist von militärischen Hinterlassenschaften, und kein Abenteuerspielplatz“, sagt der Historiker Guido von Büren.

Auch wenn die Worte dramatisch klingen, sind sie trotzdem richtig: Ein Teil des Stetternicher Forstes steht für eine der dunkel­sten Stunden in der Jülicher Geschichte, der Boden dort ist mit dem Blut vieler auf tragische Weise ums Leben gekommenen Menschen getränkt.

Der Grundriss: So waren die Baracken des Lagers Iktebach angeordnet. Foto: Museum Jülich

Es war der 29. September 1944, als ein trauriges Kapitel zu einem schrecklichen Ende kam. Das damalige Reichsbahnausbesserungswerk, in dessen Hallen heute das Mechatronikzentrum der Bundeswehr beheimatet ist, war Ziel von Luftangriffen der Alliierten. „Die Alliierten hatten eigentlich eine sehr gute Luftaufklärung. Sie wussten, dass die Deutschen neben wichtigen Militär- und Industrieanlagen häufig Unterbringungen für Soldaten gebaut hatten, die die Anlagen schützen sollten“, berichtet von Büren.

Der Deckel des Essgeschirrs eines Italieners namens Andrea Talmon. Der Name ist eingraviert. Foto: Museum Jülich

Für genau solche hielten die Alliierten auch die Baracken neben dem Ausbesserungswerk. Dass hier rund 1500 Zwangsarbeiter, überwiegend aus Osteuropa, einige auch aus Italien, untergebracht waren, wussten sie nicht. „Für Zwangsarbeiter war bei Luftangriffen kein Luftschutz vorgesehen. Also sollten sie dann zurück in ihre Baracken“, erklärt von Büren die schicksalhafte Verkettung von Ereignissen und Entscheidungen, die zum Tod so vieler führte. „Die Alliierten haben das Vorfeld des Reichsbahnausbesserungswerk stärker getroffen als das Werk selbst. Deswegen stehen die großen Hallen dort heute immer noch.“ Die Baracken wurden bis auf ihre Fundamente zerstört. Wie viele Zwangsarbeiter den Tod fanden, ist nicht bekannt.

Ein Akt der Pietät

„Als die Amerikaner im Februar 1945 die Rur überschritten hatten, stellten sie mit Schrecken fest, dass sie bei Arnoldsweiler ein Zwangsarbeiterlager zerstört hatten und keine Soldatenunterkünfte“, berichtet von Büren von einer Erkenntnis, die sich dann auch für Jülich und das Lager Iktebach ergab. Zuvor seien die Umstände in beiden Lagern unmenschlich gewesen. „Vernichtung durch Arbeit“ — das war die Devise.

Heute arbeitet das Team des Museums Jülich daran, das Areal des Lagers Iktebach unter Bodendenkmalschutz zu stellen. „Das wäre ein Akt der Pietät. In diesem Stück Wald sind viele Menschen ums Leben gekommen“, erklärt der Historiker.

Mitte der 80er Jahre hat das Gedenken an die Toten des Zwangsarbeiterlagers begonnen. Damals installierte Pax Christi am Waldrand ein Mahnmal. „Das muss man hoch anrechnen. Damals war das Gedenken an die Opfer in solchen Lagern noch nicht so im bundesrepublikanischen Denken angekommen wie heute“, erkennt von Büren einen Wandel in der Erinnerungskultur.

Dem müsse in Sachen Erinnerung Rechnung getragen werden. „Die Vernetzung dieser Themen fehlt. Das waren keine vereinzelten Ereignisse. Jedes hatte mit dem anderen zu tun. Heute reicht es nicht, zu sagen: Nie wieder Krieg. Heute muss vermittelt werden, dass es nie wieder ein System geben darf, das den Krieg so fördert wie das damals geschehen war.“

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